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Der Schiedsrichter bleibt der Dumme

Skepsis gegenüber der Einführung des Videobeweises im Fußball ist zwar angebracht, doch was spricht gegen eine Testphase? Einen großen Vorteil hätte er: Betrügern würde ihr Geschäft erschwert.

Von Oliver Fritsch

Im Fußball müssen diejenigen, die etwas Neues anstoßen wollen mit dickköpfigen Reflexen leben - so ist es auch nun mit dem Videobeweis, eine technische Hilfe für den Schiedsrichter, die auch einige andere Sportarten nutzen. Die Kritiker wehren sich mit Händen und Füßen und fürchten nicht weniger als die "Entmenschlichung" des Fußballs.

Schauen wir uns ihre Argumente einmal genauer an: Erstens, nennen wir sie die "Wembley-Tor-These", lebe der Fußball von Fehlern und den Diskussionen darüber. Wirklich? Gut, der Fußball lebt (zum Teil) von Fehlern der Spieler. Aber auch von denen der Schiedsrichter? Das wäre arm, wenn seine Anziehungskraft davon abhinge. Ich halte das Gegenteil für wahr: Je besser der Schiedsrichter, desto freier kann sich ein Spiel entfalten.

Ist uns doch egal

Zweitens würde sich der Profifußball von der Basis entfernen. Lassen wir mal an dieser Stelle die Frage offen, ob er das nicht schon auf anderen Ebenen längst getan hat (Stichworte Kommerzialisierung, "Fifaismus"). Gerade in Sachen Spielleitung ist das ohnehin schon der Fall. In den untersten Klassen, das bedaure ich Woche für Woche, gibt es zum Beispiel keine Linienrichter. Außerdem denke ich, dass wir Amateurfußballer damit klar kämen, wenn in der Bundesliga technische Hilfsmittel angewendet würden, die uns nicht zur Verfügung stehen. Um nicht zu sagen: Ist uns doch egal.

Drittens könne man auch mit dem Videobeweis keine Fehlerfreiheit gewährleisten. Jüngst hat der renommierte Schiedsrichter Markus Merk nach seiner vermeintlich falschen Abseitsentscheidung im Spiel Werder Bremen gegen Borussia Dortmund, die er während des Spiels auf der Videoleinwand leidend beobachten musste und die das Bremer Führungstor zur Folge hatte, ein Konzept zur Einführung des Videobeweises angekündigt (allerdings nur angekündigt) - als begrüßenswerte Hilfe für den Schiedsrichter und seine Assistenten. Doch Merk ist von seiner Zunft bereits vor der Veröffentlichung zurückgepfiffen worden; forsch ablehnende Stimmen seiner Kollegen sind zu vernehmen. In der Schiedsrichter-Zeitung des DFB legt nun Ex-Schiri und "Bild"-Redakteur Lutz Lüttig nach intensiver Analyse aller TV-Bilder dar, dass gerade das Tor gar nicht so eindeutig abseits gewesen ist wie es im Fernsehen zunächst aussah. Der Videobeweis, wenn er denn angewendet worden wäre, hätte hier vermutlich zu einem falschen Ergebnis geführt. Doch ob dieses eine Beispiel aussagekräftig genug ist, um die Funktionstüchtigkeit des Videobeweises zu widerlegen? Die Frage muss doch lauten, ob das neue technische Hilfsmittel in der Lage ist, die Fehlerquote bei wichtigen Entscheidungen deutlich zu senken; kein Befürworter erwartet, dass Fehler mit Hilfe von Kamerabildern ausgeschlossen würden. Man möchte ja auch nicht auf Linien- oder gar Schiedsrichter verzichten, nur weil auch sie Fehler machen.

Von Unterbrechungen würde das Team profitieren, das auf Verteidigung setzt

Ihre Widerstände lassen darauf schließen, dass Schiedsrichter nicht bereit sind, Befugnisse abzugeben. Merk würde es übrigens nicht mehr betreffen, denn er wird, so liest man nun, am Ende der Saison zurücktreten - eine Ankündigung, die erstaunlich wenige Reaktionen nach sich gezogen hat. Eigentlich hätte man damit rechnen können, dass seine Chefs und Kollegen ihn, den Leiter des letzten EM-Finals, bitten, ein letztes Jahr dranzuhängen, bevor er das Pensionärsalter für Schiris erreicht.

Viertens würde, entgegnet Schiedsrichterfunktionär Volker Roth, der Spielfluss zerstört. Das ist nicht so ohne weiteres von der Hand zu weisen. Spielunterbrechungen machen es einer Mannschaft schwer, den Gegner unter Druck zu setzen. Von Unterbrechungen würde das Team profitieren, das auf Verteidigung setzt, etwa das führende. Es könnte also die Attraktivität des Spiels leiden. Zweifellos das stichhaltigste Argument der Gegenseite.

Skepsis gegenüber dem Videobeweis ist natürlich angebracht - zumal der Einwand berechtigt ist, dass Schiedsrichter ohne Zeitlupe so viele Fehler nun auch wieder nicht unterlaufen. Warum also mit großem Aufwand und einige Risiken in Kauf nehmend eine neue Technik einführen, um einen möglicherweise geringen Ertrag zu erlangen?

Warum nicht mal probieren?

Doch gab es nicht mal die Akte Hoyzer? Ist ja nur ein Einzelfall. Und kommt nie wieder vor. Heißt es. Aber mit dieser Schwarzes-Schaf-Beschwichtigung seitens des DFB und der Schiedsrichter gebe ich mich nicht zufrieden. Mit dem Videobeweis hätten es Betrüger wesentlich schwerer; auch der Heimschiedsrichterei, einem geleugneten, aber existierendem Ärgernis könnte man vorbauen. Und der Videobeweis würde ein Dilemma abschaffen: Alle Welt sieht, vor dem Fernsehschirm oder gar im Stadion, dass das ein Elfmeter oder Abseits war - nur derjenige, der es zu entscheiden hat, muss dumm bleiben. Und sich am Ende beschimpfen lassen.

Warum sich also so vehement gegen eine mögliche Verbesserung wehren, warum nicht mal probieren? Die Fifa, die das ja zu entscheiden hat, sollte eine Testphase bei einem Jugendturnier oder in unteren Ligen durchführen. Mit einem maßvollen, begrenzten Einsatz, zum Beispiel eine Intervention pro Halbzeit und Team, könnte der Videobeweis zum Hilfsmittel werden, das die Fehlerquote im Milliardengeschäft Fußball reduziert - und seine Anfälligkeit für Schiedsrichterbestechung.

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