Zwanzigers verbitterte Abrechnung

12. November 2012, 16:10 Uhr

Der ehemalige DFB-Präsident teilt in seiner Autobiografie gegen halb Fußball-Deutschland aus. Damit nicht genug: In Interviews legt Zwanziger weiter nach. Warum tut er das? Von Klaus Bellstedt

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Reden konnte er, Theo Zwanziger auf dem Podium als er noch DFB-Präsident war©

Acht Jahre lang stand Theo Zwanziger dem größten Sportverband der Welt vor. Das ist eine lange Zeit. Viel ist einem nicht in Erinnerung geblieben vom ehemaligen Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes. Wobei, eine Sache gibt es doch: Im schwierigsten und traurigsten Moment seiner Amtszeit gelang Zwanziger einer seiner bemerkenswertesten Auftritte. Bei der Trauerfeier für Nationaltorwart Robert Enke am 15. November 2009 appellierte der tief bewegte Chef des DFB in seiner Rede an die Menschlichkeit und forderte einen Blick über den Sport hinaus. "Fußball ist nicht alles. Denkt nicht nur an den Schein. Denkt auch an das, was in den Menschen ist, an Zweifel und Schwäche", sagte Zwanziger fünf Tage nach dem Freitod Robert Enkes, der an Depressionen gelitten hatte. Das waren starke Worte. Reden konnte er schon immer, der Gutmensch Theo.

Mit dem Schreiben verhält es sich bei Zwanziger aber anders. Da gibt es Nachholbedarf. Wer nach Beispielen sucht, dem sei ein Blättern in der in dieser Woche erscheinenden Autobiografie "Die Zwanziger Jahre" empfohlen. Der 67-jährige Funktionär gewährt in dem Buch Einblicke in seine Fußballwelt. So weit, so langweilig. Aber weil Zwanziger schon immer über ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein verfügt hat, geht er dann doch noch in die Vollen. Jahrelange Wegbegleiter von Wolfgang Niersbach, seinem Nachfolger als DFB-Präsident, über Oliver Bierhoff bis zu Uli Hoeneß werden teilweise scharf attackiert. Darüber hinaus plaudert Zwanziger in seiner Autobiografie Interna aus, was nicht nur in der DFB-Zentrale heftiges Kopfschütteln ausgelöst haben soll. Zwanzigers undiplomatische Äußerungen in verschiedenen Interviews im Zuge der Veröffentlichung setzen dem Ganzen nun die Krone auf. Und die ganze Fußball-Szene fragt sich: Warum tut der Mann das? Die Antwort ist simpel: Erstens - weil er ein Buch verkaufen muss und Zweitens - weil er verbittert scheint.

Man möchte Hoeneß nicht widersprechen

Rückblick: Einen gutes Gefühl für die Kommunikations- und Machtkultur Theo Zwanzigers erhält man bei genauerer Betrachtung des Vertragsstreits Anfang 2010 zwischen ihm und Bundestrainer Joachim Löw. Die von Manager Bierhoff zu Beginn des WM-Jahres mit der DFB-Spitze geführten Vertragsgespräche endeten auch deshalb in einem Desaster, weil Einzelheiten des von Löw und Bierhoff geforderten Vertrages durch Indiskretionen in die Öffentlichkeit gelangten. Nach außen stand Löw plötzlich als Abzocker da. Zwanziger hat längst zugegeben, dass er die öffentliche Auseinandersetzung erst durch einen Informationsdeal mit der "Bild" ausgelöst hat. Trotzdem gibt er in seiner Autobiografie weiterhin Bierhoff die Schuld an dem Ärger. Das ist erstaunlich - und wirft kein gutes Licht auf Zwanziger.

Die Generalabrechnung mit "Uli Hoeneß" ("Er hat seine Philosophie des Provozierens mit ins Präsidentenamt genommen") ist dagegen weniger erstaunlich. Die beiden sind seit Jahren verfeindet. Hoeneß nimmt Zwanziger krumm, dass der es als Mitglied der Fifa-Exekutive verpasst hat, sich bei der Wahl klar gegen Sepp Blatter zu positionieren. Hoeneß hatte nach dem Vorabdruck in Zwanzigers Hauspostille, der "Bild", prophezeit, dass dessen Feldzug gegen Persönlichkeiten des deutschen Fußballs wie ihn, Klinsmann oder Bierhoff den ehemaligen DFB-Präsidenten "noch mehr in die Isolation treiben" werde. Der Vermutung des Bayern-Präsidenten möchte man nicht widersprechen. Das Gefühl, dass sich Theo Zwanziger mit dem Verfassen seines Buches keinen großen Gefallen getan hat, es bleibt. Und es wird noch verstärkt, wenn man die aktuellen Folgedebatten um "Die Zwanziger Jahre" betrachtet. Auch hier macht der Autor keine gute Figur.

Zwanziger trommelt

Warum Zwanziger in einem Interview mit der "Welt am Sonntag" plötzlich den Besuch der Nationalmannschaft im ehemaligen NS-Vernichtungslager Auschwitz während der EM im Sommer zum Thema macht und als "zu schnell abgetan" bezeichnet, bleibt sein Geheimnis. Man habe es bei der EM zudem verpasst, mit Kranzniederlegungen in der Ukraine oder einem Treffen mit den oppositionellen Klitschko-Brüdern ein Zeichen zu setzen. Indirekt kritisiert er damit die Arbeit von Wolfgang Niersbach. Im Buch hört sich das Gemäkel am jetzigen DFB-Präsidenten so an: "Mir ist aufgefallen, dass mein Freund und Nachfolger Wolfgang Niersbach mir zu schnell und zu oft die Rückkehr des DFB zum Kerngeschäft betont hat." Niersbach' Konter folgte prompt: "Wichtiger als die exklusive Wahrnehmung meines Vorgängers ist mir in diesem Zusammenhang das Dankesschreiben des Internationalen Auschwitz Komitees an den DFB."

Theo Zwanziger trommelt für sein Buch. Das kann man ihm kaum vorwerfen. Es gehört zu der von ihm gewählten aggressiven Vermarktungsstrategie. Was man ihm aber sehr wohl vorwerfen kann, ist die Tatsache, dass er Indiskretionen herausposaunt. So zum Beispiel auch bei der Offenbarung der Geheimpläne zu einer möglichen Entlassung des damaligen Bundestrainers Jürgen Klinsmann während der WM 2006. Zwanziger hat, das steht jetzt schon fest, damit seine Position im nationalen Machtzirkel selbst beschädigt. Als höchster deutscher Funktionär in Fifa- und Uefa-Exekutive muss er bis 2013 beziehungsweise 2015 ja auch die Interessen des deutschen Fußballs und der von ihm gescholtenen Akteure weiter vertreten. Auf welcher Basis das in Zukunft passieren soll, ist vollkommen ungewiss.

Was bleibt? Nicht viel!

Zwei, drei Tage werden die Aufgeregtheiten um "Die Zwanziger Jahre" vermutlich noch andauern. Ob sich das Buch deshalb wirklich besser verkaufen wird, bleibt abzuwarten. Die inhaltlichen Ergüsse des Ex-Präsidenten werden aller Voraussicht nach schnell wieder vergessen sein. Denkt man an Theo Zwanziger bleibt einem auch nach der Veröffentlichung seiner Autobiografie vor allem seine Rede zum Tode Robert Enkes in Erinnerung. Damals, als DFB-Boss, fand er die richtigen Worte. Heute scheint er durch den Machtverlust nach dem Ausscheiden aus dem Präsidentenamt vor allem eines zu sein: verbittert.

 
 
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