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Der FC Bayern hat die Reifeprüfung bestanden

Bayern München gewinnt gegen Juventus Turin eine epische Schlacht, die die Italiener nicht verlieren durften. Wenn die Münchener die richtigen Lehren daraus ziehen, können sie noch weit kommen.

Von Felix Hutt, München

Der FC Bayern München feiert den Sieg über Juventus Turin in der Champions League

Der FC Bayern jubelt: In einem unfassbaren Spiel sah es lange so aus, als würden die Bayern ausscheiden, doch in letzter Sekunde rettete Müller sein Team in die Verlängerung.

Es war die 65. Spielminute, als man auf dem Rasen der Allianz-Arena etwas Ungeheuerliches bestaunen durfte: Thomas Müller war ratlos. Wieder einmal war eine Flanke von Franck Ribéry für ihn unverwertbar in den Strafraum geflogen und in den Armen von Gianluigi Buffon gelandet. Müller, eigentlich bayerischer Optimismus auf zwei Beinen, schüttelte den Kopf und schaute ratlos vor sich hin. Nichts zu machen heute. So schien es.
Bis zu diesem Zeitpunkt hätte Juventus Turin uneinholbar führen müssen. Nach dem 2:0 hatte allein Alvaro Morata genug Gelegenheiten das Spiel zu entscheiden. Neuer, der Pfosten, Moratas Ängstlichkeit, eine falsche Abseitsentscheidung – die Bayern blieben am Leben. „Wenn sie das dritte Tor machen, dann ist es vorbei“, sagte Pep Guardiola nach der Partie. Er wirkte mehr erleichtert als glücklich, weil er wusste, dass es auch an seinen Rochaden lag, dass seine Mannschaft in der ersten Halbzeit auftrat wie eine Rumpeltruppe.

Turins Trainer Massimo Allegri, der seinen eleganten Wintermantel stets so tailliert trägt, dass er wie der Frack eines Dirigenten an ihm aussieht, leitete sein Orchester perfekt an, obwohl ihm mit Chiellini sein bester Verteidiger, mit Dybala sein bester Stürmer, und mit Marchisio sein bester Mittelfeldspieler fehlten. Er ließ Mandzukic auf der Bank, setzte auf den schnelleren Morata. Paul Pogba, im Hinspiel sehr defensiv, agierte anfangs als zweiter Stürmer. Der athletische Franzose, der seine freien Tage mit Kickboxen verbringt und bald für über 100 Millionen Euro Ablöse den Verein wechseln soll, traf bereits in der fünften Minute.

Bayern war nicht auf Juventus Attacken vorbereitet

Juventus Turin stand hoch, attackierte früh. Bayern München wirkte auf die Taktik unvorbereitet. Die Mannschaft schien erwartet zu haben, dass sich Juventus Turin ehrfürchtig zurückzieht und den Münchenern den Ball überlässt. David Alaba, der in Kürze seinen Vertrag verlängern und dann eine zweistellige Millionensumme pro Jahr verdienen könnte, schien mit seinen Gedanken schon beim Ferrari-Shopping. Er patzte vor beiden Gegentoren, wirkte ungewohnt fahrig.

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FC Bayern Kingsley Coman Thiago

Zwei entscheidende Einwechselspieler für den FC Bayern gegen Juventus Turin: Kingsley Coman (l.) und Thiago - aber nur einer erhält in unserer Einzelkritik die Bestnote ...


Obwohl Thiago und Arturo Vidal in Turin sehr gut im Mittelfeld harmoniert hatten, entschied sich Guardiola für Xabi Alonso und gegen Thiago. Alonso und Innenverteidiger Mehdi Benatia spielten wie Fremdkörper, wurden zu Beginn der zweiten Halbzeit ausgewechselt. Es ist eine von Guardiolas Stärken, dass er einsieht, wenn etwas nicht funktioniert, und es dann ändert. Die Einwechslung von Kingsley Coman war sein Königszug. Der 19-jährige Franzose, ausgerechnet von Juventus Turin ausgeliehen, begann mit Douglas Costa die Abwehr der Italiener müde zu dribbeln. Costa schlug in der 76. Minute die Flanke für Lewandowski, Coman in der 91. Minute die für Müller. 2:2, Verlängerung, die eisige Stille in der Allianz-Arena war da längst lärmender Euphorie gewichen. Unabhängig von Sieg und Niederlage bekam man als Fan in Hin- und Rückspiel dieses Duells alles, was Fußball ausmacht. Es muss unbedingt mit dem Attribut Klassiker belohnt werden.

Nächster Bayern-Gegner nicht zu beneiden

Thiago kam, traf zum 3:2. Coman schoss die Bayern endgültig ins Viertelfinale. Es ist der wichtigste Sieg unter Guardiola, weil Bayern München in der Champions League jetzt nichts mehr zu verlieren hat. Man war schon ausgeschieden, die nächsten Runden sind Bonus. Mit dieser Einstellung lässt es sich befreiter spielen. Man weiß, dass man mit einer mittelmäßigen Leistung überlebt hat. Man weiß, was überhaupt nicht funktioniert hat.

Javier Martinez und Jerome Boateng, die das Spiel vor der Pressetribüne verfolgten und sich nach dem Ausgleich fast die Treppe hinunter stürzten vor Begeisterung, werden zurückkommen. Bayern München wird wieder mit gelernten Weltklasse-Innenverteidigern auflaufen. Franck Ribéry wird weiter Spielpraxis sammeln und stärker werden. Weltmeister-Torschütze Mario Götze wird den Schmollwinkel verlassen und in die Mannschaft drängen. Arjen Robben, der am Samstagabend bei frostigen Temperaturen beim Heimspiel gegen Werder Bremen leicht bekleidet auf der Tribüne saß und gegen Turin wegen einer Grippe ausfiel, wird sich vielleicht einen warmen Schal leisten und auch wieder mitspielen. Guardiola wird sich Trips nach Amsterdam sparen um Spieler für seinen neuen Verein zu verpflichten, weil das in der Vorbereitung nicht unbedingt förderlich war. Und Thomas Müller wird nie wieder ratlos schauen, weil er jetzt weiß, dass er Spiele drehen kann, die nicht zu drehen sind. Am Freitag bekommt Bayern München seinen nächsten Gegner zugelost. Er ist nicht zu beneiden.

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