
Maßarbeit: Heide Rosendahl gewinnt 1972 mit 6,78 Metern im Weitsprung das erste Gold für Deutschland - einen Zentimeter vor der Zweiten. Auch mit der Sprintstaffel siegt sie hauchdünn© DPA
Der greise IOC-Präsident dürfte froh gewesen sein, dass ihm der deutsche NOK-Präsident Willi Daume für die nächsten Wettkämpfe in München "heitere Spiele" in Aussicht gestellt hatte. Anders als 1936 in Berlin sollten sie, so Daume, "frei von falschem Pathos und der fanatischen Jagd nach Medaillen sein". Ein frommer Wunsch: 7500 Medienvertreter hatten sich angesagt, erstmals übertraf ihre Zahl die der Athleten (über 7000). Die Fernsehrechte von München waren für damals unerhörte 13 Millionen Dollar vergeben worden, zwölf Jahre zuvor in Rom hatten die Übertragungen 400 000 Dollar gekostet. Endlich war in der deutschen Frage vom IOC der damaligen politischen Realität Rechnung getragen worden. Die Bundesrepublik und die DDR traten mit getrennten Mannschaften an - und gingen prompt gegeneinander "auf die fanatische Jagd nach Medaillen".
Als bekannt fähige Organisatoren hatten die deutschen Gastgeber an fast alles gedacht, sogar an Schminkkabinen im Stadion, damit die Siegerinnen mit frischem Make-up aufs Podest steigen konnten. Dem Wasser im Schwimmbecken wurde Kalkentferner beigegeben, um es schneller und schlüpfriger zu machen. "Das ist der großartigste Pool, in dem ich je angetreten bin", lobte Mark Spitz, "er ist für Weltrekorde wie geschaffen." Der 22-jährige Amerikaner mit dem Zahnpastalächeln hatte Recht mit seiner Prognose. Er gewann in allen sieben Disziplinen, in denen er an den Start ging, eine Goldmedaille: vier in Einzelrennen, drei in der Staffel, alle in Weltrekordzeit - bis heute unerreicht. Einen Tag später brachte ein palästinensisches Terrorkommando im olympischen Dorf eine Gruppe israelischer Sportler in seine Gewalt - die Geiselnahme forderte 17 Menschenleben. München erstarrte und mit der Olympiastadt die ganze Welt.
Ein schwarzer Schatten lag fortan über allen sportlichen Leistungen. Er lag über dem Sensationssieg der erst 16-jährigen Ulrike Meyfarth (siehe Kasten Seite 126). Über dem "deutschen Fräuleinwunder" in der Leichtathletik überhaupt, das in zehn der 14 Disziplinen für Goldmedaillen sorgte (und im Zweikampf von Heide Rosendahl aus der Bundesrepublik und der DDR-Sprinterin Renate Stecher seinen Höhepunkt hatte). Oder auch über den unglaublichen akrobatischen Verrenkungen der sowjetischen Turnerin Olga Korbut. Der "blonde Spatz von Minsk" war nur 1,54 Meter groß, ganze 39 Kilogramm schwer, 17 Jahre jung und eine der frühesten Vertreterinnen jener Gattung, die das Frauenturnen im Lauf der Jahre immer mehr zum Kinderturnen degradieren sollten.