HOME

Oh Kohle mio - um so viel Geld geht es in der Formel 1 wirklich

Wie die Formel-1-Teams mit unglaublich viel Geld bei Laune gehalten werden, damit sie nicht aus dem Rennzirkus aussteigen.

Von Harald Kaiser

Formel 1

Bei der Formel 1 geht es um viel Geld.

Bis Ende 2017 ergießt sich wieder ein warmer über die Formel-1-Szene. Es ist keiner, für den man Regenreifen bräuchte. Es ist vielmehr einer, für den lediglich die Kassen geöffnet werden müssen, um die Monetenflut auffangen zu können. Es geht um fast eine Milliarde Dollar, die unter jenen Teams verteilt wird, die es in der Saison 2016 unter die zehn Besten der Konstrukteurs-Rangliste geschafft haben. Wobei man erwähnen muss, dass von dieser Regel ausgerechnet jene Rennställe am meisten profitieren, die ohnehin die größten Budgets zur Verfügung haben.

Damit ist nahezu ausgeschlossen, dass Hinterbänklerteams, die finanziell oft am Abgrund fahren und stark knapsen müssen, jemals in die Reichweite von WM-Punkten oder gar eines Grand Prix-Sieges kommen. Denn dafür ist nicht nur erlesene und superteure Technik nötig sowie zumeist üppig dotierte Top-Piloten, sondern eben auch schier unendlich viel Kohle, um sich immer ausgefeiltere Fahrwerke oder Antriebe ausdenken und leisten zu können. Und diese Budgets werden durch die jährlichen Boni ein Stück refinanziert.

Eigentlich ein schwachsinniger Geldkreislauf, denn die ewigen Verlierer hätten die Dollars nötiger. Gezahlt wird der Saison-Bonus immer in zehn Raten im Jahr darauf aus dem Einnahmetopf des Formula One Managements (FOM), das seit wenigen Monaten vom US-Medienkonzern kontrolliert wird. Die verzögerte Auszahlung der Boni hat den Sinn, dass die in den Geldgenuss kommenden Teams auf diese Weise sich aufgefordert fühlen sollen, weiterzumachen mit dem Ziel, auch im Jahr darauf von dem warmen Geldregen profitieren zu können.

940 Millionen Dollar fließen an die Teams

Die Einnahmen stammen zum Beispiel aus Verträgen mit Rennstrecken und TV-Sendern, aus der Vermarktung der Werbebanner bei den Rennen oder aus dem elitären Paddock-Club, in dem VIPs für Tickets bis zu 6300 Dollar pro Rennwochenende zahlen. Das FOM hat in der abgelaufenen Saison 1,4 Milliarden Dollar eingenommen. Gut 940 Millionen davon fließen an die Teams, die WM-Punkte erzielen konnten. Nach Darstellung der Insider-Website motorsport-total.com. sieht die aktuelle Geldrangliste so aus:

1. 180 Millionen Dollar (- 9 %)
2. Mercedes 171 Millionen Dollar (+/- 0)
3. Red Bull Racing 161 Millionen Dollar (+12 %)
4. McLaren 97 Millionen Dollar (+18 %)
5. Williams 79 Millionen Dollar (- 9 %)
6. Force India 72 Millionen Dollar (+ 7 %)
7. Scuderia Toro Rosso 59 Millionen Dollar (+ 3 %)
8. Renault 52 Millionen Dollar (- 19 %)
9. Sauber 49 Millionen Dollar (- 10 %)
10. Haas 19 Millionen Dollar (ohne Vorjahresvergleich).

Ferrari liegt trotz des deftigen Minus vor Weltmeister Mercedes, weil das italienische Team von der LST-Regel profitiert. Die Abkürzung steht für "Longest Standing Team", also der Rennstall, der am längsten bei der Rennserie mitmacht. Dafür allein überweist FOM einen Bonus von 68 Millionen Dollar. Ohne den wäre Ferrari nur Dritter in der Geldrangliste.

Es geht um Millionen

Um Millionen geht es auch in einem anderen Feld des Vollgasgeschäfts: Der Mehrheitseigentümer Liberty Media will offenbar einen Teil seiner Anteile verkaufen. Nach Angaben US-Blogs Saward ist Liberty drauf und dran, an der New Yorker NASDAQ-Börse Firmenanteile im Wert von 400 Millionen Dollar (rund 358 Millionen Euro) zu verkaufen, um Altschulden zu tilgen und einen hoch verzinsten Kredit abzulösen. Liberty zielt offenbar darauf ab, nur noch acht Prozent von den ursprünglichen 14,4 Prozent halten zu wollen.

Anteile abschmelzen wollen dem Vernehmen nach auch die anderen Mitbesitzer: Die Investmentfirmen Waddell & Reed und LBI beabsichtigen offenbar, ihren Besitz auf 4,31 respektive 2,6 Prozent (vormals 7,7 beziehungsweise 4,8 Prozent) zu senken. Ähnlich will auch die Norge Bank verfahren – die norwegische Zentralbank – mit künftig nur noch 2,1 Prozent. Der gefeuerte Ex-Formel 1-Boss Bernie Ecclestone bleibt über seinen Bambino-Trust mit 1,7 Prozent (vormals 3,1 Prozent) im Boot und besitzt ferner als Privatmann einen Anteil von unter einem Prozent. Und inwieweit Ferrari sowie der Automobil-Weltverband FIA, beide erst seit kurzem mit Minianteilen Mitbesitzer der Formula One Group, eventuell schon wieder verkaufen wollen, ist unbekannt. Wahrscheinlich ist es aber nicht.

Das in den letzten Jahren intensiver gewordene Gezerre um die Anteile des Formel-1-Konzerns hat die Teamchef in der Regel wenig tangiert, weil sie auf diesem Feld ohnehin nichts zu melden haben. Sie waren untereinander vielmehr häufig damit beschäftigt, sich gegenseitig an die Karren zu fahren, wenn sie glaubten, das eine oder andere Konkurrenzteam verwende eine illegale Technik, die Vorteile verschafft und die Autos schneller macht. Oder es ging schlicht ums Geld, die oft als zu gering empfundenen FOM-Jahresprämien zumeist, die zu Ungunsten eines Konkurrenten gerne nachverhandelt wurden und werden. Oft flogen über die Medien die Fetzen, wenn sich die vielfachen Millionäre kloppten wie die Kesselflicker. Einig waren sie sich nur darin, nicht einig zu sein. 

Jetzt aber gibt es ein Thema, bei dem Einigkeit unter den ansonsten hartgesottenen Machern auszumachen ist: Es geht um den Brexit, den bevorstehende Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Denn sechs der momentan zehn in der internationalen Rennserie engagierten Teams haben ihren Hauptsitz in dem Nordsee-Königreich: Mercedes, Williams, McLaren, Renault, und Force India. Ein weiteres, das Haas-Team, hat seinen Firmensitz zwar in den USA, lässt aber die Formel-1-Mannschaft von England aus operieren. Hingegen sitzen Ferrari wie Toro Rosso in Italien und Sauber in der Schweiz.

Der Brexit könnte für die Formel 1 zum Problem werden

Hinsichtlich des wohl unausweichlich kommenden Brexit drängen Fragen, die die betreffenden Teamchefs möglichst rasch beantwortet haben wollen. Sonst drohen schwerwiegende Konsequenzen für alle Beteiligten. Der Sinkflug des Britischen Pfundes zum Beispiel macht Hotels, Catering und andere Punkte eines Grand-Prix-Wochenendes teurer. Sollte es nach dem EU-Ausstieg nicht zu bilateral ausgehandelten Freihandelsabkommen und Übereinkünften über die Arbeitnehmerfreizügigkeit kommen, tauchen die nächsten Probleme auf.

Was ist etwa mit den deutschen Angestellten der Mercedes-Motorenfabrik in Brixworth, wird auf einer Insider-Website gefragt? Sie müssten eventuell eine Arbeitserlaubnis beantragen. Und weiter: Wie bekommt Red Bull seine Renault-Motoren aus Frankreich ins britische Milton Keynes? Stehen die damit beladenen Laster stundenlang an der britischen Zollkontrolle? Und was kostet es, wenn London plötzlich wieder Einfuhrzölle erheben sollte? Wie kommen die Transporter samt Rennwagen runter von der Insel, wenn zeit- und kostenaufwendiger Papierkram für enorme Verzögerungen sorgen?

Fragen über Fragen, Antworten gibt es noch keine. Experten schätzen, dass in Großbritannien mehr als 40.000 Arbeitsplätze direkt von der Motorsport-Industrie abhängen, die mutmaßlich mehr als zehn Milliarden Euro Jahresumsatz erzeugt. Angenommen, die Briten schalten nach dem Brexit auf stur und pochen auf Bürokratismus, dann bleibt für die jetzt dort stationierten Teams nur die die Abwanderung aufs europäische Festland - was viele Millionen verschlingen würde.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wissenscommunity