Die Regierung Berlusconi hatte, wohl auch unter dem Einfluss des mächtigen Chefs von Italiens Fußballverband, Antonio Matarrese, die als gefährlich eingestufte Fahrt der Neapel-Ultras zum Auswärtsspiel nach Rom erlaubt. Nun musste Innenminister Roberto Maronri einräumen, dass seine Strategie des Vertrauens gegenüber den Extremisten gescheitert ist. Bei den schweren Ausschreitungen am Sonntag wurden zehn Polizisten verletzt. Die teils Vermummten zwangen die Passagiere des gekaperten Zugs zum Aussteigen, plünderten und demolierten anschließend die Waggons. Bahnbedienstete hatten vergebens versucht, die Hooligans am Einsteigen zu hindern, weil sie keine Fahrkarten besaßen. Vier Kontrolleure wurden angegriffen und verletzt. Die Bahngesellschaft Trenitalia nannte Schäden in Höhe von einer halben Million Euro.
Die Regierung hat nach der Randale am ersten Spieltag der italienischen Fußballmeisterschaft scharfe Maßnahmen angekündigt. Die Fans des Erstligisten SSC Neapel sollen während der ganzen Saison zu keinem Auswärtsspiel ihrer Mannschaft mehr fahren dürfen. Innenminister Roberto Maroni sagte in einem Fernsehinterview, sämtliche Täter müssten zur Verantwortung gezogen werden, eine Stadion-Sperre für zwei Jahre bekommen und unter dem Vorwurf der kriminellen Vereinigung strafrechtlich verfolgt werden. Die Regierung will damit künftig vermeiden, dass eingesperrte Randalierer nach wenigen Tagen wieder aus der Haft entlassen werden müssen. Genau das war nach den Krawallen geschehen. Der zuständige Richter war gezwungen, die Straftäter wieder freizulassen.
Außerdem ist es vorgesehen, dass die Spiele, die als gefährlich gelten, unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgetragen werden. Die dafür zuständige Beobachtungsstelle im Innenministerium wird von Fall zu Fall entscheiden. Der Kartenverkauf für das Spiel Neapel vs. Florenz wurde bereits gestoppt. Die Fahrt der Milan-Fans zum Auswärtsspiel gegen Genova wurde untersagt. Die beiden Begegnungen des zweiten Spieltags der Erstligisten galten den Fußball-Beobachtern als riskant. Ebenso wie eine Partie der Zweitligisten Ancona vs. Ascoli und die weiteren Spiele Potenza vs. Gallipoli sowie Vibonese vs. Cosenza. Vor leeren Rängen soll auch das Qualifikationsspiel für die WM Italien vs. Georgien nächste Woche in Udine stattfinden.
Sollen die Klubs doch lieber gleich vor leeren Stadien spielen, mag man denken. Denn der Fußball in Italien hat schon lange nichts mehr mit Sport zu tun - oder gar mit Vergnügen. Er ist zum Spielball brutaler Gewalt geworden. Laut einer Studie, die La Repubblica veröffentlichte, wächst die radikale Szene weiter. 80 Prozent der Fangruppen seien rechts - oder linksextremistisch unterwandert. Der Soziologe Alessandro Dal Lago macht überdies eine Radikalisierung aus. Die Ultras würden vor den Sicherheitskräften nicht mehr davonlaufen, sondern den offenen Kampf mit ihnen geradezu suchen.