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29. Juli 2004, 12:08 Uhr

Kampf der Systeme

Bei den Spielen in Montreal, 1976, spielte die Politik erneut mit. Fast alle afrikanischen Nationen boykottierten Olympia, weil Neuseeland teilnehmen durfte. Im Vorfeld war das neuseeländische Rugby-Team in Südafrika angetreten, obwohl das Land am Kap wegen seiner Apartheids-Gesetze vom internationalen Sportbetrieb ausgeschlossen war.

Schwere Zeiten für den neuen IOC-Präsidenten Lord Mike Killanin, der den halsstarrigen Brundage nach den Münchner Spielen abgelöst hatte: Finanzsorgen, politische Pressionen, ein Amateurstatus, von dem alle wussten, dass er nur noch auf dem Papier galt, und immer drängender das Doping-Problem. Erstmals wurde in Montreal ernsthaft auf Anabolika getestet. Dies bedeutete, dass vor allem unter den Gewichthebern eine plötzliche Schwächeepidemie wütete. Die Athleten aus der DDR schienen davon unberührt. Sie überstanden alle Kontrollen, sammelten eine Medaille nach der anderen ein und etablierten sich als Sport-Großmacht. Heute weiß man, dass die DDR schon damals flächendeckend dopte, nur eben geschickter als das Gros der Konkurrenz. Wie weit das deutsche "Fräuleinwunder" in Ost und West, das sich nach München in Montreal vor allem dank Annegret Richter (BRD) sowie Renate Stecher (DDR) fortsetzte, ein Hormonwunder war, lässt sich kaum beantworten. Tatsache ist, dass nie wieder deutsche Leichtathletinnen in zehn von 14 Wettbewerben siegten.

Noch erstaunlicher waren die Erfolge der Schwimmerinnen aus dem ersten deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staat. Die Mädels mit dem breiten Kreuz und dem sonoren Alt räumten elf von 13 möglichen Goldmedaillen ab. Damals soll die berühmte Bemerkung eines DDR-Trainers gefallen sein, den jemand auf die eher tiefen Stimmen seiner Schülerinnen ansprach: "Die sind nicht hier um zu singen, sondern um zu schwimmen." Vier Jahre später fanden die Spiele endlich dort statt, wo sie schon lange einmal hingehört hätten, im Zentrum des Sozialismus. Dort, wo inzwischen auch der Schwerpunkt sportlichen Erfolgs lag. Hatten doch die Sowjetunion und die DDR in Montreal zusammen 215 Medaillen gewonnen, die USA gerade mal 94. Doch die Spiele von Moskau waren nur ein Torso. Denn im Dezember 1979 waren die Russen in Afghanistan einmarschiert. US-Präsident Jimmy Carter reagierte sofort: "Dafür müssen sie bezahlen." Da aber der Menschenrechtler Carter wegen eines asiatischen Wüstenlandes nun doch keinen Weltkrieg riskieren wollte, griff er die UdSSR bei Sport und Prestige an und forderte die Welt zum Fernbleiben von den Spielen auf. Die USA boykottierten, 64 Nationen, darunter die Bundesrepublik, blieben den Spielen auch fern. So liefen am 19. Juli 1980 nur 81 Mannschaften ins Leninstadion ein.

Häufig mit Tränen in den Augen konnten die Daheimgebliebenen am Fernseher verfolgen, wie in den ausgedünnten Konkurrenzen Goldmedaillen unter Wert weggingen und die sozialistischen Staaten aus diesem Olympia ein Heimspiel machten. Und nicht ohne Verbitterung sahen besonders die westdeutschen Athleten Sportler aus anderen Nato-Staaten wie Großbritannien und Frankreich starten und siegen. Deren Regierungen hatten im Gegensatz zur eigenen den Sportlern die Entscheidung über ihre Teilnahme überlassen. "Wir sind betrogen worden", so das vorherrschende Gefühl der bundesdeutschen Olympioniken. Einer, den das Schicksal besonders hart traf, war der Zehnkämpfer Guido Kratschmer. 1976 in Montreal war er noch zu jung gewesen, um Gold zu gewinnen, er musste sich mit Silber begnügen. 1984 in Los Angeles war er dann schon zu alt und belegte Platz vier. 1980 hätte sein Goldjahr sein sollen: Kratschmer hatte am 14. Juni in Bernhausen einen Weltrekord mit 8649 Punkten aufgestellt, den der Sieger von Moskau später klar verfehlte.

Schwarzer September Palästinenser entführen 1972 in München israelische Athleten, bei der Flucht sterben alle Geiseln

Militärflughafen Fürstenfeldbruck nahe München, 5. September 1972, 22.35 Uhr. Maskierte mit Maschinenpistolen steigen aus Helikoptern und besichtigen eine Boeing 727. Es sind palästinensische Terroristen des Kommandos "Schwarzer September". Als sie mit ihren israelischen Geiseln, die sie im olympischen Dorf in ihre Gewalt gebracht haben, die Fluchtmaschine besteigen, beginnt zwischen den Arabern und der Polizei ein Feuergefecht. Nach drei Stunden ist es zu Ende, alle neun Geiseln sind tot - liquidiert von den Terroristen. Von den acht Palästinensern leben noch drei. Ein Polizist stirbt durch einen Querschläger. Insgesamt kommen 17 Menschen ums Leben, denn zwei Israelis - den Ringertrainer Moshe Weinberg und den Gewichtheber Josef Romano - hatten die September-Mörder bereits vorher getötet.

Die Terroristen sind 19 Stunden zuvor über den Zaun des olympischen Dorfs geklettert und in das Quartier der israelischen Sportler eingedrungen. Deutschland will der Welt in München sein neues Gesicht zeigen, nichts soll mehr an die Nazi-Spiele von 1936 erinnern. Sichtbare Polizeipräsenz wird vermieden. Das olympische Dorf ist nicht lückenlos gesichert. Als die Polizisten dort eintreffen, fordern die Terroristen die Freilassung von 200 in Israel gefangen gehaltenen Palästinensern und ungehinderten Abflug mit den Geiseln. Die Verhandlungen ziehen sich hin, am Nachmittag werden alle Wettkämpfe abgesagt. Israel geht auf die Forderungen der Terroristen nicht ein.

Am Abend kommt es zum Drama von Fürstenfeldbruck. Das IOC entscheidet, die Wettkämpfe am nächsten Tag um 13 Uhr fortzusetzen. Aber der Zauber der bis dahin heiteren Spiele ist gebrochen.

Christian Meyer

Teja Fiedler
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