Der Schiedsrichter bleibt der Dumme

24. April 2008, 11:16 Uhr

Skepsis gegenüber der Einführung des Videobeweises im Fußball ist zwar angebracht, doch was spricht gegen eine Testphase? Einen großen Vorteil hätte er: Betrügern würde ihr Geschäft erschwert. Von Oliver Fritsch

Welt-Schiedsrichter Markus Merk ist ein Verfechter des Videobeweises©

Im Fußball müssen diejenigen, die etwas Neues anstoßen wollen mit dickköpfigen Reflexen leben - so ist es auch nun mit dem Videobeweis, eine technische Hilfe für den Schiedsrichter, die auch einige andere Sportarten nutzen. Die Kritiker wehren sich mit Händen und Füßen und fürchten nicht weniger als die "Entmenschlichung" des Fußballs.

Schauen wir uns ihre Argumente einmal genauer an: Erstens, nennen wir sie die "Wembley-Tor-These", lebe der Fußball von Fehlern und den Diskussionen darüber. Wirklich? Gut, der Fußball lebt (zum Teil) von Fehlern der Spieler. Aber auch von denen der Schiedsrichter? Das wäre arm, wenn seine Anziehungskraft davon abhinge. Ich halte das Gegenteil für wahr: Je besser der Schiedsrichter, desto freier kann sich ein Spiel entfalten.

Ist uns doch egal

Zweitens würde sich der Profifußball von der Basis entfernen. Lassen wir mal an dieser Stelle die Frage offen, ob er das nicht schon auf anderen Ebenen längst getan hat (Stichworte Kommerzialisierung, "Fifaismus"). Gerade in Sachen Spielleitung ist das ohnehin schon der Fall. In den untersten Klassen, das bedaure ich Woche für Woche, gibt es zum Beispiel keine Linienrichter. Außerdem denke ich, dass wir Amateurfußballer damit klar kämen, wenn in der Bundesliga technische Hilfsmittel angewendet würden, die uns nicht zur Verfügung stehen. Um nicht zu sagen: Ist uns doch egal.

Drittens könne man auch mit dem Videobeweis keine Fehlerfreiheit gewährleisten. Jüngst hat der renommierte Schiedsrichter Markus Merk nach seiner vermeintlich falschen Abseitsentscheidung im Spiel Werder Bremen gegen Borussia Dortmund, die er während des Spiels auf der Videoleinwand leidend beobachten musste und die das Bremer Führungstor zur Folge hatte, ein Konzept zur Einführung des Videobeweises angekündigt (allerdings nur angekündigt) - als begrüßenswerte Hilfe für den Schiedsrichter und seine Assistenten. Doch Merk ist von seiner Zunft bereits vor der Veröffentlichung zurückgepfiffen worden; forsch ablehnende Stimmen seiner Kollegen sind zu vernehmen. In der Schiedsrichter-Zeitung des DFB legt nun Ex-Schiri und "Bild"-Redakteur Lutz Lüttig nach intensiver Analyse aller TV-Bilder dar, dass gerade das Tor gar nicht so eindeutig abseits gewesen ist wie es im Fernsehen zunächst aussah. Der Videobeweis, wenn er denn angewendet worden wäre, hätte hier vermutlich zu einem falschen Ergebnis geführt. Doch ob dieses eine Beispiel aussagekräftig genug ist, um die Funktionstüchtigkeit des Videobeweises zu widerlegen? Die Frage muss doch lauten, ob das neue technische Hilfsmittel in der Lage ist, die Fehlerquote bei wichtigen Entscheidungen deutlich zu senken; kein Befürworter erwartet, dass Fehler mit Hilfe von Kamerabildern ausgeschlossen würden. Man möchte ja auch nicht auf Linien- oder gar Schiedsrichter verzichten, nur weil auch sie Fehler machen.

Von Unterbrechungen würde das Team profitieren, das auf Verteidigung setzt

Ihre Widerstände lassen darauf schließen, dass Schiedsrichter nicht bereit sind, Befugnisse abzugeben. Merk würde es übrigens nicht mehr betreffen, denn er wird, so liest man nun, am Ende der Saison zurücktreten - eine Ankündigung, die erstaunlich wenige Reaktionen nach sich gezogen hat. Eigentlich hätte man damit rechnen können, dass seine Chefs und Kollegen ihn, den Leiter des letzten EM-Finals, bitten, ein letztes Jahr dranzuhängen, bevor er das Pensionärsalter für Schiris erreicht.

Viertens würde, entgegnet Schiedsrichterfunktionär Volker Roth, der Spielfluss zerstört. Das ist nicht so ohne weiteres von der Hand zu weisen. Spielunterbrechungen machen es einer Mannschaft schwer, den Gegner unter Druck zu setzen. Von Unterbrechungen würde das Team profitieren, das auf Verteidigung setzt, etwa das führende. Es könnte also die Attraktivität des Spiels leiden. Zweifellos das stichhaltigste Argument der Gegenseite.

Skepsis gegenüber dem Videobeweis ist natürlich angebracht - zumal der Einwand berechtigt ist, dass Schiedsrichter ohne Zeitlupe so viele Fehler nun auch wieder nicht unterlaufen. Warum also mit großem Aufwand und einige Risiken in Kauf nehmend eine neue Technik einführen, um einen möglicherweise geringen Ertrag zu erlangen?

Warum nicht mal probieren?

Doch gab es nicht mal die Akte Hoyzer? Ist ja nur ein Einzelfall. Und kommt nie wieder vor. Heißt es. Aber mit dieser Schwarzes-Schaf-Beschwichtigung seitens des DFB und der Schiedsrichter gebe ich mich nicht zufrieden. Mit dem Videobeweis hätten es Betrüger wesentlich schwerer; auch der Heimschiedsrichterei, einem geleugneten, aber existierendem Ärgernis könnte man vorbauen. Und der Videobeweis würde ein Dilemma abschaffen: Alle Welt sieht, vor dem Fernsehschirm oder gar im Stadion, dass das ein Elfmeter oder Abseits war - nur derjenige, der es zu entscheiden hat, muss dumm bleiben. Und sich am Ende beschimpfen lassen.

Warum sich also so vehement gegen eine mögliche Verbesserung wehren, warum nicht mal probieren? Die Fifa, die das ja zu entscheiden hat, sollte eine Testphase bei einem Jugendturnier oder in unteren Ligen durchführen. Mit einem maßvollen, begrenzten Einsatz, zum Beispiel eine Intervention pro Halbzeit und Team, könnte der Videobeweis zum Hilfsmittel werden, das die Fehlerquote im Milliardengeschäft Fußball reduziert - und seine Anfälligkeit für Schiedsrichterbestechung.

Zum Autor

Zum Autor Oliver Fritsch (36) ist freier Journalist und Gründer der drei Online-Plattformen indirekter-freistoss.de, der täglichen Fußball-Presseschau, hartplatzhelden.de, der Video-Community für Amateurfußballer und direkter-freistoss.de, einem Zirkel ausgewählter Fußball-Blogger. Außerdem ist er beim mittelhessischen Kreisligisten RSV Büblingshausen als Spielertrainer und Libero aktiv, aber nicht übergewichtig.

Lesen Sie auch
KOMMENTARE (5 von 5)
 
Oliver_Fritsch (24.04.2008, 15:03 Uhr)
Fehlbare Menschen
Mich wundert, dass Markus Merk sein Konzept bis heute nicht dem DFB vorgelegt hat. Ich hab extra nochmal nachgefragt. Wenn man es schwarz auf weiß hätte, könnte man sich mit seiner Idee im Detail auseinandersetzen.
Aber es stimmt ja, letztlich entscheiden noch immer Menschen. Und die sind fehlbar und werden fehlbar bleiben.
Dudu (24.04.2008, 13:36 Uhr)
derzeit Überflüssig
Wesentlich wichtiger wären mal wirklich verläßliche Regeln. Unter dfb.de findet man beim Regelwerk viele nette Bildchen und einige Fifa Hinweise, dass war es dann schon.
Der Hinweis auf gestern (Elfer ja/nein) sagt schon alles. Aber was ist denn bitte ein Elfmeterwürdiges Handspiel? Wie meinte doch Herr Illgner, naja der Ball hat die Richtung geändert, daher Elfer berechtigt?
Wichtiger wäre auch mal eine einheitliche Linie der Schiris im Hinblick auf Karten. Dadurch entsteht viel, viel mehr Wettbewerbsverzehrrung als durch Abseitsentscheidungen oder mögliche Elfer/nicht Elfer
Mal abgesehen gibt es für die Abseitsfrage wesentlich bessere technische Hilfsmittel (GPS bspw.)
Malt (24.04.2008, 13:34 Uhr)
Eben....
...bei Toren oder Tätlichkeiten... shon... bei einwürfen etc. nicht.
.link (24.04.2008, 12:54 Uhr)
widerspruch
sie schreiben "Alle Welt sieht, vor dem Fernsehschirm oder gar im Stadion, dass das ein Elfmeter oder Abseits war", aber so ist es eben nicht. ich muss mich nur an gestern abend erinnern, als für kommentator reif eine szene klar kein elfmeter war, die gleiche szene für illgner in der pause jedoch schon.
und genauso würde es oft genug sein. selbst beim abseits, zählt der arm? die hand? der kopf? das bein?
wann ist eine schwalbe schon eine schwalbe? usw usf...
es gäbe eben keinerlei sicherheit, nur eine unsicherheit die wir in zeitlupe betrachten. viel aufwand für nichts (bzw sehr wenig).
und eine intervention pro halbzeit bringt mir nichts, wenn es danach fünf umstrittene szenen gibt ;)
Kiwi0001 (24.04.2008, 12:34 Uhr)
Einen Versuch wert
Grundsätzlich stehe ich dem Videobeweis positiv gegenüber. Trotzdem glaube ich, dass es im Fußball - im Gegensatz z. B. zur amerikanischen NFL - eher wenige Situationen gibt, bei denen der Videobeweis Sinn macht. Letztlich bleibt wohl nur die Entscheidungen über Tor oder kein Tor oder rote Karten nach verstechkten Tätlichkeiten, die zurzeit erst nachträglich geahndet werden können, übrig. In der Praxis wäre etwa schon eine Überprüfung einer Abseitssituation schwierig durchzuführen. Die Schieds- und Linienrichter müssten enge Spielsituationen zwangsläufig erst einmal laufen lassen und falls etwas Wesentliches passiert ist, nachträglich überprüfen. Denn ist ein Angriff erst einmal abgepfiffen worden, hilft es dem benachteiligten Team im Nachhinein nicht weiter, wenn festgestellt wird, dass die Fahne des Linienrichters zu Unrecht oben gewesen ist. Ähnlich verhält es sich bei anderen Spielsituationen. Trotzdem meine ich, dass man den Videobeweis dort, wo er sich ohne Probleme ins Spiel integrieren lässt, einsetzen sollte.
Sport
Sport-Liveticker
Fußball-Bundesliga - live Fußball-Bundesliga - <i>live</i> Die Jagd nach der Schale Zum Liveticker