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Zu gut für Platz zwei

Den Supercup haben sie schon, weitere Titel sollen folgen. Der BVB ist erfolgshungrig und hat sich klug verstärkt. Der Abstand zu den Bayern wird kleiner, mehr dürfte aber nicht drin sein. Oder doch?

Von Carsten Heidböhmer

  Gut eingekauft und schon den ersten Titel geholt: Mit den Neuzugängen Sokratis (Mitte) und Aubemayang (.l.) gewann Borussia Dortmund 4:2 gegen Bayern München - und setzte damit ein klares Zeichen, dass auch in der neuen Saison mit dem BVB zu rechnen ist.

Gut eingekauft und schon den ersten Titel geholt: Mit den Neuzugängen Sokratis (Mitte) und Aubemayang (.l.) gewann Borussia Dortmund 4:2 gegen Bayern München - und setzte damit ein klares Zeichen, dass auch in der neuen Saison mit dem BVB zu rechnen ist.

Ausgerechnet Lothar Matthäus. Der langjährige Bayern-Spieler ist bei den Dortmunder Fans nicht gerade beliebt. Doch für Matthäus ist der BVB diese Saison Titelfavorit. Damit vertritt er eine Minderheitenposition: Die meisten Experten sehen die Dortmunder auf Rang zwei. Auch wenn die Borussen wie vor jeder Saison tiefstapeln: Ein zweiter Platz wäre eine Enttäuschung. Nach dem knapp verlorenen Champions-League-Finale sind die Spieler heiß auf Titel.

Was ist neu?


Der BVB besinnt sich wieder darauf, was ihn in der Vergangenheit so stark gemacht hat: die eigene Jugend. Mit Jonas Hofmann, Stürmer Marvin Ducksch sowie den Verteidigern Koray Günter und Marian Sarr haben gleich vier Spieler aus der U23 den Sprung in die erste Mannschaft geschafft. Während der quirlige Hofmann bereits in der vergangenen Saison in seinen drei Bundesligaeinsätzen überzeugte, gilt Ducksch als Entdeckung der Vorbereitung. Der 19-Jährige erzielte sechs Tore in Testspielen, einmal traf er im DFB-Pokal. Mit Erik Durm und Jannik Bandowski verfügt Jürgen Klopp zudem über interessante Optionen für die Außenposten, die mittelfristig nachrücken könnten.

Überstrahlt werden diese Talente aber von drei Königstransfers: Für rund 27 Millionen Euro wurde Henrik Mkhytaryan aus Donezk geholt. Der Armenier könnte Mario Götze sehr schnell vergessen machen. Er hat einen stärkeren Zug zum Tor und ist deutlich aggressiver im Zweikampf als der zu den Bayern abgewanderte Edeltechniker. Damit passt er perfekt zu Jürgen Klopps Plänen, eine neue "Pressingmaschine" zu bauen. Mit dem Griechen Sokratis (Vorsaison: Werder Bremen) verfügt der BVB zudem über einen robusten und ballsicheren Innenverteidiger, der Neven Subotic und Mats Hummels adäquat ersetzen kann - anders als der zu Schalke abgewanderte Felipe Santana, der Defizite im Spielaufbau hatte. Und Pierre-Emerick Aubameyang (AS Saint-Étienne) ist ein pfeilschneller und torgefährlicher Offensivspieler, der perfekt als Konterspieler eingesetzt werden kann. Keine Frage: die Borussia der Saison 2013/14 ist stärker als im Vorjahr - und variabler.

Was ist gut?

Trotz der titellosen Saison und dem traumatischen Abgang von Mario Götze ist die Stimmung beim BVB sehr gut. Von Abnutzung keine Spur - auch im sechsten Jahr schafft es Jürgen Klopp, seine Jungs für sein laufintensives System zu begeistern. Schon in den Vorbereitungsspielen war erkennbar, dass die Mannschaft nach 42 Gegentreffern in der Vorsaison an dem Defensivverhalten gearbeitet und das Pressing intensiviert hat.

Zudem verfügt Klopp dank der neuen Spieler über deutlich mehr taktische Varianten. Anstatt immer nur im bewährten, aber ausrechenbaren 4-2-3-1-System aufzulaufen, kann Klopp auch im 4-3-3 (mit Gündogan und dem wiedererstarkten Sahin) spielen lassen. Möglicherweise nimmt er auch das in der Vorsaison gegen Schalke gescheiterte Experiment einer Dreierkette wieder auf. Mit Sokratis verfügt er nun über den passenden, schnellen Verteidigertyp. Und Kevin Großkreutz ist sowieso auf fast jeder Position einsetzbar.

Was ist schlecht?


Sportlich wird der BVB den Abgang von Mario Götze mit der Verpflichtung von Henrik Mkhitaryan kompensieren können. Weitaus größer ist der psychologische Schaden, den dieser Transfer angerichtet hat: Er hat Fans und Mannschaft noch einmal vor Augen geführt, wie brüchig die heile Dortmunder Welt ist. Der BVB als verschworene Gemeinschaft junger und zumeist aus der Region stammender Spieler, die auf viel Geld verzichten, um für ein spannendes zu Projekt kicken - dieses Idealbild hat schwere Kratzer bekommen. Nach dem Götze-Weggang - und dem Verlust Lewandowskis spätestens 2014 - ist zu befürchten, dass weitere europaweit umworbene Stars wie Marco Reus, Mats Hummels oder Ilkay Gündogan dem Klang großer Vereinsnamen und des noch größeren Geldes erliegen könnten.

Selbst wenn die meisten bleiben: Allein schon die Gerüchte über mögliche Spielerwechsel können viel Unruhe in die Mannschaft bringen. Das Wechseltheater um Robert Lewandowski birgt zudem enormes Nervpotenzial. Die anstehende Vertragsverlängerung mit Gündogan wird einen Fingerzeig liefern, wie attraktiv der BVB für die jungen Stars ist.

Was ist möglich?


Eigentlich scheint die Platzierung schon vor Anpfiff der Saison festzustehen: Dortmund wird Vizemeister. Von den Überfliegern aus München ebenso weit entfernt wie von dem Rest der Liga, scheint der BVB wie in der Vorsaison auf dem zweiten Platz festgetackert zu sein.

Doch es könnte auch anders kommen. Die Neuzugänge bestätigen den guten Eindruck aus der Vorbereitung, die jungen Spieler drehen auf - und der FC Bayern muss sich erst noch an Trainer und System gewöhnen. Wenn die Dortmunder dann auch noch so konstant spielen wie in der Rückrunde 2011/12, dann - und nur dann - können sie sogar Meister werden. Ganz so, wie es Lothar Matthäus vorhergesagt hat.

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