Auf die sanfte Tour

1. August 2013, 17:38 Uhr

Nanu, ist das wirklich noch Hertha BSC? Der notorisch großmäulige Hauptstadtklub wirkt bei seiner Rückkehr in die Eliteklasse erstaunlich zahm. Die neue Bescheidenheit tut dem Klub richtig gut. Von Volker Königkrämer

Bundesliga, Teamcheck, Hertha BSC

Gute Laune zur Saisoneröffnung. Die Mission Klassenerhalt sollte für Hertha BSC in diesem Jahr durchaus zu schaffen sein©

Die Ehrenrunde in der zweiten Liga dauerte nur eine Saison. Wie erwartet gelang Hertha BSC nach der denkwürdigen Relegationspleite gegen Düsseldorf der direkte Wiederaufstieg. Dabei hat der Hauptstadtklub die Zeit in der Zweitklassigkeit klug genutzt.

Was ist neu?

Verglichen mit dem Tollhaus vergangener Tage strahlt die Hertha derzeit die Solidität einer Kreissparkassen-Filiale aus. Statt der Großmannssucht von einst dominieren die leisen Töne am Olympiastadion. "Wir sind wieder auf Kurs, aber wir bleiben auf dem Boden", sagt Manager Michael Preetz. "Mit der Rückkehr in die Bundesliga ist erst der Anfang geschafft."

Ein Neuanfang soll es werden, auch in der Außendarstellung. Und in der Tat wirkt es ganz sympathisch, wenn die notorischen Aufschneider von der Spree den Mund ausnahmsweise mal nicht ganz so voll nehmen.

Neu ist auch ein Quartett aus gestandenen Bundesligaprofis. Dabei haben Innenverteidiger Sebastian Langkamp (Augsburg), Linksverteidiger Johannes van den Bergh (Düsseldorf), Hajime Hosogai (Leverkusen) und Mittelfeldmann Alexander Baumjohann (Kaiserslautern) eines gemeinsam: Trainer Jos Luhukay hatte auf seinen Stationen in Gladbach und Augsburg bereits mit jedem zusammengearbeitet. Er kann ihren Charakter einschätzen, weiß, dass er sich keine Stinkstiefel ins Team holt.

Was ist gut?

Ganz klar: der Trainer. Jos Luhukay hat in Berlin bislang perfekte Arbeit geleistet. Der Aufstieg wurde mit dem Zweitliga-Rekord von 76 Punkten geradezu übererfüllt. Zugleich hat der Holländer eine Mannschaft geformt, die über eine gute Balance aus Jugend und Erfahrung verfügt. Ganz wichtig in Berlin: Das Umfeld wirkt inzwischen befriedet, kein Vergleich zu der desaströsen Außendarstellung in der vergangenen Bundesliga-Saison, als sich Manager Preetz und Trainer Markus Babbel eine wochenlange Schlammschlacht lieferten, die auch der Grund für Berlins damaligen Absturz in der Rückrunde war.

Von solchen Querelen ist heutzutage nichts mehr zu spüren in Berlin. Trainer und Manager arbeiten gut zusammen, die Neuzugänge standen frühzeitig fest, so dass in der Vorbereitung schnell mit dem Feinschliff begonnen werden konnte.

Die Mannschaft verfügt über eine stattliche Portion Bundesliga-Erfahrung. Die Breite des Kaders sorgt für einen gesunden Konkurrenzkampf. Im Vergleich zu den Vorjahren wirkt Hertha deutlich gefestigter. Die Bundesliga ist für die Berliner kein Experiment, sondern ein Nach-Hause-Kommen.

Was ist schlecht?

Ronny gut - Herha gut. So lautete die Erfolgsformel in der vergangenen Saison. Der Brasilianer kam auf 18 Tore und 14 Vorlagen, war Motor und Taktgeber des Berliner Mittelfeldspiels. Doch es gibt auch noch den anderen Ronny, jenen nämlich, der bei Herthas Abstieg im Jahr 2012 lustlos dem Niedergang entgegenstolperte.

So recht traut man in Berlin seinem Wunderspieler deswegen immer noch nicht über den Weg. Zumal sich Ronny bei seiner Rückkehr aus dem Urlaub gleich mal mit ein paar Pfunden zu viel auf den Rippen präsentierte.

Beim genaueren Hinsehen wirkt der Kader zwar ausgeglichen, aber vor allem im Sturm fehlt womöglich ein zuverlässiger Knipser. Sami Allagui, Adrian Ramos und Pierre-Michel Lasogga sind guter Bundesliga-Durchschnitt, aber auch keine Namen, die gestandenen Innenverteidigern den Schweiß auf die Stirn treiben. Und nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Lasogga (Bänderriss im Sprunggelenkt, sechs Wochen Pause) wird die Stürmerdecke dann auch schon dünn.

Was ist möglich?

Jos Luhukay hat ein ehrgeiziges Ziel ausgegeben. "Wir wollen zu Hause ungeschlagen bleiben." In der zweiten Liga hat die Hertha das Kunststück fertiggebracht. Im Oberhaus dürfte das Vorhaben naturgemäß deutlich anspruchsvoller sein. Doch auch wenn Herthas-Heimweste nicht blütenrein bleiben dürfte, muss sich der Aufsteiger in dieser Saison nicht verstecken. Trainer und Manager arbeiten gelassen Hand in Hand, das Team wurde klug verstärkt und wirkt in allen Mannschaftsteilen reif für die Bundesliga. Nicht zu vergessen: Auch die Beziehung zwischen Team und Fans scheint intakt, das Umfeld ist befriedet. Gespannt darf man allerdings sein, was bei den ersten Rückschlägen passiert. Dennoch die Prognose: Hertha hat mit dem Abstieg nichts zu tun.

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