Die Wettkämpfe des Aufbruchs sind 1920 in Antwerpen noch vom 1. Weltkrieg gezeichnet, die Deutschen dürfen nicht teilnehmen. 16 Jahre später lädt Hitler die Welt nach Berlin, um ihr "arische" Überlegenheit zu demonstrieren. Von Teja Fiedler

1936 inszenierten die Nazis mit einer Licktkrone über Berlins Olympiastadion den Glanz ihres Regimes© Leni Riefenstahl / ULLSTEIN
Der Kardinal trug standesgemäßes Kardinalsrot, Belgiens König Albert seine Generalsuniform und jeder der 29 Kriegsveteranen ein lorbeerbehangenes Schild mit dem Namen einer der 29 teilnehmenden Nationen. Zum ersten Mal wehte die Flagge mit den fünf Ringen über den Köpfen der Athleten, zum ersten Mal sprach ein Sportler den olympischen Eid, und zum ersten Mal flatterten Tauben als flüchtiges Friedenssymbol hoch in den Himmel.
Bei den Spielen 1920 in Antwerpen feierte die olympische Idee ihre Auferstehung. Coubertins Schöpfung hatte das Massensterben der europäischen Jugend in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs überlebt. Doch der Waffenstillstand lag keine zwei Jahre zurück, und die tiefen Wunden, die der Krieg geschlagen hatte, waren noch lange nicht vernarbt. So fehlten bei diesem Neubeginn die Deutschen, die Österreicher und die Ungarn. Die Gastgeber hatten die Verlierer zu den sechsten Olympischen Spielen nicht eingeladen - sie konnten den Überfall des Deutschen Kaiserreichs auf ihr kleines Land und die vier Jahre grauenhaften Gas- und Grabenkrieges vor Verdun oder Ypern nicht vergessen. "Gott sei Dank sind wir keine Wilden, aber wir haben die Absicht, die zu zivilisieren, die es lange waren", rief Kardinal Mercier der Jugend der Welt aus der Siegerperspektive zu. Auch den nächsten Spielen, 1924 in Paris, mussten die Deutschen fernbleiben. Erst 1928 waren sie wieder "zivilisiert" genug, um in Amsterdam teilzunehmen.
Auch wenn der Völkerbund den Frieden auf Erden predigte, ging es in den Arenen von Antwerpen schnell wieder kriegerisch zu. Im Finale des Fußballturniers 1920 beharkten sich Belgien und die Tschechoslowakei erbittert. Als der 60-jährige englische Schiedsrichter John Lewis den Belgiern einen umstrittenen Elfmeter gab und dann auch noch ein klares Abseitstor anerkannte, verließen die Tschechen nach einer halben Stunde geschlossen den Platz. Sie wurden disqualifiziert.
In Paris hatte das Boxen seinen großen olympischen Skandal. Der Lokalmatador Roger Brousse war schon im ersten Kampf von seinem argentinischen Gegner beschuldigt worden, ihn in die Schulter gebissen zu haben. Im Viertelfinale zeigte Brousse erneut viel Biss. Nach einem fragwürdigen Punktsieg gegen den Briten Harry Mallin zierten den Engländer die Spuren von Brousses Zähnen an Brust und Schulter. Die Jury disqualifizierte nach langem Hin und Her den Mike Tyson der frühen Jahre. Die englische Presse nannte daraufhin Brousse den "Menschenfresser", der "zuerst argentinisches Fleisch und dann gute Ware aus Old England verdrückt".
Ebenfalls in Paris gab der Fechter Oreste Puliti dem ungarischen Kampfrichter György Kovacs erst eine Ohrfeige und forderte ihn dann zu einem Duell auf scharfe Säbel heraus. Kovacs hatte Zweifel am Finalsieg des Italieners geäußert. Puliti wurde disqualifiziert. Vier Monate später fand auf freiem Felde das Gefecht statt. Die beiden Gentlemen schlugen sich dabei so ausreichend blutig, dass beider Ehre als wiederhergestellt gelten konnte.
Bevor sich Tennis nach 1924 wegen seiner Unvereinbarkeit mit den Amateurregeln für mehr als 60 Jahre aus dem Programm der Spiele verabschiedete, betrat rechtzeitig die so geniale wie bizarre Französin Suzanne Lenglen die olympische Szene. Zweifaches olympisches Gold im Einzel und Mixed-Doppel gewann Lenglen in Antwerpen eher nebenbei, viel wichtiger waren für sie die sechs Wimbledon-Titel ihrer Karriere. "Die Göttliche", wie ihre Bewunderer sie nannten, sah nicht aus wie eine Göttin. Dazu war schon ihre Nase viel zu wuchtig. Doch die Millionärstochter, die ihr Leben lang Ballettstunden nahm, bewegte sich auf dem Platz mit fast überirdischer Leichtigkeit und auf dem gesellschaftlichen Parkett mit der Nonchalance eines Megastars. Dichter schrieben Hymnen an Suzanne und ihren großen, kirschroten Mund, Modeschöpfer inspirierte sie zu Haute-Couture-Modellen.
Nach dem Match ließ sich Lenglen gern mit einer Pelzstola über dem Outfit ablichten. Ihr Olympiaauftritt blieb einmalig, 1924 war sie nicht mehr dabei. Angeblich hatte sie bei Turnieren kräftig Startgelder eingesackt.