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9. April 2009, 08:20 Uhr

Vom Weltverein zum Chaosclub

1:5 in Wolfsburg, 0:4 in Barcelona - der FC Bayern taumelt von einem Debakel ins nächste. Der einstige Branchenführer mutiert zur Lachnummer. Die Führungsetage wirkt geschockt und ratlos, Trainer Jürgen Klinsmann hält sich mit Floskeln über Wasser. Sein Abgang rückt näher. Maximal eine Chance hat er noch. Von Jens Fischer

Bayern, Barcelona, Messi, Klinsmann, Rensing, Ribery

Debakel in Barcelona: Um Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann wird es einsam© Jamie McDonald/Getty Images

Spätestens in der 43. Minute nach dem vierten Treffer von "Barca"-Stürmer Thierry Henry in der ehrwürdigen Arena Nou Camp war klar: Der FC Bayern München erlebt derzeit wohl mit die schwersten Wochen seiner langen Vereinsgeschichte. Wer dachte, die Peinlichkeit von Wolfsburg sei einmalig, sah sich getäuscht: Die Bayern haben es bei den zweifelsohne brillanten Spaniern doch tatsächlich geschafft, sich erneut und noch verstärkt der Lächerlichkeit preiszugeben

Der einstige Branchenführer und deutsche Vorzeigeclub überzeugt derzeit nur noch bei der Gesichtsfarbe seiner Verantwortlichen. Manager Uli Hoeneß litt wie immer bei peinlichen Untergängen schon während des Spiels an extremem Bluthochdruck, aber um Karl-Heinz Rummenigge musste man sich noch deutlich mehr sorgen, als er im Anschluss vor die Kameras trat. "Keine Lust" habe er auf die ständige Fragerei nach dem Trainer und überhaupt müsse man sich jetzt auf Eintracht Frankfurt und die Bundesliga konzentrieren, stotterte der sichtlich geschockte Vorstandsvorsitzende in das Mikrofon. Jürgen Klinsmann also weiter Trainer der Bayern? "Da gehe ich von aus", so Rummenigge. "Man muss in Ruhe die Dinge bewerten und rational eine Entscheidung treffen".

Klinsmann unter Druck

Ein eindeutiges Bekenntnis sieht anders aus. Rummenigge weiß: Eigentlich ist Klinsmann nicht mehr zu halten. Selten gab es ein Champions-League-Viertelfinale, in dem eine Mannschaft der anderen derart unterlegen war, wie die Bayern den Zauberern von Barcelona. Gegen die Katalanen wirkte der frühere Weltclub wie eine Mannschaft, die normaleweise am Sonntagvormittag auf dem Dorf zu Hause ist. Gut: Dass die Bayern technisch unterlegen sind, war klar. Aber dass es auch an Einsatz, Willen und Kampfbereitschaft fehlte, ließ erschaudern. Und gab Hinweise. Darauf, dass es um die Mentalität der Mannschaft nicht gut bestellt ist. Denn diese Leistung grenzte an Arbeitsverweigerung. Und das im "Spiel des Jahres".

Klinsmann kommt nicht mehr an seine Spieler heran. Das ist offensichtlich. Der einstige Motivations-Guru ist an seine Grenzen gestoßen. Erst vor kurzem hatte er seine Stars in die Pflicht genommen, wollte endgültig nicht mehr "Blitzableiter" sein. Genutzt hat es nichts. Die Bayern wirkten auch in Spanien apathisch, lustlos, satt. Sie lassen sich offenbar schon lange nicht mehr kitzeln. Hinzu kommen viele taktische Fehler und mangelnde spielerische Klasse. Bis auf Ribéry, Lahm, Toni, Lucio und Klose fehlt es dem gesamten Kader an internationalem Top-Niveau. Die Oddos, Lells, Ottls, Brenos und einige mehr haben in der Champions League nichts zu suchen.

Wahre Worte von Beckenbauer

Natürlich muss Klinsmann mit dem Kader zurechtkommen, den er von Hoeneß und Rummenigge vorgesetzt bekommen hat. Dennoch sind solche Auftritte wie in Barcelona unentschuldbar, und auch Klinsmanns Worte nach dem Debakel tun vielen in den Ohren weh: "Ich bin überzeugt von der Arbeit, die wir leisten, ich weiß, es ist ein Prozess, der mit vielen Problemen verbunden ist", meinte er nach der Pleite. Die von ihm erwähnte geleistete Arbeit war zumindest an diesem bitteren Mittwochabend eine Peinlichkeit. Das sah auch Franz Beckenbauer so: "Was ich in der ersten Halbzeit gesehen habe, war das Fürchterlichste, was ich von dem FC Bayern je gesehen habe".

Überhaupt Beckenbauer. Er war es der kurz vor dem für den gesamten Verein extrem wichtigen Spiel noch einmal die Trainerdebatte angeheizt hatte. "Man werde sich nach der Saison zusammensetzen und über Klinsmann reden", hatte er in etwa gesagt und damit den Zorn von Hoeneß und Rummenigge auf sich gezogen. Die Beiden versuchen unter allen Umständen, das auch von ihnen angestoßene "Projekt Klinsmann" zu einem halbwegs erfolgreichen Abschluss zu bringen. Denn die Zukunft Klinsmanns ist auch mit ihrem beruflichen Werdegang verwoben.

Was machen die Bosse?

Hoeneß, der nach der Saison Beckenbauer als Präsident ablösen soll, wünscht sich einen jungen Nachfolger. Das ist schwer vermittelbar, wenn der von ihm und Rummenigge verpflichtete "Jungtrainer" Klinsmann gerade dabei ist, jede Menge Renommee und nicht zuletzt einen Haufen Geld zu verspielen. Übrigens hat auch Rummenigge seinen Vertrag noch nicht verlängert, was zusammen mit dem desaströsen sportlichen Abschneiden nicht gerade die Planungssicherheit erhöht. Und das in finanziellen Krisenzeiten, in denen die Abhängigkeit von Sponsoren so groß wie selten zuvor ist.

Es muss jetzt etwas passieren bei den Bayern – und zwar schnell. Klinsmanns letzte Runde ist längst eingeläutet. Das Problem ist nur: Was soll er tun, wie schafft er es, sein Team auf Kurs zu bringen? In Barcelona degradierte er Stammtorwart Michael Rensing und ließ "Torwart-Oldie" Hans-Jörg Butt sein Glück versuchen. Eine Maßnahme zum einen ohne jeglichen Effekt, zum anderen mit üblem Nachgeschmack. Denn jetzt hat Klinsmann vor seinem "Grande Finale" in der Bundesliga gegen Eintracht Frankfurt auch noch ein Torwartproblem. Aber darauf kommt es jetzt auch schon nicht mehr an.

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