
Einsam: DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder will über Völlers Nachfolger ganz allein verfügen© Bongarts
Mit den zur Auswahl stehenden Spielern könnte kein Trainer der Welt für 2006 einen souveränen WM-Favoriten basteln. Aber genau das ist die Aufgabe. Völler hat erkannt, dass es hoffnungslos ist.
Zwei Tage nach dem Aus, ein wolkenloser Himmel spannt sich über Quinta do Lago in Südportugal. Michael Ballack ist nicht mit der Nationalelf nach Hause geflogen, seine Familie hatte für die EM-Wochen eine Villa gemietet, ganz in der Nähe des Hotels Ria Park Garden, Mayer-Vorfelders Trutzburg. "Ich bin enttäuscht von Rudis Entscheidung", sagt Ballack, "und verstehen kann ich sie auch nicht." Der Bayern-Spieler ist tiefbraun geworden in Portugal, am Ende fiel kaum noch auf, dass sich unter seine Augen nach jedem Match tiefe Falten gegraben hatten.
Völler trat zum Abschluss vor seine Männer und bat sie, "sich jetzt nicht gegenseitig zu zerfleischen". Mit seinem wichtigsten Feldspieler hat er nicht mehr unter vier Augen geredet. "Rudi", sagt Ballack, "hat der Nationalmannschaft wieder Leben gegeben, eine Struktur, er hat uns die Sympathie zurückgewonnen und einen Teamgeist geschaffen, für den er ganz wichtig war." Wer vor der EM wider besseres Wissen auf Deutschland setzte, setzte auf diesen Effekt. An Ballack, 27, ließ er sich am besten messen. Er hat in einer kleinen Mannschaft ein großes Turnier gespielt, natürlich auch, weil das System auf ihn zugeschnitten war. "Der Rudi", sagt er, "hat mir die Rücken-deckung gegeben, die ich brauche, um meine beste Leistung zu bringen." Ob er sich nun im Stich gelassen fühle? "Nein", sagt Ballack. Er ist kein Typ, der ja sagen würde. Aber alles, was er sagt, klingt so, als sei der Teamchef der Grund gewesen, warum er sich stets auf die Nationalelf freute.
Vertrauen aufbauen, aus vielen Geschwächten eine Einheit bilden: Man wusste vorher, dass das Völlers Programm ist. Man wusste nicht, dass nicht einmal das reichen würde. Sein ehrenhafter Rücktritt war sein letzter Dienst an der Mannschaft. Die Zeitungen waren am nächsten Tag voll mit Nachrufen, und man kann sich vorstellen, wie sie sonst ihre Seiten gefüllt hätten. Man brauche nun einen Trainer, der unbefleckt sei, der wieder Kredit habe, sagte Völler. Was er meinte, war: Sonst steht diese Truppe die nächsten zwei Jahre bis zur WM nicht durch. Und dann ging er.
"Wenn nicht der Rudi, wer dann?", fragt Ballack, Sorge in der Stimme. "Wer hat dann Kredit? Egal, wer jetzt kommt, nach zwei mäßigen Spielen brennt doch in Deutschland wieder der Baum." Der neue Trainer allerdings bekommt zunächst durchaus Kredit. Aber alle Spieler, die älter als 25 Jahre sind, haben keinen mehr.
Zwei Tage vor dem ersten Match gegen Holland sitzt Abwehrchef Jens Nowotny in der Lobby des Hotels Ria Park Resort und sagt ruhig: "Ich stehe extrem auf der Abschussliste." Er meint die "Bild"-Zeitung, mit der er seit neun Monaten nicht mehr redet, er sieht sich falsch zitiert. Jeden Tag fordert "Bild" bis zum EM-Start: Nowotny raus. "Völler hat schon vor sechs Monaten zu mir gesagt: Wir ziehen das durch. Und der Rudi hat das Rückgrat, zu seinem Wort zu stehen", sagt Nowotny. Er ist 30, nach zwei Kreuzbandrissen wirkt er nicht mehr so schnell wie ehedem. Aber gegen Holland wird er es sein, der verhindert, dass die Abwehr zurückweicht, seine Erfahrung hält die Linien zusammen.
Zwei Wochen später, nach dem EM-Aus, schreibt "Bild": "Nowotny: weg!" Erstklassige Verteidiger jedoch gibt es in Deutschland so wenig wie treffsichere Stürmer. Und wer jung ist, ist nicht automatisch gut. Erst 2000 begriff man beim DFB den Wert der Nachwuchsarbeit. Die Saat ist noch nicht gereift, ein Philipp Lahm noch immer als Zufallstreffer zu werten. Wenn der sich verletzte, wäre er ebenso wenig zu ersetzen wie zur EM Sebastian Deisler und Christoph Metzelder.