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Eine, die nie verstanden hat

Die erfolgreichste Fußballerin der Welt verabschiedet sich am Abend von der großen Bühne. Wir haben Birgit Prinz einen Brief geschrieben. Es ist kein Liebesbrief.

Von Alexandra Kraft

  Am liebsten auf dem Weg nach vorn: Birgit Prinz im Trikot der Nationalmannschaft

Am liebsten auf dem Weg nach vorn: Birgit Prinz im Trikot der Nationalmannschaft

Liebe Birgit Prinz, Sie waren der Alptraum jedes Journalisten. Interviews konnten Sie nicht leiden. Daraus machten Sie auch keinen Hehl. Wenn Sie doch vors Mikro mussten, waren Ihre Antworten kaum länger als zwei Sätze. Meist zwischen den Zähnen hervorgeknurrt. Die Stirn unfreundlich in Falten gelegt. Nach der EM 2001 - Ihr Team hatte gerade den Titel gewonnen - sagten Sie einmal: "Ich muss das nicht ständig haben angeglotzt zu werden."

Aber Sie waren auch eine begnadete Fußballerin. Zwei Mal Weltmeisterin mit der deutschen Nationalmannschaft, fünf Mal Europameisterin und drei Mal Weltfußballerin. Dabei waren ihre Startbedingungen denkbar schlecht. Als Sie als Kind zu kicken begannen, galt noch: "Fußball ist nichts für Frauen." Ihnen war das einfach egal. Sie spielten trotzdem. Dickköpfig, wie Sie damals wohl schon waren.

Zu groß war die Liebe zum Fußball

Ihr Weg an die Spitze ist heute Sportgeschichte. Mit 15 Jahren feierten Sie mit einer Sondergenehmigung Ihre Bundesligapremiere mit der Mannschaft des FSV Frankfurt. 1994 stürmten Sie mit 17 Jahren zum ersten Mal für die deutsche Frauennationalmannschaft - und erzielten gleich im ersten Spiel den Siegtreffer. Sie waren eine Urgewalt auf dem Platz. Eine, die mit ihrer wuchtigen Art fast jede Abwehrspielerin hinter sich ließ. Sie waren schnell, wendig und unglaublich ballsicher.

Damals passierte das alles weitestgehend von der Öffentlichkeit unbeobachtet. Frauenfußball dümpelte in Deutschland noch vor sich hin. Alles nur Kampflesben, so das gängige Vorurteil. Zuschauer gab es nur wenige. Fans schon gar nicht. Und ins Fernsehen schafften es die kickenden Frauen auch nur selten.

Geld verdienen konnten Sie so mit dem Ballsport kaum. Ihnen war aber auch das egal. Zu groß war Ihre Liebe zum Fußball. Um Miete und Lebensmittel bezahlen zu können, arbeiteten Sie als Physiotherapeutin. Interviews mussten Sie damals auch kaum geben. Sie konnten machen, was Sie am liebsten mochten: Fußball spielen.

Die Bühne war perfekt

Die Zeiten haben sich geändert. Fußball ist heute der weltweit am meisten betriebene Frauensport. Die Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr in Deutschland sollte der krönende Abschluss Ihrer Karriere werden. Jahrelang hatten Sie mit Ihren Leistungen auf dem Platz für die Popularität des Frauenfußballs in Deutschland gesorgt. 2011 sollten Sie für Ihre Mühen belohnt werden. Kurz vor Ende Ihrer Karriere endlich die Anerkennung für Ihren Sport bekommen, die Ihnen lange verwehrt gewesen blieb. Am besten mit dem dritten Titel. Im ganzen Land hingen Plakate mit der Aufschrift: "Dritte Plätze sind nur was für Männer."

Nach dem Finale wollten Sie als Psychologin arbeiten. Die Bühne war perfekt. Die Welt schaute zu. Und Deutschland hoffte auf ein neues Sommermärchen. Gleich beim Eröffnungsspiel war das Stadion ausverkauft. Unglaubliche 75.000 Zuschauer jubelten dem Team zu. So viel wie noch nie bei einem Spiel der Frauen.

Und dann ging für Sie alles schief, was nur schiefgehen konnte. Statt für geniale spielerische Momente zu sorgen, schleppten Sie sich über den Platz. Waren offensichtlich komplett außer Form. Neben Ihren jungen Mitspielerinnen Lira Bajramaj und Co., die perfekt geschminkt und frisiert mit bunten Schuhen über den Rasen trabten, wirkten Sie wie ein Relikt aus längst vergangenen Tagen. Und während die Mädels nach den Spielen locker lächelnd in die Mikrofone der Reporter flöteten, rannten Sie mit nach unten gesenktem Blick an allen vorbei. Schoben zur Not auch eine Mitspielerin, die in Ihrem Weg stand, unsanft zur Seite.

Zeit, erwachsen zu werden

Denn Sie haben sich nie geändert. Sie haben nie verstanden, dass Fußball weit mehr als ein Spiel ist. Dass es heute auch darum geht, sich gut zu verkaufen. Sicher, Sie haben mit Ihrer Leistung in den letzten Jahren überhaupt erst möglich gemacht, dass die Deutschen sich für Frauenfußball interessieren. Als es aber darum ging, die Herzen der Fans zu erobern, haben Sie versagt. Auf und neben dem Platz.

Statt nach Ihren schlechten Spielen Größe zu zeigen, haben Sie sich benommen wie eine bockige Teenagerin. Stürmten nach Ihrer Auswechslung an der Bundestrainerin vorbei - und verweigerten den Handschlag. Jammerten Tage später auf einer Pressekonferenz über den Druck, der auf Ihren Schultern lastete. Und wurden am Ende zu Recht nicht der gefeierte Superstar. Sondern wieder nur die Frau, die nicht gerne Interviews gibt. Kürzlich sagten Sie: "Nein, ich bereue nichts. Ich denke, ich war Teil einer Zeit im Frauenfußball, in der sich unheimlich viel entwickelt hat und daran habe ich meinen Anteil. Auch wenn ich nicht immer so funktioniere, wie man es sich wünscht."

Liebe Birgit Prinz, heute Abend stürmen Sie mit der Nationalmannschaft im Stadion am Bornheimer Hang in Frankfurt gegen Ihren alten Verein 1. FFC Frankfurt im Abschiedsspiel. Es ist Ihr Abschiedsspiel. Sie waren wirklich eine ausgezeichnete Fußballerin. Zu mehr hat es leider nicht gereicht. Vielleicht gelingt Ihnen das im echten Leben besser. Ich wünsche es Ihnen. Es ist Zeit, erwachsen zu werden.

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