Am 24. August 1963, Konrad Adenauer war noch Bundeskanzler, begann die erste Saison der deutschen Eliteklasse. Eine Hommage an vier aufregende Jahrzehnte, große Fußballkönner - und unvergessene Momente

Keiner lebt so intensiv mit seinem Verein: Schalke Fans nach dem verlorenen Finish gegen Bayern 2001© Bongarts
Blau und Weiß und Dortmundgelb und Bayernrot und Gladbachgrün - alles Schwarz und Weiß. Schwarz und Weiß auf den Bildern, die das Öffentlich-Rechtliche zeigt, jetzt zum Jubiläum, 40 Jahre Bundesliga, rauf und runter. Reporter, die aufgeregt brüllen. Dabei hatten die sonst gar nichts Wernerhanschmäßiges, sondern beteten Spielzüge runter, als läsen sie aus einem Intercity-Fahrplan vor. Gab's damals schon einen IC?
Wurscht. Du siehst - schwarz und weiß - rauchende Männer auf den Rängen mit triefenden Hutkrempen, Anzug und Krawatte darunter, selbstverständlich, denn es ist Feiertag, es ist Fußballsamstag. Du weißt, sie haben nur zwei Anzüge im Schrank, einen fürs Hochamt am Samstag halbvier, Schalke gegen München Sechzig vielleicht, den anderen fürs Hochamt am Sonntag, halbzehn, Lobet den Herrn! Daran denkst du jetzt vor dem Fernseher. Hast das letzte Mal geheult so vor schätzungsweise 100 Jahren, als du beim Pausenraufen in der Volksschule vom feisten Heinz-Peter eins in die Schnauze kriegtest, und danach nie wieder, weil Jungs nicht heulen und Männer schon gar nicht, auch nicht bei der Geburt der Kinder, nicht mal auf dem Friedhof, als sonst alle schluchzen mussten. Aber jetzt, ganz allein vor dem Fernseher, die alten Bilder; und die Suppe läuft dir über die Backen und du kannst nichts machen: Scheiße, es ist nun mal zum Heulen. Zum Heulen traurig, aber auch zum Heulen schön. Die Bundesliga. Ohne Fußball wäre das Leben so grau wie ein ewiger November.
November, weißt du noch? Dein erstes Spiel überhaupt. Schalke- Hannover, im grauen elften Monat des Jahres 1965. Du siehst erst gar nichts, bist viel zu klein und die Jungs neben dir auch. Und dann heben euch Hände über den Zaun, und die Männer in langen Mänteln auf der Holzbank am Spielfeldrand rücken für euch zusammen. Schutzmänner nennen wir sie ehrfurchtsvoll. Schutzmänner in den Sechzigern riechen nach feuchtem Leder und Pferd und Tabak. Vor uns pflügen sich schwere Spieler über den Rasen in engen Leibchen, zum Anfassen nahe, kein Zaun dazwischen und kein Stacheldraht. Die Glückauf-Kampfbahn in Gelsenkirchen-Schalke dampft im Dunst von Regen und Zigaretten, und dann bebt sie, als Günther Herrmann das 1 : 0 schießt. Die Blauen siegen, und du wünschst von nun an, dass jeder Tag ein Samstag sei.
Wenn denn Samstag ist und Heimspiel, gibt's erst Sauerkraut und Kartoffelpürree oder Reibekuchen, und dann stehst du zweieinhalb Stunden vor dem Anpfiff an den schwarzen Kassenhäuschen, Taschengeld hast du keins, und wartest auf einen "Onkel", der dich mitnimmt. Einer, der eine teure Tribünenkarte gelöst hat und so tut, als gehörtet ihr zusammen; auf eine Tribünenkarte lässt der Ordner den Neffen auch durch. Du kommst immer rein. Und brüllst dir dann die Knabenkehle wund, dass du noch montags zu heiser bist fürs "Vaterunser" beim Religionsunterricht.