Drittes Spiel, dritter Sieg, dritte Party: Klose führt die Torschützenliste an, Ballack findet seine Rolle wieder und bei Poldi platzt der Torknoten. Mit einem nie gefährdeten 3:0-Erfolg über Ecuador stürmt die deutsche Elf makellos ins Achtelfinale. Von Klaus Bellstedt, Berlin

Mirsolav Klose nach seinem Treffer zum 1:0 - endlich wieder ein Salto© Vincenzo Pinto/AFP
Von wegen Rotationsalarm in der deutschen Nationalelf: Bundestrainer Jürgen Klinsmann schickte im "Endspiel" um den Gruppensieg gegen Ecuador exakt die Mannschaft aufs Feld, die auch gegen Polen begann. Mit einer Ausnahme: Robert Huth erhielt in der Innenverteidigung den Vorzug vor Christoph Metzelder. Vielleicht auch eine Vorsichtsmaßnahme, denn "Metze" hatte gerade erst eine leichte Knieverletzung auskuriert.
"Getragen von des Adlers Schwingen werden wir den Sieg erringen", das wünschten sich die deutschen Fans qua überdimensionaler Bannerbotschaft vor der Partie. Nach nicht einmal 60 gespielten Sekunden waren es allerdings die Ecuadorianer, die die erste halbe Torchance zu verzeichnen hatten. Auf der rechten Seite war Luis Valencia durchgebrochen, aber seine scharfe Hereingabe begrub Jens Lehmann unter sich. Die Hausherren zeigten sich davon wenig beeindruckt und erzielten ihrerseits mit dem ersten durchdachten Angriff die frühe Führung. Der mit nach vorn geeilte Per Mertesacker lupfte den Ball im 16-Meter-Raum rüber auf die rechte Seite zu Schweinsteiger, der das Spielgerät direkt und in den Rücken der südamerikanischen Abwehr zu Miro Klose weiterleitete. Der Sturmführer fackelte nicht lange und vollendete ins lange Eck zum 1:0 (4.). Auftakt nach Maß für das DFB-Team.
Der Schock des frühen Rückstands saß tief bei der Mannschaft von Trainer Luis Suarez, nach vorne ging vorerst nicht mehr viel Konstruktives. Anders die Deutschen, die den Gegner nach knapp einer Viertelstunde und mit dem 1:0 im Rücken geschickt kommen ließen, aber auch selber viel für den Spielfluss taten. Gefährlich wurde es für das Gehäuse von Torwart Mora in der 19. Minute, als Philipp Lahm zu einem seiner gefürchteten Flügelläufe durchstartete und die Flanke auch in die Mitte brachte. Bernd Schneider nahm den Ball mit vollem Risiko an... und hämmerte ihn gut zwei Meter über die Latte. Durchaus schick mit anzusehen.
Die frühe Führung spielte der DFB-Auswahl auch in der Folgezeit in die Karten. Angetrieben von einem aktiven und umsichtigen Michael Ballack nutze die Mannschaft die sich bietenden Räume. Dabei wurde das Mittelfeld immer wieder schnell überbrückt und diagonal in die Spitze gespielt. Vor allem Miroslav Klose wirkte nach seinem dritten WM-Tor wie aufgedreht, er allein stürzte die Ecuadorianer von einer Verlegenheit in die andere. Trotz guter Einschussmöglichkeiten (25./33.) blieb ihm ein weiterer Treffer aber zunächst versagt. Von den Südamerikanern war bis kurz vor der Halbzeit überhaupt nichts zu sehen. Dem Zehner, Ivan Kaviedes, war es vorbehalten, in der 37. Minute zum zweiten Mal aufs deutsche Tor zu schießen. Ohne Erfolg, der Ball strich weit am linken Pfosten vorbei ins Aus.
Als Ecuador gerade im Begriff war, sich ein wenig freizuschwimmen, zogen die Hausherren sofort wieder das Tempo an. Und kamen prompt zu ihrem zweiten Treffer. Michael Ballack chipte den Ball aus dem Stand zu Miroslav Klose. Der Angreifer von Werder Bremen umkurvte Torwart Mora und krönte seine überragende Leistung mit seinem zweiten Treffer (44.). Und endlich hob der Super-Stürmer danach auch wieder zum Salto ab. Danach schickte Schiri Ivanov beide Teams in die Halbzeitpause. Mit einer aus deutscher Sicht beruhigenden und sicher auch verdienten 2:0-Führung wurden die Seiten gewechselt.
Die erste Szene nach Wiederanpfiff gehörte Ecuador, als Edwin Tenorio mit einem gefährlichen Distanzschuss Torhüter Jens Lehmann prüfte. Der zeigte sich allerdings auf der Hut und klärte zur Ecke. Im Gefühl der sicheren Führung schaltete die deutsche Elf nun einen Gang zurück und leistete sich kleinere Unkonzentriertheiten. Ein erstes Ausrufezeichen der Klinsmänner setzte in der 54. Minute Lukas Podolski. Der glücklose Stürmer verwertete ein Lahm-Zuspiel, verpasste mit seinem Schuss von der Strafraumgrenze aber das Tor um Zentimeter. Nur 180 Sekunden später sollte der Knoten aber auch bei Prinz Poldi endlich platzen. Nach einem Konter über Bastian Schweinsteiger und Bernd Schneider war es der Neu-Bayer, der die Hereingabe Schneiders in bester Torjägermanier in die Maschen drückte (57.).
Ecuadors Gegenwehr war nun endgültig gebrochen und hätte Keeper Mora kurze Zeit nach dem dritten Gegentreffer nicht Kopf und Kragen gegen Podolski riskiert, wäre das Debakel wohl nicht mehr zu verhindern gewesen. Stattdessen beruhigte sich nach dieser Szene die Partie etwas, Jürgen Klinsmann nutze die Zeit und brachte drei neue frische Kräfte. Zunächst betraten in der 66. Minute Borowski (für Frings) und Neuville (für Klose) den Platz, wenig später bekam auch Gerald Asamoah noch seine Chance, auf sich aufmerksam zu machen. Er kam für Bernd Schneider in die Partie.
Auch bedingt durch die viele Wechselei ging bei der deutschen Nationalelf in der letzten Viertelstunde der Spielfluss mehr und mehr verloren. Aber was sollte auch noch passieren? Nie hatte man das Gefühl, dass Ecuador an diesem Tag das DFB-Team in echte Gefahr bringen könnte. Dafür waren sie über die gesamte Spieldauer viel zu passiv und harmlos. So sah das alles bis zum Ende mehr wie ein lockeres Trainingsspielchen aus: Deutschland wollte nicht, die Südamerikaner (immerhin auch fürs Achtelfinale qualifiziert) konnten nicht. Drei Minuten vor Schluss wurde es dann aber doch noch einmal gefährlich. Kapitän Michael Ballack zog von der Strafraumgrenze ab, aber sein harter und platzierter Schuss konnte in letzter Sekunde vom guten Gäste-Torwart entschärft werden.
Kurz danach war Schluss und das Hauptstadt-Publikum brach in wahre Begeisterungsstürme aus. Dank eines ungefährdeten 3:0-Erfolges zieht die deutsche Nationalelf, die phasenweise begeisterten Fußball bot, ins Achtelfinale dieser WM ein. Dort trifft sie am kommenden Sonnabend auf Schweden. Das wird dann sicherlich schwieriger als gegen Ecuador, das an diesem hochsommerlichen Nachmittag in Berlin weit hinter den Erwartungen zurückblieb. Das deutsche Team ist dagegen weiterhin auf einem guten Weg, vieles scheint bei dieser WM möglich.
Stimmen zum Spiel Jürgen Klinsmann: "Wir freuen uns sehr. Das ist ein schöner Moment vor 72.000 Zuschauern. Die Spieler sollen das genießen. Ab morgen versuchen wir dann, das in die richtigen Bahnen zu lenken. Wir haben die erste Hürde überstanden und viel Selbstvertrauen erhalten. Jetzt kommen die Knaller."
Michael Ballack: "Einen solch hohen Sieg haben wir nicht erwartet. Es war schon überraschend, weil Ecuador bislang einen guten Eindruck hinterlassen hat. Es ist wichtig für uns, dass wir uns Selbstvertrauen geholt haben. Jetzt kommen die dicken Brocken."
Joachim Löw (Assistenztrainer): "Es war ein ökonomisches Spiel von unserer Mannschaft und eine reife Leistung. Der Gegner hat uns aber auch nie in Gefahr gebracht."
Jens Lehmann: "Wenn man so ein frühes Tor macht bei der Hitze, weiß man schon mal: Das ist viel wert. Dass wir zu null gespielt haben, gibt uns Selbstvertrauen. Aber auch nach dem ersten Spiel war es nicht so, dass wir das mannschaftsintern an der Abwehr festgemacht haben. Jetzt scheint es, dass auch die Mittelfeldspieler ihre Rolle akzeptiert haben, die sie spielen müssen. Ab jetzt spielen wir aber gegen Stürmer, die internationales Format haben. Darauf müssen wir uns einstellen. Da können wir uns keine Schwächen erlauben."
Bundeskanzlerin Angela Merkel:
"Ein wunderschönes Spiel, weiter so."
Theo Zwanziger (Geschäftsführender DFB-Präsident):
"Ich bin begeistert, das war großartig und absolut überzeugend. Das hätte ich in dieser Art und Weise kaum für möglich gehalten, drei Spiele so zu gewinnen, ist eine tolle Sache. Ein Kompliment an Jürgen Klinsmann und seine Truppe. Es ist alles möglich mit dieser Stimmung im Land und dieser Mannschaft."
Matthias Sammer (DFB-Sportdirektor):
"Wir sind sehr zufrieden. Das war ein souveräner erster Teil. Es ist alles möglich, die Mannschaft macht einen kompakten und fitten Eindruck und hat ein paar überragende Akteure. Diese Symbiose aus Mannschaft und Land, das ist es, was uns gefehlt hat."