5. August 2004, 14:49 Uhr

Muskelspiele

"Go for the Gold" ist das Olympia-Motto von 1984 in Los Angeles. Aber vor allem geht es um Money. Die Wettkampf-Arenen werden von nun an zu Werbebühnen, die Profis treiben sich stärker denn je per Doping zu Höchstleistungen. Den hässlichsten Skandal bringt Seoul 1988. Von Teja Fiedler

Carl Lewis - Mit vier Goldmedaillen der Superstar der Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles©

Zischend und fauchend fuhr der Raketenmann an seinem Düsenrucksack zur Erde nieder, und 100 000 Zuschauer im Coliseum sahen diesem Science-Fiction-Happening zur Eröffnung der Spiele von 1984 voller Staunen zu. Willkommen Zukunft! Willkommen schöne neue Olympiawelt! Wo Sportlerinnen spannenlange, knallbunt gefärbte Fingernägel tragen, überdimensionale Bierreklamen das Stadion säumen - und Athleten von ihrem Vermarktungspotenzial mindestens ebenso häufig reden wie von ihren Endkampfchancen.
Vorbei die Zeit der staatlich gesponserten Spiele, an deren Ende sich fast immer ein Finanzloch von schwindelerregender Tiefe auftat. München, Montreal, Moskau: Jedes Mal hatte die öffentliche Hand so massiv draufzahlen müssen, dass sich für Olympia 1984 als einziger Kandidat Los Angeles gemeldet hatte. Mit einem revolutionären Konzept: Die Kalifornier wollten die Spiele meistbietend verkaufen.

Angesichts dieses Sakrilegs hätte sich Pierre de Coubertin, der Vater der hehren olympischen Ideale, geschämt, und Avery Brundage, der unerbittliche Verfechter des Amateurgedankens, hätte einen seiner berüchtigten Wutanfälle bekommen, wären sie noch an der Spitze des IOC gewesen. Doch 1984 hieß der Präsident Juan Antonio Samaranch. Und dieser so wendige wie selbstherrliche Spanier war fest entschlossen, den olympischen Sport für den Markt zu öffnen. Ein IOC-Mitglied: "Als Samaranch kam, stieß er alle Fenster zum Kommerz weit auf."

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit wurde 1981 die Amateur-Regel ganz gestrichen. Bereits in Los Angeles durfte jeder um den Lorbeer kämpfen, ganz egal, wie viel Geld ihm sein Sport einbrachte. Ab 1988 waren dann sogar Tennis-Groß-Verdiener wie Steffi Graf oder Stefan Edberg am Start. Vier Jahre später toppten die Basketballstars des amerikanischen "Dream Teams" noch die Tennisprofis auf der nach oben offenen Moneten-Skala. Für die luxusgewohnten Newcomer bedeutet Olympia seitdem eine Art Abenteuerurlaub. Steffi Graf fand es zum Beispiel richtig "klasse", in der Kantine des olympischen Dorfs von Seoul mit ihrem Tablett zwischen namenlosen Gewichthebern oder Kanutinnen Schlange stehen zu dürfen, während Magic Johnson und Michael Jordan sich in Barcelona schon manchmal fragten, wo denn ihre Stretch-Limo bliebe.

In Los Angeles ließ Samaranch Peter Ueberroth, dem Chef-Organisator der Spiele, freie Hand, 500 Millionen Dollar von rund 30 Groß-Sponsoren einzukassieren. Deren Werbeflächen beherrschten dann den Umkreis des Stadions. Außerdem verhökerte der gelernte Reisekaufmann jeden Kilometer des olympischen Fackellaufs für 3000 Dollar. Der US-Fernsehsender ABC kaufte die Übertragungsrechte für 225 Millionen und durfte dafür mit "werbegünstigen" Anfangszeiten der Wettbewerbe in den Abendstunden rechnen. So schlossen die ersten Kommerzspiele der Neuzeit mit einem Plus von über 200 Millionen Dollar ab. Seit Los Angeles gab es denn auch nie wieder einen Mangel an Bewerbern.

Einen kleinen Schönheitsfehler hatte Los Angeles: Die UdSSR und ihre Verbündeten fehlten. Als Retourkutsche für den Boykott der Moskauer Spiele von 1980 durch die USA und andere westliche Staaten sagten sie "aus Sicherheitsgründen" ab. Dass erstmals die Volksrepublik China am Start war, wog dieses Manko nicht auf. Wieder einmal war der Weltsport halbiert. Das amerikanische Publikum störte dies nicht. Im Gegenteil, ohne lästige Kommunistenkonkurrenz entwickelten sich die Tage von Los Angeles zu einer hemmungslosen nationalen Selbstfeier. Zuschauer und Athleten schwangen überdimensionale Sternenbanner, das heimische Fernsehen bejubelte in endlosen Features den eigenen Bronzemedaillengewinner und unterschlug den Sieger aus einem anderen Land. "Go for the Gold" war Motto der Spiele.

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