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Ein Trainer, der nichts zu gewinnen hat

Alles schwärmt von den Bayern-Stars Miro Klose, Luca Toni, Franck Ribéry. Aber was ist mit dem Trainer? Ottmar Hitzfeld spielt nur eine Nebenrolle - kein Wunder, dass er mit einem Wechsel kokettiert.

Von Oliver Fritsch

Ottmar Hitzfeld wird in dieser Saison vermutlich einen oder mehrere Titel erringen; zu gewinnen hat er nicht viel. Der Anteil des Trainers an dem derzeitigen Erblühen der Bayern wird von der Fachwelt gering geschätzt, sein Name taucht in Zeitungen als Randnotiz ab, in Fernsehsendungen sind meist andere gefragt. Die "Stuttgarter Zeitung" degradiert Hitzfeld sogar zum "Übungsleiter"- als würde er nicht mehr tun, als Hütchen aufstellen; als gehörte zum modernen Profil eines Trainers nicht Menschenführung; als müsste dem bayerischen Millionensturm nicht eine taktisch geschulte Abwehr in den Rücken gestellt werden.

Alle Hurra-Rufe gelten Luca Toni, Miroslav Klose oder Franck Ribéry. Der natürlich eine Belebung für die Bundesliga ist. Aber, nebenbei gefragt: Muss man, wie einige Kollegen von Premiere oder Steffen Simon von der ARD, wirklich jeden seiner Pässe und selbst Kullerbälle preisen wie eine Erscheinung, eine Erlösung? Liebe Bayern-Fans, ist Euch das ständige "Weltklasse!" nicht wenigstens ein Stück weit peinlich? Falls nein, es ließe tief blicken.

Hitzfeld vereint viele positive Eigenschaften, Stolz gehört nicht dazu

Doch zurück zu Hitzfeld: Dass man aus einer Sammlung von Stars erstmal eine funktionierende Einheit machen muss und diese Aufgabe dem Trainer obliegt - diese Binsenweisheit wird derzeit vergessen. Lehrt uns der (inzwischen überwundene) Verfall der "Galaktischen" von Real Madrid nicht, dass Geld keineswegs von selbst Tore schießt? Und dass Spieler aus der zweiten Münchner Reihe, etwa Altintop und Lell, ihren Platz im Team finden, spricht ebenfalls für Hitzfeld.

Er hat bemerkt, dass er ignoriert wird und tut nun einiges, um gesehen und gehört zu werden. Einem TV-Sender hat er gesteckt, es sei keineswegs sicher, dass er seinen Vertrag in München über 2008 hinaus verlängern wird: "Die Schweiz ist eine ernsthafte Alternative." Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass er einen Spieler mal wegen einer Lappalie öffentlich so deutlich kritisiert hat wie zuletzt Mark van Bommel: "Ich habe mich maßlos geärgert", kommentierte Hitzfeld den Fehler des Holländers bei einem Gegentor.

Uli Hoeneß und Franz Beckenbauer haben natürlich sofort verstanden und versichern Hitzfeld Treue und Anerkennung: "Der Boss", schreibt Beckenbauer, "ist Hitzfeld. Er ist der ideale Mann. Jeder junge Trainer würde an dieser Mannschaft scheitern." Und Hoeneß schiebt nach, er hoffe und baue auf eine weitere Zusammenarbeit. Doch was uns von dieser Seite als kluge Personalpolitik verkauft werden soll, ist nichts anderes als das Glück, dass Hitzfeld viele Eigenschaften vereint: Fachwissen, pädagogisches Geschick, Intellekt, Seriosität... Stolz allerdings nicht, sonst würde er sich jetzt nicht von denjenigen umarmen lassen, die ihm vor drei Jahren ihre Rücken kehrten und Felix Magath ihm vorzogen.

Hitzfeld hat aus "No-Names" ein erfolgreiches Team geformt

Ohne guten Trainer gelingt es keinem noch so reichen Klub, dass der Rest der Liga zum Fernglas greifen muss. Kann mit einem solchen Kader jeder Meister werden? Ein klares Nein. Doch die (wahrscheinliche) Meisterschaft der Bayern würde als Selbstverständlichkeit betrachtet werden. Und DFB-Pokal und Uefa-Cup sind für den FC Ruhmhaft und seine Anhänger im besten Fall Zwischenstationen, im schlechtesten Trostpreise.

Günter Netzer, der nie Trainer war, behauptet dennoch: "Es ist der größte Glücksfall für einen Trainer, wenn man dir so eine Mannschaft zusammen kauft. Was gibt es denn Schöneres, als solche Spieler trainieren zu können?" Es gibt viel Schöneres für einen Trainer: aus einem Haufen "No-Names" ein erfolgreiches Team zu formen; aus dem VfB Stuttgart einen Meister zu machen (gut, das ist ein anderes Thema); mit deutschen Vereinen die Champions League zu gewinnen, was nur Hitzfeld gelungen ist - und das gleich mit zwei verschiedenen. In diesen schwierigen Tagen sollte man diese Leistung besonders zu würdigen wissen.

Ich hab mal als Trainer einer sehr jungen Kreisliga-Mannschaft die Saison als Außenseiter begonnen, hatte aber gleichwohl den Eindruck, dass mit ihr etwas zu holen ist (dieser Eindruck hat sich bestätigt). Als kurz vor der Saison das Gerücht kursierte, ein ehemaliger Profi mit Bundesligaerfahrung wolle den Verein verstärken, machten alle im Verein große Augen und rieben sich die Hände. Nur ich musste mich zu einem Lächeln quälen. Weil ich wusste, mit ihm in unseren Reihen konnte ich als Trainer nichts mehr gewinnen; mit ihm, zumindest würde es so heißen, hätte jeder andere Erfolg haben können; mit ihm wäre Platz 2 eine Enttäuschung geworden. Er hat es sich Gottseidank anders überlegt, und es ist nicht sicher, ob die Aufgabe mit ihm leichter geworden wäre.

Nur zur Klarstellung, liebe Leser, das ist jetzt kein Hitzfeld-Fritsch-Vergleich.

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