Wer hat noch Lust auf Olympia?

26. März 2008, 17:07 Uhr

Mutige und kluge Aussagen aus dem Sport sucht man in der Boykott-Debatte um die Olympischen Spiele vergeblich - auch aus dem deutschen Fußball. Dafür lässt sich Wolfsburgs Trainer Magath als Fackelträger einspannen und DFB-Präsident Zwanziger äußert sich in bester Funktionärstradition wachsweich. Von Oliver Fritsch

DFB-Präsident Theo Zwanziger: Wachsweiche Worte zum Thema China©

Verlangt man von Sportlern zu viel, wenn man von ihnen klare Meinungen zu China fordert? Die Antwort kann intuitiv erstmal nur Ja lauten, denn Politik und Wirtschaft haben wenig Bedenken, Handel mit einem Regime zu treiben, das Andersdenkende in Arbeitslagern foltert und den Fall Tibet militärisch lösen will. Warum sollte man Rückgrat ausgerechnet von Schwimmern und Ruderinnen erwarten? Zumal die Charta des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) den Athleten Protest verbietet: "Keine Art der Demonstration oder politischen, religiösen oder rassischen Propaganda", heißt es dort, "ist in olympischen Einrichtungen, Sportstätten und anderen Bereichen erlaubt."

Zudem mangelt es an guten Vorbildern. IOC-Präsident Jacques Rogge gibt sich derzeit sehr schweigsam und kleinlaut; Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes und IOC-Vize, ist in den letzten Tagen durch die fragwürdige Boykott-Entgegnung auffällig geworden, der Sport dürfe nicht als "Knüppel der Politik missbraucht" werden. Man muss einen Boykott nicht unbedingt befürworten, doch so leicht abtun wie Bach darf man ihn auch nicht. In Sonntagsreden (und wenn es um die Förderung durch Steuergeld geht) betonen alle die große Bedeutung des Sports, welche Brücken er schlagen und welche Mauern er durch Dialog überwinden könne. Geht es ans Eingemachte geht, heißt es: Man dürfe den Sport nicht politisieren. Von wegen Dialog! Jetzt, wo es gilt, den Chinesen die Meinung zu sagen, schließen die Herren die Augen, Ohren und Münder.

Felix Magath hätte die Fackel ablehnen sollen

Doch von Sportpersönlichkeiten sollten wir mehr Mut und Distanzierung von China erhoffen dürfen. Es sollte mehr dabei rumkommen, als in den wachsweichen Worten von DFB-Präsident Theo Zwaniziger zum Ausdruck kommt: "Gerade in schwierigen Situationen ist es wertvoller, miteinander zu reden und seine Meinung sagen zu können, als sich aus dem Weg zu gehen. Deshalb befürworten wir eine Teilnahme, auch um unsere Werte zu vertreten, Sportsgeist zu zeigen und der olympischen Idee gerecht werden zu können." Der Deutsche Fußball-Bund schickt seine Frauen-Mannschaft mit großen Hoffnungen nach China (wo sie übrigens vor einem halben Jahr Weltmeister geworden ist).

Und auch in einem anderen Punkt irrt der DFB Chef: "Die Erfahrungen des Olympia-Boykotts von 1980 und 1984 haben gezeigt, dass dieser Weg nicht die gewünschten politischen Auswirkungen und öffentlichen Effekte hatte. Deshalb halte ich es bei aller Betroffenheit über die Ereignisse in Tibet für richtig und gut, dass derzeit die meisten Politiker, Sportverbände und Sportler für eine Teilnahme plädieren." Ob der damalige Boykott tatsächlich ohne Wirkung blieb, wie viele vorschnell behaupten? Immerhin sind die Moskauer Spiele 1980 bis heute mit einem Makel versehen, die Propagandawirkung fiel für Leonid Breshnews rückwärtsgewandte Sowjetunion wohl geringer aus, als wenn die USA, Deutschland und andere Westnationen teilgenommen hätten.

Felix Magath, Trainer des VfL Wolfsburg, hat sich von seinem Arbeitgeber, der auch nationaler Olympia-Sponsor ist, am Ostermontag zum Fackelträger machen lassen. Doch ob er seinem Gewissen damit einen Gefallen getan hat, die Fackel den blutigen Straßen Tibets ein paar Meter näher gebracht zu haben? Immerhin tut er pflichtschuldig auf der Website des VfL kund: "Wie viele Verantwortliche beobachte ich die Entwicklung in Tibet mit Sorge. Ich hoffe, dass die Aufmerksamkeit, die China erfahren wird, einen Dialog weiter fördern und der Weltöffentlichkeit die notwendigen Druckmittel geben wird, Menschenrechte in China einzufordern." Doch Magath hätte ablehnen sollen. Birgit Prinz, die Spielführerin der Frauen-Elf, ist zu einer Stellungnahme gegenüber stern.de übrigens nicht bereit.

Sportpersönlichkeiten sollten mehr Mut beweisen

Zur Klarstellung: Die Entscheidung für Peking fiel vor sieben Jahren, die aktuellen Führungspersonen des Sports sind dafür nicht verantwortlich (und schon gar nicht Magath und Zwanziger), sondern Rogges Vorgänger Juan Samaranch, ein ehemaliger Franco-Faschist, von dem ein Foto aus den 70er Jahren existiert, auf dem er seinen Diktator mit gestreckten rechten Arm grüßt.

Was haben Boykottgegner noch auf Lager? China würde seinen Gegnern, allen voran dem Dalai Lama (obwohl er einen Boykott ablehnt), die Schuld daran geben und sie noch härter gegen sie vorgehen. Ein häufig genanntes Argument ist die Rücksichtnahme auf Sportler, denen man einen Höhepunkt ihrer Karriere verbauen würde. Mal davon abgesehen, dass man die Verletzung von Menschenrechten nicht mit dem Zerstören von Medaillenträumen aufwiegen kann - man könnte die Spiele auch von anderen Städten ausrichten lassen, etwa den Vorgängern Sydney und Athen, zur Not auch im nächsten Jahr. Doch die Appeasement-Politiker drohen nicht, sondern beschwichtigen, machen Zugeständnisse, und halten sich zurück.

Wer hat eigentlich nich Lust auf Olympia?

Ist das IOC auf Peking angewiesen oder sollte es nicht umgekehrt sein? Vermutlich geht es aber wieder nur ums eine: Für Adidas, McDonald's, Coca Cola und Volkswagen sind 1,3 Milliarden Chinesen nämlich 1,3 Milliarden Käufer. Vielleicht sollte man noch erwähnen: Bach ist Wirtschaftslobbyist und Geschäftsmann, für zwei Unternehmen im chinesischen Markt tätig, darunter den Ausrüster des DFB. Tut mir leid, liebe Leser, dass wir ihnen nichts Neues erzählen können.

Die Olympischen Spiele 2008 haben bereits jetzt alles Unbeschwerte, und damit die Voraussetzung für ein Sportfest, verloren. Wenn schon nicht Sportler und Funktionäre Olympia boykottieren oder wenigstens in aufrechter Haltung kommentieren, dann fragen sich vielleicht wenigstens die Fans: Wer hat dieses Jahr eigentlich noch Lust auf Olympia?

Zum Autor

Zum Autor Oliver Fritsch (36) ist freier Journalist und Gründer der drei Online-Plattformen indirekter-freistoss.de, der täglichen Fußball-Presseschau, hartplatzhelden.de, der Video-Community für Amateurfußballer und direkter-freistoss.de, einem Zirkel ausgewählter Fußball-Blogger. Außerdem ist er beim mittelhessischen Kreisligisten RSV Büblingshausen als Spielertrainer und Libero aktiv, aber nicht übergewichtig.

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KOMMENTARE (10 von 22)
 
ashcroft_house (27.03.2008, 17:31 Uhr)
Respekt, Herr Fritsch
Das ist der erste Ihrer Fussballprovinz-Artikel, den ich so voll und ganz unterschreiben wuerde. Ein Boykott ist nicht nur angebracht, sondern unbedingt notwendig - nur fehlt es den ensprechenden Personen (nicht nur den Sportlern sondern vor allem den Funktionaeren und Politikern), wie Sie richtig schrieben, am noetigen Rueckgrat um so eine mutige Entscheidung zu tragen.
Oliver_Fritsch (27.03.2008, 16:49 Uhr)
VW-Fackellauf
Guckst Du hier:
http://www3.ndr.de/ndrtv_pages_video/0,,SPM2488_VID4665076_TYPmshigh_LOCint,00.html
Oliver_Fritsch (27.03.2008, 16:11 Uhr)
Impliziert?
Frau Prinz ist zu einer Stellungnahme nicht bereit. Das ist ein neutral formulierter Satz. Ja, Sie irren sich. Zwischen den Zeilen steht, mit Verlaub, gar nichts.
isarstaedter (27.03.2008, 12:14 Uhr)
2. Versuch Herr Fritsch,
ja tun sie, wenn auch subtiler als im Blog.
Der Satz am Anfang sagt ja nicht, dass man von Sportlern keine Meinung erwarten DARF, weil sie eigentlich nix dafuer koennen. Das wird deutlich negativer formuliert.
Dann: wie soll der Leser den Satz ueber Frau Prinz interpretieren. Irre ich mich da so arg? Soll das neutral gemeint sein ?
Dann:" Ein häufig genanntes Argument..." und folgender Satz im unteren Drittel. Liege ich da auch so daneben wenn ich meine, dass dabei impliziert wird, der Sportler sei jeglicher Menschenrechtsvertsotss egal wenns um seine Karriere geht? Zumindest ein unnoetiger Seitenhieb !
Die Journalisten haben erstaunlich lange gebraucht um festzustellen, dass J.Ullrich nicht das Doping erfunden hat sondern andere ein System ueber Jahre aufgebaut haben, jetzt geht der selbe absurde Unsinn ueber die Verantwortung von Sportlern zur Politik los. Ich sage mal voraus, es wird festgestellt werden, dass in China seit Jahrzehnten Menschenrechtsverletzungen stattfinden und der Sportler nun bloed dasteht weil sein persoehnlicher Erfolg vom Mitmachen oder Verweigern abhaengt.
Kommt eigentlich jeder drauf. Warum nennt Ihr Journalisten nicht das Problem beim Namen? Sind es wirklich die Funktionaere? Wirklich nicht die Politik/Wirtschaftsvertreter/Buerger? Koennen wir wirklich nicht selbst durch Aktionen unsere Meinung kundtun (Chinesische Waren boykottieren). Sind wirklich die Beteiligten die Einzigen die jetzt aktiv werden muessen? Fuer mich viel zu einfach.
isarstaedter (27.03.2008, 11:37 Uhr)
toller link Herr Fritsch
einfach nur hoeren was Herr Gebauer sagt.
RadioMan (27.03.2008, 11:15 Uhr)
Boycott now
@mr_schlaumann: Wo es hinführt, wenn man die Staaten machen lässt, sieht man ja am Beispiel China/Tibet, USA/Irak etc.
Ich glaube, ein Boycott wäre angebracht. Es wurde schon wegen geringerer Gründe boykottiert. Ich würde mir wünschen, dass die Sportler boykottieren, aber das wird wohl zumindest bei den Fussballern nicht passieren, weil es auch bei denen hauptsächlich ums Geld gehen wird. Da gibt's nämlich bestimmt auch eine fette Prämie bei einem Sieg.
mr_schlaumann (27.03.2008, 10:25 Uhr)
_
also landschaftlich ist china wesentlichs chöner als der irak oder sudan.
kulturell hat das land auch mehr zu bieten.
übrigens, lasst die völker ihre probleme untereinander klären.
immer muss sich überall eingemischt werden. furchtbar,
keine eigenen hobbies???
Oliver_Fritsch (27.03.2008, 10:21 Uhr)
Hacke ich rum?
Hacke ich auf den Sportlern rum? Das müssten Sie mir am Text nachweisen, isarstaedter. Dann würde ich dazu Stellung nehmen.
Hier ist noch ein schönes Fundstück für alle China-Verteidiger:
http://jensweinreich.de/?p=174
m.burns (27.03.2008, 10:17 Uhr)
ya... china ist schön
.. der irak auch.. und der sudan.. und lybien.. bla bla bla..
wenn hitler heute noch leben würde, hätten die deppen auch nix gegen die spiele nomma im reich stattfinden zu lassen.. ist das selbe..
ich kann et nich mehr hören!!! jeder der nicht boykottiert, schaut weg !!! jeder der wegschaut macht sich MIT SCHULDIG !! und jeder der sich mit schuldig macht ist ebenfalls ein MÖRDER !!!
aber das ist ya heutzutage in deutschland gang und gebe... demnähst wenn jmd auf offener str angepöbelt, beleidigt, verprüglet, bedroht, ausgeraubt, vergewaltigt wird... werde ich genau hingucken und nix machen !!!
mr_schlaumann (27.03.2008, 09:59 Uhr)
_
china ist eines der schönsten länder der welt. nicht vergessen.
eine reise ist derzeit auch bestimmt günstiger.
sehr empfehlenswert
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