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Nackte Angst vor der Wahrheit

Pöbeleien zwischen den Spielern, ein ratloser Trainer und die Meisterschaft in weiter Ferne: Beim FC Bayern brennt nach der Pleite in Leverkusen der Baum. Eine Situationsanalyse.

Von Klaus Bellstedt

  Gibt derzeit auch kein souveränes Bild ab: Bayerns Sportdirektor Christian Nerlinger

Gibt derzeit auch kein souveränes Bild ab: Bayerns Sportdirektor Christian Nerlinger

  • Klaus Bellstedt

Es ist ein Bild, das man mittlerweile kennt von den Bayern - genauer gesagt vom Sportdirektor. Wann immer Christian Nerlinger in den letzten Wochen ein Interview gegeben hat, so richtig gehaltvoll und aussagekräftig war das nie. Nach der Pleite gegen Leverkusen und sieben Punkten Rückstand auf Tabellenführer Borussia Dortmund war es wieder soweit: "Bei der Bilanz, die wir in der Rückrunde geliefert haben, sollten wir schauen, dass wir es irgendwie hinkriegen, die Auswärtsschwäche in den Griff zu kriegen." Ach wirklich? Und wie? Noch eine Kostprobe: "Natürlich kommt jetzt die Kritik und wir sind unter Druck." Glückwunsch, Herr Nerlinger, sie haben es begriffen.

Eines muss fairerweise festgehalten werden: Der Manager der Bayern stellt sich wenigstens den Medien. Er drückt sich nie. Und dennoch: Das Gefühl, dass die wichtigste Person im Verein neben Trainer Jupp Heynckes die Lage im Griff hat und auch weiß, wie an der Isar modernes Krisenmanagement funktioniert, will beim objektiven Betrachter nicht aufkommen.

Dies gilt übrigens auch für Chefcoach Jupp Heynckes, der als Fußball-Weiser eine Art Brückenbauer in eine glorreiche Zukunft der Bayern sein sollte - und nun um seinen Arbeitsplatz bangen muss. Im Nerlinger-Stil analysierte Heynckes nach dem Spielende in Leverkusen: "Wenn man Trainer beim FC Bayern ist, muss man mit solchen Situationen umgehen, gelassen und souverän sein." Das Dumme für den zunehmend ratlosen Coach: Sein Umfeld reagierte alles andere als gelassen und souverän auf den vorentscheidenden Tiefschlag im Meisterschaftskampf.

Gomez seit Wochen außer Form

Nach dem Abpfiff war die Chefetage um Vorstandschef Karl-Heinz-Rummenigge mit hochroten Köpfen und wortlos in Richtung Kabine gestapft, was ein fürchterliches Gewitter erahnen ließ. Fakt ist: Sollten die Bayern in anderthalb Wochen gegen den FC Basel (Hinspiel: 0:1) auch ihren Traum vom Champions-League-Finale im eigenen Stadion frühzeitig begraben müssen, dürfte es für Jupp Heynckes eng werden. Nerlinger hat jedenfalls schon mal angekündigt, den Trainer "zum gegebenen Zeitpunkt" zum Gespräch zu bitten.

Und dann kann man nur hoffen, dass auch mal Tacheles zwischen den beiden geredet wird. Die Fragen, die sich Heynckes gefallen lassen muss, liegen auf der Hand - offensichtlich spricht sie bisher nur niemand im Klub aus: Warum hält der Trainer solange an einem formschwachen Spieler wie Mario Gomez fest? Warum wurde in der Winterpause kein neuer Spieler für die Defensive verpflichtet? Und: Warum ist das Teamgefüge nicht intakt? Warum Nerlinger seinen Trainer ausgerechnet mit diesen Fragen konfrontieren sollte? Deshalb: Der Rekordmeister brachte sich in Leverkusen ähnlich wie in Freiburg (0:0), in Hamburg (1:1) oder bei der Niederlage in Basel wegen eklatant schlechter Chancenausnutzung selbst um den Erfolg. Das lag auch an Mario Gomez, der in der zweiten Hälfte entnervt ausgewechselt wurde. Der Angreifer braucht dringend eine Pause.

Miese Stimmung im Team

Hinten rechts in der Viererkette bringt Rafinha mittlerweile selbst eingefleischte Bayern-Fans zur Verzweiflung. Woche für Woche darf der Brasilianer dort sein Unwesen treiben - weil die Alternativen fehlen. Letzter Punkt: die Stimmung im Team. Dass die Bayern-Profis Jerome Boateng und Thomas Müller in der 29. Minute lautstark und handfest aneinandergerieten, passt ins Bild des alles andere als harmonischen Mannschaftsgefüges. Schon in Basel hatten sich Müller und Badstuber in der Kabine ein Wortgefecht geliefert. Wie sagte Toni Kroos so schön? "Es ist nicht schlimm, wenn es mal Meinungsverschiedenheiten gibt. Man muss aber aufpassen, wie man sich präsentiert." Dieser Tage jedenfalls nicht als Einheit.

Normalerweise müsste der Arbeitstag von Jupp Heynckes ab sofort 24 Stunden haben, weil es an so vielen Stellen brennt. Große Hoffnung auf Verbesserungen sollte man sich als Bayern-Fan aber nicht machen. Die Fast-Prügelei zwischen Müller und Boateng spielte der Trainer Heynckes unerklärlicherweise einfach nur herunter: "Es gehört dazu, dass Emotionen gelebt werden", sagte Heynckes. Problem erkannt? Eher nicht. Der Trainer muss jetzt die Mannschaft zu einer Aussprache laden, er muss Einzelgespräche führen und an die Berufsauffassung jedes Einzelnen appellieren.

Trainerdiskussion steht vor der Tür

Bayerns Toni Kroos ist ein besonnener und kluger Fußballprofi. Er reifte unter Jupp Heynckes in Leverkusen zum Nationalspieler. Kroos kennt die Mechanismen des Geschäfts. Der Mittelfeldspieler ahnte schon unmittelbar nach Spielschluss, was jetzt auf seinen Coach einbrechen würde. Auch wenn er es anders formulierte: "Hoffentlich gibt es jetzt keine Trainerdiskussion." Der Wunsch bleibt wohl nur Vater des Gedankens.

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