Startseite

"Ein purer Statthalter der reichen und arroganten Europäer"

Nach dem großen Blatter-Knall will die Fifa mithilfe von Reformen und ihrem frisch gewählten Präsidenten einen Neuanfang machen. Doch ist Gianni Infantino der richtige Mann dafür? Das sagt die Presse.

Der neue Fifa-Präsident Gianni Infantino

"In den Augen vieler Afrikaner oder Asiaten ein purer Statthalter der reichen und arroganten Europäer": Der neue Fifa-Präsident Gianni Infantino

Die Fifa hat einen neuen Präsidenten: Uefa-Generalsekretär  Gianni Infantino setzte sich gegen Scheich Salman aus Bahrain durch und ist Nachfolger seines gestürzten Landsmannes Joseph Blatter. Der deutsche Fußball steht auf der Seite des Siegers. Die Presse ist dagegen eher skeptisch.

"Badische Zeitung"

Nach wie vor sitzen in Fifa-Gremien zwielichtige Funktionäre, die sich vermutlich noch mehr als bisher an ihr Amt und ihre Macht klammern werden. Zudem gibt es in einer Handvoll Länder derzeit keine Verbandsspitze, weil sie von den Korruptionsermittlern der Ethikkommission abgesetzt wurde. Und Vorschläge wie der des neuen Fifa-Präsidenten Infantino, eine Weltmeisterschafts-Endrunde mit 40 statt bisher 32 Mannschaften zu bestreiten, lassen arge Zweifel aufkommen, ob künftig die Vernunft bei der Fifa regiert. Aber genau diese Vernunft und ein bisschen Demut wären jetzt gefragt.

"Der neue Tag"

Hätte der Kongress nach Absegnung der windelweichen Reform - mehr Transparenz, Beschränkung der Amtszeit, Gewaltenteilung, Integritäts-Checks, Frauen-Quote - den Scheich gewählt, hätten sich über die Wahl nur die Funktionäre gefreut. So kann auch die Stadtgemeinde Brig-Glis jubelieren: "Wir sind stolz, mit Gianni Infantino eine herausragende Persönlichkeit unserer Stadt an der Spitze des Weltfussballverbandes zu sehen.

"Braunschweiger Zeitung"

Die Fifa hat mit der Wahl Infantinos gezeigt, dass ihr das Reformpaket nicht viel wert ist. Schließlich dürften es viele Delegierte weniger aus Überzeugung durchgewunken haben, als vielmehr unter dem Druck vonseiten der US-Justiz. Ohne Reformen drohte der Fifa die Einstufung als mafiaähnliches Konstrukt und ein entsprechend drastischeres Durchgreifen der Behörden.  

Tut man Infantino Unrecht, wenn man ihm als Vertreter der alten Hinterzimmerpolitik nicht zutraut, die Reformen und eine neue Kultur der Transparenz implantieren zu wollen? Das Vorurteil ist jedenfalls gut begründet. Und es ist an ihm, es durch Taten zu entkräften.

"Mittelbayerische Zeitung"

Man kann Sepp Blatter vieles nachsagen, aber er war ein Meister darin, die divergierenden Interessen auszutarieren. Nun kommt mit Gianni Infantino ein Mann ins Amt, der in den Augen vieler Afrikaner oder Asiaten ein purer Statthalter der reichen und arroganten Europäer ist. Wenigstens hält der smarte Schweizer ein Reformpaket in Händen, das diesen Namen auch verdient. Mehr Transparenz, mehr Integrität, schön und gut. Aber mit Verlaub: Der eigentliche Impuls zur Läuterung war die trübe Aussicht, in einer amerikanischen Gefängniszelle zu landen. Die schlechte Nachricht für die Kritiker der Fifa lautet: Es geht nicht ohne eine ordnende Hand im Weltfußball. Irgendwer muss die Regeln und den sportlichen Rahmen definieren.

"Badische Neueste Nachrichten"

Verbände wie Funktionäre haben freilich wenig Interesse, gewohnte Pfründe aufzugeben. Die Fifa beschreitet folglich den Weg aus der tiefen Krise mit ein paar neuen Gesetzen im Haus des Weltfußballs, das einer Kernsanierung bedurft hätte. Die Reformen mögen ein erster Schritt sein - von einem echten Neuanfang ist die Fifa mit Infantino aber weit entfernt. Das war die schlechte, aber angesichts der übrigen vier Kandidaten erwartbare Nachricht aus Zürich.

"Nordwest-Zeitung"

Es bedurfte erst eines Bebens in Form einer Sperre des nun nicht mehr amtierenden Blatters, ehe Veränderungen auf den Weg gebracht werden konnten. Ob jeder Fifa-Funktionär dies auch schon verinnerlicht hat, ist eine ganz andere Frage. Vermutlich irren am Wochenende noch immer viele hochrangige Repräsentanten über die Flure von Züricher Hotels, um sich nun, nach der Wahl, wie immer einen dicken Umschlag abzuholen.

Wenn es die neue Führung um Infantino ernst meint, wird es aber keine Umschläge mehr geben. Dass der ein oder andere aber weiterhin danach fragt, lässt sich nicht ausschließen. Dass es durch den Blatter-Abgang einen großen Knall gab, ist im Sinne der Fußball-Interessierten ein Vorteil. Denn nun wird bei künftigen Entscheidungen des neuen Präsidenten eben ganz, ganz genau hingeschaut.

"Rheinische Post"

Der Fußball-Weltverband Fifa hat gestern einen neuen Präsidenten gewählt. Der Schweizer Gianni Infantino folgt auf den Schweizer Sepp Blatter. Vorher hat der Verband ein Paket an Reformen verabschiedet. Seine Probleme aber bleiben die alten. Die Korruption im Verband, nachgewiesen durch Gerichtsverfahren, Sperren und Strafen gegen eine regelrechte Armada hochrangiger Funktionäre und Ex-Funktionäre, wird nicht durch den Austausch von ein paar Mandatsträgern beendet. Sie kann erst beendet werden, wenn die Funktionäre ein anderes Denken lernen. Der zum Glück gesperrte Blatter hat ein System geschaffen, in dem sich führende Funktionäre bedienen können und das durch kleine Wohltaten gegenüber den kleinen Verbänden am Leben bleibt. Die US-Justiz ist gerade dabei, dieses System offenzulegen. Es ist sicher, dass weitere Spitzenmanager im internationalen Fußball wegen ihrer Verstrickungen auffliegen werden. Manager, die sich gestern für die Reformen im Weltverband gegenseitig auf die Schultern geschlagen haben. Lupenreine Reformer eben.

Thüringische Landeszeitung"

Ob der neue Mann im Weltfußball das Ruder rumreißen kann, steht in den Sternen. Zumal er in seinen Kompetenzen arg beschnitten wird, soll er doch nur noch repräsentieren. Die Hoffnung, dass sich jetzt beim allmächtigen Verband alles zum Besseren wendet, die wird sich nicht erfüllen. Auch wenn die Fifa auf ihrem außerordentlichen Kongress in Zürich ein Reformpaket verabschiedet hat, fällt es schwer, daran zu glauben, dass der modrige Sumpf, den Blatter und Co. hinterlassen haben, jemals trocken gelegt werden kann. Wie auch, wenn die jetzt handelnden Personen schon während Blatters Amtszeit in wichtigen Positionen verankert waren und den Kurs des in die Wüste geschickten Ex-Präsidenten aus der Schweiz mitgetragen haben. Und da ging es um sehr viel Geld und Macht. Und das macht bekanntlich schwach und angreifbar für Gefälligkeiten.

mad/DPA
täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools