Gomez, Timoschtschuk, Olic, Pranjic, Braafheid - viel Geld haben die Bayern ausgegeben, um in Sachen Titel sicher zu gehen. Dennoch kommt es in der neuen Saison wieder nur auf einen an. Wenn der Leistung bringt, ist alles möglich. Wenn nicht, drohen Probleme, Konflikte und verfehlte sportliche Ziele. Von Jens Fischer
Da sind psychologische Fähigkeiten gefragt. War es im vergangenen Jahr noch Jürgen Klinsmann, der die Journalisten und das Bayern-Umfeld mit seinem Dauergrinsen verunsicherte, so ist es nun der Neu-Trainer Louis van Gaal, dem man äußerst vorsichtig begegnen muss. Legendär sind jetzt schon nach wenigen Wochen die Pressekonferenzen des knorrigen Holländers. Verboten sind doppelt gestellte Fragen und zur Schau gestellte Inkompetenz. Van Gaal fühlt sich als Fachmann und will auch so behandelt werden. Und wehe nicht! Van Gaal versteht da keinen Spaß.
Aber genau so einen haben sie in München gesucht nach der vergangenen Larifari-Saison. Einen wie van Gaal, den General, den Zuchtmeister, Moralist und Taktik-Fetischist. Dessen Leitlinien haben die bayerischen Millionarios in der Vorbereitung zu spüren bekommen. Auf dem Platz bei exzessivem und stundenlangem Taktik-Training. Hart, flach und millimetergenau müssen die Pässe kommen. Sonst wird er laut, der neue Boss. Und auch neben dem Platz pflegt van Gaal strenge Sitten. Ordentliches Outfit, einwandfreie Tischmanieren – davon können die Edelkicker seit vielen Wochen ein Liedchen singen.
Ribéry ist unverzichtbar
Van Gaal gehört zu den Trainern, die ganz konkrete Vorstellungen haben. So ließ er in den Testspielen konsequent eine A- und eine B-Mannschaft auflaufen. Frühzeitig machte er klar, dass sein bevorzugtes System aus einem 4-4-2 besteht. Umso verwunderlicher wirkt es daher, dass die Bayern-Verantwortlichen darauf verzichtet haben, einen klassischen Spielmacher Marke Diego oder Van der Vaart zu verpflichten.
Nun also steht und fällt das kreative Bayern-Spiel mit einem, dessen Namen im Prinzip seit Monaten mit negativen Schlagzeilen versehen ist: Franck Ribéry. Unmoralisch sei der, weil er lange mit einem Wechsel zu Real Madrid kokettierte. Ein Schauspieler, der Verletzungen vortäusche. Ein "Franzose, dem Bayern wurscht ist" (O-Ton Franz Beckenbauer). Im Prinzip aber ist Ribéry nur eines: Der einzige Spieler, der die Bayern auch im kommenden Jahr auf das so begehrte internationale Spitzenniveau hieven kann. Kann er das auch auf der Spielmacherposition, dort wo so wenig Platz ist für seine wundervollen Sololäufe?
Der müde Pokalsieg der Bayern bei der SpVgg Neckarelz hat bereits gezeigt: Es hakt weiter an vielem im Gefüge des ambitionierten Rekordmeisters. Wie schon zu Klinsmanns Zeiten agierten die Münchner viel zu langsam, viel zu pomadig und auch mal wieder ein wenig zu selbstgefällig. Einzig die vermeintlich eingebaute Torgarantie des neuen Starstürmers Mario Gomez rettete die Münchner beim tapferen Sechstligisten. Auch in diesem Spiel merkte man: Ohne Ribéry scheinen geniale Momente und kreative Kunstgriffe beim Letztjahres-Zweiten nahezu ausgeschlossen zu sein.
Personalien garantieren Zündstoff
Hinzu kommen Personalien, die jede Menge Zündstoff mit sich bringen. Angefangen beim Torwart. Van Gaal hat sich für Michael Rensing als Nummer Eins entschieden. Dessen wahres Potenzial ist aber weiter ein Rätsel. Gegen Neckarelz leistete sich Rückkehrer Rensing gleich einmal einen dicken Patzer. Bei der nächsten Fehlleistung geht die Diskussion um ihn von vorne los, das ist jetzt schon klar. In der im letzten Jahr so porösen Innenverteidigung wird Martin Demichelis wegen eines Bänderrisses im Knöchel lange fehlen. Das heißt, der unerfahrene Holger Badstuber darf neben dem eigentlich schon ausgemusterten Daniel van Buyten sein Glück versuchen. Ein wackeliges Gespann.
Dann sind da noch Anatoli Timoschtschuk und Luca Toni. Ersterer, angeblich einer der besten "Sechser" weltweit, wird erst einmal auf der Bank Platz nehmen. Kapitän Mark van Bommel hat ihn verdrängt, man darf gespannt sein, wie lange der eitle Ukrainer sich das anschauen wird. Ebenso Toni. Der ist momentan hinter Gomez, Miroslav Klose und Ivica Olic Stürmer Nummer vier. Ein Wechsel - zum Beispiel zu West Ham United - scheint wahrscheinlich.
Die stern.de-Prognose:
Die Bayern kämpfen auch in der kommenden Spielzeit mit vielen Baustellen und persönlichen Befindlichkeiten. Allerdings haben sie sich einen Kader mit exzellenter Qualität zusammengekauft, der der Bundesliga-Konkurrenz überlegen sein dürfte. Entscheidend wird sein, wie die Bayern mit dem Druck zurechtkommen, in dieser Saison auf jeden Fall den Meistertitel holen zu müssen. Da wird schnell jedes Spiel zum Endspiel, eine Situation, die für die Bayern allerdings nicht neu ist. Dennoch: Es wird ein harter Kampf und kein Alleingang. Am Ende schaffen sie es aber und holen den Titel. Dafür wurde schließlich gehörig investiert.
Zugänge:
Danjiel Pranjic (SC Heerenveen)
Edson Braafheid (FC Twente Enschede)
Mario Gomez (VfB Stuttgart)
Anatoli Timoschtschuk (Zenit St. Petersburg)
Ivica Olic (Hamburger SV)
Alexander Baumjohann (Borussia M'Gladbach)
Andreas Görlitz (Karlsruher SC)
Thomas Müller (Bayern München II)
Holger Badstuber (Bayern München II)
Abgänge:
Tim Borowski (Werder Bremen)
Lucio (Inter Mailand)
Ze Roberto (Hamburger SV)
Lukas Podolski (1. FC Köln)
Massimo Oddo (AC Mailand)
Mats Hummels (Borussia Dortmund)
Willy Sagnol (Karriereende)
Auftaktprogramm:
1899 Hoffenheim - Bayern München
Bayern München - Werder Bremen
Mainz 05 - Bayern München