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29. Juli 2009, 12:16 Uhr

Formel 1 vor dem Abgrund

Die Formel 1 passt nicht mehr ins Konzept von BMW. Der Münchner Autobauer steigt in der wirtschaftlichen und sportlichen Krise zum Saisonende aus der Rennserie aus. Das ist ein ernst zu nehmendes Alarmsignal für die gesamte Branche, denn das Beispiel der Bayern könnte Schule machen. Von Elmar Brümmer, München

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Durch die Boxengasse in die Garage: BMW steigt zum Saisonende aus der Formel 1 aus© Peter Steffen/DPA

Das Konzernprogramm, dem das Formel-1-Engagement von BMW jetzt zum Opfer fällt, heißt ausgerechnet "Number One". Es geht darin um "Zukunftsfähigkeit" und "Nachhaltigkeit" - und am Ende natürlich ums Geld. Als Achter der aktuellen Weltmeisterschaftstabelle, nur noch vor den Armenhaus-Rennställen Toro Rosso und Force India liegend, ist die Werksmannschaft in dieser Saison weiter denn je davon entfernt als sonst. Hypothetisch, ob die akut mangelnde technisch-sportliche Leistungsfähigkeit am Ende den Ausschlag in der BMW-Vorstandssitzung am Dienstag gegeben hat. "Natürlich ist uns diese Entscheidung schwer gefallen. Aber dies ist ein konsequenter Schritt vor dem Hintergrund der strategischen Neuausrichtung unseres Unternehmens", verkündeten unisono der Vorstandsvorsitzende der BMW AG, Norbert Reithofer, und sein Ressortleiter Entwicklung, Klaus Draeger.

In der Saison 2009 hinkt die Truppe von Mario Theissen zum ersten Mal dem ehrgeizigen eigenen Zeitplan hinterher, der den Sprung an die Spitze und spätestens 2010 den Gewinn des WM-Titels mit der deutsch-schweizerischen Mannschaft vorsah. Es gibt immer zwei Punkte, mit dem ein Automobilhersteller sein sportliches Engagement elegant beenden kann: Abtritt auf dem Höhepunkt - oder dem Tiefststand. Vorexerziert 1986, als man als Weltmeister abtreten konnte.

Spielwiese Formel 1 moralisch schwer zu verkaufen

Eigentlicher Beschleuniger für das Szenario ist natürlich die Automobilkrise: BMW hat im Mai 18 Prozent weniger Fahrzeuge verkauft als im Vorjahreszeitraum. Kurzarbeit, Personalabbau, drohende Werksschließungen machen es bei allem Marketing-Wert immer schwerer, die Spielwiese Formel 1 moralisch zu verkaufen. Zumal, wenn der Erfolg fehlt. Auf um die 200 Millionen Euro wird der Jahresetat von BMW-Sauber von Experten geschätzt, laut Motorsportdirektor Mario Theissen ist das aber nur noch die Hälfte der Summe, die noch 2005 fällig wurde, als man Motorenlieferant für Williams war. Die Effizienz an den Standorten Milbertshofen, Landshut und Zürich-Hinwil in allen Ehren, aber die Anlaufkosten seit der Übernahme des Sauber-Teams dürften sich mit Supercomputer und neuer Rennfabrik auf eine halbe Milliarde Euro belaufen.

Eine ungewisse Zukunft für gut 700 Mitarbeiter. Die 270 Motorenfachleute in München haben noch die wenigsten Sorgen, für sie wird sich im Technologiekonzern schon was finden. Die besten der 420 in der Schweiz zusammengezogenen reinen Formel-1-Experten dürften anderswo Anschluss finden, gleichwohl in der Rennszene lukrative Jobs auch weniger werden. Windkanal und Hochleistungsrechner sind am ehesten anderweitig industriell zu nutzen. Die Entscheidung ist noch zu frisch, um Zukunfts- oder Sozialpläne für die Belegschaft zu formulieren, sagen die BMW-Manager. Bis September aber sollen Lösungen gefunden werden. Dass das Team ähnlich wie der im Dezember von Honda verlassene Brawn-Rennstall auf eigenen Füßen weiter existieren kann, weil der Konzern die für 2010 schon eingeplanten Gelder ausbezahlt und noch ein Abfindungssümmchen drauflegt, ist eher unwahrscheinlich. Peter Sauber, der an seinem Lebenswerk noch mit einer Anteilsminderheit beteiligt ist, wird nicht noch mal von vorn anfangen. Andere Automobilwerke wie VW-Audi haben ebenfalls gerade andere Sorgen.

Der BMW-Entscheid kann die ganze Formel 1 in den Abgrund ziehen, wenn die Argumentation der "Nachhaltigkeit" greift, mag sie nun plakativ vorgeschoben sein oder nicht. Wenn einer mal den Anfang macht… Eilig ließ der Wackelkandidat Toyota verbreiten, der Serie treu zu bleiben. BMW-Lokalrivale Mercedes will ebenfalls weitermachen. Aber was ist mit Renault, wo schon länger auf Sparflamme gekocht und der öffentliche und wirtschaftliche Druck auch größer wird?

Rennserie bekommt anderes Gesicht

Der scheidende FIA-Präsident Max Mosley feiert seinen Verband nun als "Schutzengel" und wirft den Werksteams, die ihn zum Rücktritt gedrängt haben, vor, sich durch die Blockade von weiteren Kostenkürzungen das eigene Grab geschaufelt zu haben. Die gefundene Kompromissformel, die für die Zukunft zwar keine Budgetobergrenze, aber weitere Einschneidungen vorsieht, "reiche hoffentlich aus". Das Gesicht der Formel 1 wird sich in jedem Fall verändern, wenn 2010 ein Werksteam weniger und - vielleicht - drei Privatrennställe mehr am Start sind. Die Standardisierung vieler Teile ist zwar finanziell sinnvoll, nimmt aber firmenintern das Argument des "Technologietransfers" zur Serie. BMW war zu der Entscheidung über Nacht gezwungen worden, weil im Rahmen des unterschriftsreifen neuen "Concorde Agreements" in den nächsten Tagen eine Weiterverpflichtung für drei Jahre hätte fixiert werden müssen. "Persönlich enttäuscht" zeigt sich Ingenieur Theissen, aus sportlicher Sicht hätte einiges für den Verbleib gesprochen. Er verstehe aber die Unternehmensposition. Ihm, und den beiden vor der Tür stehenden Piloten Robert Kubica und Nick Heidfeld, bleibt nur noch die minimale Schadensbegrenzung durch bessere Resultate in den letzten sieben Rennen.

Von Elmar Brümmer, München
 
 
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