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Der Last-Minute-Champion

Nach sieben Mal Schumi heißt es nun erstmals "Seb": Sebastian Vettel hat sich im letzten Formel-1-Rennen den WM-Titel gesichert. In einem Finale, das es in 60 Jahren nicht gegeben hat.

Von Elmar Brümmer, Abu Dhabi

  So sehen Sieger aus: Sebastian Vettel ist der jüngste Titelträger der Formel-1-Geschichte

So sehen Sieger aus: Sebastian Vettel ist der jüngste Titelträger der Formel-1-Geschichte

Deutschlands Super-Talent wird bei RTL gekürt. Aber nicht bloß samstags, sondern vor allem am Sonntagnachmittag: Sebastian Vettel hat sich beim Großen Preis von Abu Dhabi zum jüngsten Weltmeister der Formel-1-Geschichte gekürt. Auf den allerletzten Drücker, ein echter Last-Minute-Champion. Zum ersten Mal überhaupt führt er damit die WM-Tabelle an, einen besseren Zeitpunkt kann es nicht geben. Papa Norbert, der es vor Nervosität nicht an der Piste ausgehalten hat und vor den Hotelfernseher flüchtete, bilanzierte nach dem Show-Down pragmatisch gelassen: "Es hat funktioniert, egal wie. Man muss einfach daran glauben, was der Junge kann."

Der stärkste Mann im stärksten Auto, und endlich hat es gehalten: In einem Finale, das es in 60 Jahren Formel 1 nicht gegeben hat. Vier Kandidaten, 330 rechnerische Konstellationen und am Ende wurden in Abu Dhabi alle Prognosen auf den Kopf gestellt. Das würdige Finale zu einer Saison, die von der Chaos-Theorie beherrscht wurde. "Ein spannenderes Jahr habe ich noch nie erlebt", sagt Formel-1-Zampano Bernie Ecclestone. Es ist ein Versprechen für die Zukunft - mit einem Weltmeister der die Zukunft wie kein anderer verkörpert. Zum achten Mal stellt Deutschland den schnellsten Mann der Welt, nach sieben Mal Schumi nun erstmals "Seb". Der Beginn einer Ära?

Alles oder Nichts

Drama, Baby! Mit seinem fünften Saisonsieg macht Sebastian Vettel allen Frust des Jahres und vor allem 15 Punkte Rückstand auf den Ferrari-Favoriten Fernando Alonso wett, der nur Siebter wird, als es darauf ankommt. Endstand dieser Auf- und Ab-Weltmeisterschaft deshalb: 256:252 zwischen dem Deutschen und dem Spanier. Das sensationelle Comeback beweist, dass es selten gut geht in diesem Sport, auf ankommen zu fahren. Alles oder Nichts, das war die Vettel-Taktik, nach all dem Frust dieser Saison, in der er längst hätte als Weltmeister feststehen können, ja müssen. Freier Kopf, freie Fahrt voraus. Die leidige Stallorder-Diskussionen spielte ganz schnell keine Rolle mehr, in keiner Hinsicht.

Gesamt-Dritter wird Mark Webber (246 Punkte), der konstanteste Fahrer der Saison stürzt ab und ist jetzt definitiv Red Bulls Nummer zwei nach seinem Absturz auf Platz acht. Er gibt sich als fairer Verlierer: "Seb hat alles richtig gemacht. Wir haben alle mal die WM angeführt, aber nur Seb hat es zum richtigen Zeitpunkt gemacht." Vierter der WM-Wertung ist Lewis Hamilton (240) im McLaren-Mercedes, der den Titel als jüngster Champ los ist. Der zweitplatzierte Brite und sein folgender Landsmann Jenson Button sind die ersten Gratulanten in der Boxengasse. Sebastian Vettel kniet nieder vor seinem Red Bull. "Unglaublich! Ich liebe Euch alle, danke Jungs", hatte er nach dem fünften Saisonsieg über Boxenfunk gebrüllt. Vettel, der Mann, der allen Pleiten zum Trotz den Ton der Saison angegeben hat und jetzt als Strahlemann mit Disco-Helm aus Schumis Schatten gefahren ist.

"Es war so hart"

Und mit was für einer Kaltschnäuzigkeit. Den ganzen Sonntag über ging er allen Hochrechnern aus dem Weg, dachte nur daran, sein Ding zu machen. Das ganz große Ding. Und dann bilanziert er mit immer wieder versagender Stimme: "Es war so hart. Körperlich und mental. Aber ich habe immer ans Auto, ans Team, an mich geglaubt." Und fuhr seinen eigenen Krimi, wollte nichts vom Kommandostand hören, außer seiner eigenen Position: "Ich wusste bis zur Ziellinie nicht, ob es reicht, was ich abgeliefert habe. Bis er gebrüllt hat: Du bist Weltmeister! Dann war klar, dass es uns niemand mehr nehmen konnte. Und das nach all dem Auf und Ab... Aber manchmal muss man einfach einen kühlen Kopf bewahren."

Vettel vergaß niemand bei seiner Dankes-Arie. Die Brausebrauer von Red Bull nicht, sein Sponsor, seit er zehn ist, und auch nicht die Kart-Kumpels aus Kerpen, Freundin Hanna, die in Heppenheim bei den Eltern auf der Couch mitzitterte. Michael Schumacher, der väterliche Mentor, zog die Silberkappe: "Sebastian hat ein fantastisches Jahr hinter sich. Da waren auch ja auch ein paar Rückschläge dabei, für die er nicht immer was konnte. Der letzte Teil der Saison war einfach toll und geradeaus." So wie er eben ist.

Jetzt ist er selbst ein Großer

Sebastian Vettel zieht von der zehnten Pole-Position aus sofort vorneweg, gefolgt von den überraschenden McLarens von Lewis Hamilton und Jenson Button, der gleich an Fernando Alonso vorbeigegangen ist. Platz vier beim Neustart nach der fünften von 55 Runden würde dem Spanier immer noch reichen. Doch dann ruft Ferrari schon im 15. Umlauf zum Reifenwechsel - der große taktische Fehler. Fortan steckt der Champion von 2005 und 2006 im Verkehr fest, kommt nicht am Russen Vitali Petrov vorbei. Vom rettenden vierten Rang ist er immer weiter entfernt, als nach anderthalb Stunden Zitterpartie für PS-Deutschland das Finale Furioso abgewunken wird. Sebastian Vettel kann es noch gar nicht glauben, jetzt in einer Liste mit Michael Schumacher und Ayrton Senna geführt zu werden. Der Junge, den sie bei seinem ersten Formel-1-Auftritt 2007 als Ersatzpilot bei BMW "Baby-Schumi" gerufen haben, ist jetzt selbst ein Großer.

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