Auf der Suche nach dem Reus-Faktor

7. August 2013, 11:18 Uhr

Eigentlich hat Lucien Favre verboten, weiter Marco Reus hinterher zu trauern. Die Einkäufe der Gladbacher verraten aber: Der Coach will eine Neuauflage der BoREUSsia. Ob das klappt, ist fraglich. Von Dieter Hoß

Bundesliga, Borussia Mönchengladbach, Teamcheck, Lucien Favre, Raffael, Max Kruse

Und wieder kein Tor: Auch Hoffnungsträger Max Kruse hat bisher im Gladbachtrikot kein Tor gemacht. Hier scheitert er am Darmstädter Keeper Zimmermann.©

Als Bruce Springsteen Anfang Juli den Borussia-Park rockte, war auch Lucien Favre im Stadion. Der Gladbacher Trainer war - wie zu hören war - beeindruckt von der Power, die der "Boss" auf die Bühne brachte. Power und Esprit wünscht sich der Coach auch von den Borussen. Denn allzu bieder arbeiteten sich die Fohlen durch die vergangene Saison. Favre, ein Freund des feinen Fußballs, war dementsprechend häufig genervt. Nun aber ist der Schweizer bestens gelaunt, ist "sehr zufrieden" mit den Neuzugängen. Die nämlich könnten es Favre ermöglichen, dass einst so erfolgreiche "System Reus" wiederzubeleben - auch wenn er das niemals zugeben würde.

Was ist neu?

Favres gute Laune hat einen anderen Namen: Raffael. In Zürich und Berlin war das Tandem schon erfolgreich, nun soll es am Niederrhein nochmal klappen. Raffael soll Max Kruse in Szene setzen, den aus Freiburg gekommenen Shootingstar der letzten Saison. Der dritte Neue, Christoph Kramer, kommt aus Bochum, gehört eigentlich Leverkusen, und ist ein Ballschlepper vom Schlag des wie Reus und Dante schmerzlich vermissten Roman Neustädter. Das wäre es auch schon, hätte sich in der Vorbereitung nicht ein neues Juwel aus dem Fohlenstall aufgedrängt. Der 17-jährige Mo Dahoud begeisterte Favre mit erstaunlicher Abgeklärtheit und Spielstärke - selbst gegen Hochkaräter wie Franck Ribéry oder Arjen Robben. Der gebürtige Syrer soll behutsam an den Bundesligakader herangeführt werden.

Was ist gut?

"Es ist gut für Gladbach, dass so talentierte junge Spieler in der Pipeline sind", freut sich Favre außer über Dahoud über weitere Nachwuchsspieler auf dem Weg zum Profi. Auf diese Weise kam auch Nationalkeeper Marc-André ter Stegen ins Bundesligateam. Der 20-Jährige ist seither eine Bank; er hält so manchen Punkt mit erklassigen Paraden fest. Gut für die Fohlen, dass er den Lockrufen des FC Barcelona (noch) nicht gefolgt ist. Die Offensive ist mit Raffael und Kruse mächtig aufgerüstet worden. Die Idee dahinter ist offensichtlich: Raffael kann den tödlichen Pass spielen. Der schnelle und zuletzt torgefährliche Kruse kommt dem Spielertypus Reus recht nahe. Die beiden sind zudem jene Mitspieler, die Zauberfuß Juan Arango, Tempostürmer Patrick Herrmann und Dribbeltalent Amin Younes in der vergangenen Saison schmerzlich vermisst haben. Hinzu kommt, dass sich die sündhaft teuren Neuzugänge aus dem vergangenen Jahr nun akklimatisiert haben sollten. Neben Alvaro Dominguez, der schon eine feste Größe in der Abwehr ist, dürften auch Sechser Granit Xhaka und Goalgetter Luuk de Jong nun ihre Stärken zeigen.

Was ist schlecht?

Mit de Jong beginnen aber auch die Probleme. Der Zwölf-Millionen-Euro-Mann gilt als Knipser. In der Stammelf darf er das derzeit aber nicht zeigen, obwohl es den Fohlen an Durchschlagskraft und Effektivität mangelt. Dank ihrer Spielstärke hat die Elf vom Niederrhein zwar meist eine Menge Ballbesitz, Torchancen kreiert sie aber kaum, Tore schießt sie noch weniger. Das scheint sich auch mit Raffael und Kruse (zunächst) nicht zu ändern, wie das peinliche Pokalaus in Darmstadt zeigt. Es wirkt, als seien alle Zutaten vorhanden, doch der Coach findet einfach nicht das richtige Rezept. Vielleicht auch, weil in Gladbach eine "Zutat" schon seit Jahren fehlt. Die Fohlen haben einfach keine Verteidiger, die die Außenbahnen beackern sowie mit Flanken und Passspiel für zusätzliche Gefahr sorgen können. Daems und Wendt, Jantschke und Korb zeigen das viel zu selten. Eine Baustelle, um die sich Sportdirektor Max Eberl dringend kümmern muss.

Was ist möglich?

Gladbach will sich erklärtermaßen in den einstelligen Tabellenplätzen festsetzen. Das ist möglich, sogar das Schielen auf die Europa-League-Plätze ist nicht unrealistisch. Allerdings nur, wenn Lucien Favre den Reus-Faktor findet. Schafft er es nicht, aus seinen Schönspielern eine druckvolle Truppe zu formen, dann droht weiter biedere Fußballarbeit.

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