Fast 100 Jahre nach den infamen "Anthropologischen Tagen" der Spiele in St. Louis, wo die weißen Herrenmenschen ihre "Neger" und Indianer an Stangen hatten hochklettern lassen, wurden die australischen Ureinwohner von den Veranstaltern als gleichberechtigte Mitbürger behandelt. Als dann die Aborigine-Frau Cathy Freeman den Weißen auch noch den Gefallen tat, den 400-Meter-Lauf zu gewinnen, herrschte Down Under geradezu vollkommene Harmonie - fürs Selbstbewusstsein der Weißen gab es ja noch Ian Thorpe, den hellhäutigen Krauler, der dreimal Gold holte.
Die deutschen Medaillengewinner erinnerten ein wenig an die Helden eines Spätwesterns: Sie ritten glorreich in den Sonnenuntergang. Die erprobten Kämpen Astrid Kumbernuss, 30 (Kugel), und Lars Riedel, 33 (Diskus), hatten 1996 Gold gewonnen, diesmal reichte es zu Bronze und Silber. Die 35-jährige Heike Drechsler war bereits 1992 Weitsprung-Erste geworden, das gelang ihr jetzt mit eher mittelmäßigen 6,99 Metern wieder. Die Kanutin Birgit Fischer, 38, brachte nach 20-jähriger Karriere sogar noch zweimal Gold aus Sydney nach Hause. Mit insgesamt sieben Gold- und drei Silbermedaillen war und ist sie die erfolgreichste deutsche Athletin aller Zeiten. Hinter diesen Sportdenkmälern aber herrschte bei den Deutschen in vielen Disziplinen die große Leere. Sie lässt für die Spiele in diesem Jahr wenig Gutes erwarten.
Ziemlich unerwartet könnten auch die erfolgsverwöhnten US-Sprinter in Athen weniger Medaillen erlaufen. Denn neuerdings nimmt der US-Sport die Dopingbekämpfung ernst, was früher nicht immer der Fall war. In Sydney beherrschte die stets lächelnde Marion Jones die 100- und 200-Meter-Strecke nach Belieben und stieß mit ihren Zeiten fast in die Dimensionen von Florence Griffith-Joyner vor. Weil sie ein so glattes und offenes Gesicht hatte, sah man leicht darüber hinweg, dass sich die Maße ihrer Oberschenkel denen von Flo näherten. Und war nicht ihr Lebensgefährte C. J. Hunter kurz vor den Spielen als mehrfacher Anabolika-Sünder ertappt worden?
Bald nach ihren Siegen in Sydney trennte sich Marion Jones von Hunter und tat sich mit dem Sprinter Tim Montgomery zusammen. Der wird heute von der amerikanischen Dopingbehörde beschuldigt, seine Rekorde mit der neuen Muskeldroge THG erzielt zu haben, die bis vor kurzem von den Analyse-Labors nicht entdeckt werden konnte. Montgomerys Anwältin hält dagegen: "Tim hat absolut nichts falsch gemacht." Auch Marion Jones ist im Zusammenhang mit dem THG-Skandal verhört worden, und ihr Ex-Mann Hunter beschuldigte sie kürzlich, sie sei in Sydney gedopt gewesen. Marion Jones bezichtigt Hunter der Lüge und weist alle Vorwürfe zurück. Bei den amerikanischen Olympia-Ausscheidungen Mitte Juli konnte sich die schnellste Sprinterin der vergangenen Jahre für Athen über 100 und 200 Meter nicht mal qualifizieren. Weil sie zu sehr unter Beobachtung stand, um richtig aufzuladen?
Im vergangenen Jahr wurde Marion Jones Mutter. "Ich habe unterschätzt, was es bedeutet, ein Kind zu gebären", erklärte die 28-Jährige mit unschuldigem Augenaufschlag ihren Leistungsabsturz. Das sollte sie mal Fanny Blankers-Koen erzählen. Die hatte schon die 30 überschritten und zwei Kinder geboren, als sie viermal Gold auf den Sprintstrecken gewann. Das war 1948 in London - in den glücklichen Zeiten vor den Hormonpillen.
Erst spritzen, dann flitzen Im Kampf um Medaillen und Moneten stärken sich Athleten seit je auch mit verbotenen Substanzen wie Amphetaminen oder Anabolika - und Hamsterhormonen florence griffith-joyner Die Sprinterin mit den gewaltigen Oberschenkeln gewinnt 1988 zwei Goldmedaillen Bei Mastvieh hat es schon funktioniert: Man nehme Antikörper zum Protein Myostatin und spritze sie mit einem Lösungsmittel in die Muskelzellen. Die Substanz legt das Myostatin lahm, das im Körper dafür da ist, übermäßiges Wachstum zu bremsen. Damit behandeltes Rindvieh entwickelt so viel Muskelmasse, dass es vor Kraft kaum mehr stehen kann. Und schon wieder haben Profi-Doper ein neues Mittel. Doping ist so alt wie der Leistungssport. Zu Beginn waren die Hilfsmittel vor allem synthetische Aufputschmittel, besonders Amphetamine. Die große Zeit des Dopens begann nach 1960, als die Pharma-Industrie künstlich Substanzen herstellen konnte, die dem männlichen Hormon Testosteron sehr ähnlich waren. Diese Steroide oder Anabolika regen das Wachstum der Muskeln an und hemmen ihre Ermüdung. Als die Anabolika-Kontrollen wirksamer wurden, stiegen viele Athleten in den 80er Jahren auf natürliches Testosteron um, das als körpereigene Substanz lange Zeit nicht aufzuspüren war. Inzwischen gilt menschliches Wachstumshormon als das Wundermittel für den Muskelaufbau, weil es bisher noch immer nicht exakt nachweisbar ist. Leistungsbetrüger nahmen bis vor kurzem verstärkt THG (Tetrahydrogestrinone) ein. Seit einigen Monaten aber kann auch THG nachgewiesen werden. Nicht Muskelkraft, sondern Ausdauer fördert eine zweite Linie der modernen Doping-Apotheke: Substanzen, mit deren Hilfe sich mehr rote Blutkörperchen bilden, die dann dem Körper mehr Sauerstoff zuführen. Langläufer, Radfahrer und Skilangläufer sind die Hauptabnehmer dieser Peptidhormone. Ihr bekanntester Vertreter ist Erythropoetin, kurz Epo genannt. Es wird gentechnisch aus chinesischen Hamsterzellen gewonnen, ist also kein synthetisch, sondern ein natürlich hergestelltes Hormon. Seit den Spielen von Sydney können die Labors jedoch dieses Hamsterhormon vom menschlichen unterscheiden, seit 2002 auch den Epo-Nachfolgestoff Darbepoetin.
Teja fiedler