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Die scheinheilige Kritik an Rudi Völlers Ausraster

Meine Güte, ist das übertrieben: Rudi Völler muss für seinen jüngsten Ausraster eine Menge Kritik einstecken. Dabei sollten wir froh sein, dass im aalglatten Bundesliga-Zirkus überhaupt noch jemand seine Meinung sagt.

Eine Verteidigung von Tim Sohr

Rudi Völler und die Schiedsrichter

Gerechtigkeitsfanatiker mit Hang zu cholerischen Anfällen: Rudi Völler diskutiert mit den Schiedsrichtern

Rudi Völler hat es wirklich versucht. Eine gute Minute hat er im Interview mit "Sky"-Moderator Sebastian Hellmann durchgehalten. Er hat sich auf die Zunge gebissen und man hat ihm die übermenschliche Überwindungskraft angesehen, die es den Leverkusener Sportvorstand gekostet hat. Aber dann ist ihm doch noch der Kragen geplatzt, wie schon so oft. Völler neigt zu cholerischen Anfällen, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt, und das tut er auch kund: laut, unsachlich und unterhaltsam.

In politisch überkorrekten Zeiten macht er sich damit angreifbar, das wurde nach den Vorfällen rund um das Spitzenspiel in Leverkusen wieder einmal deutlich: Völler muss viel Kritik einstecken für seine neuste Wutrede. Längst ist die Bundesliga zu einer aalglatten Veranstaltung geworden, in der sich die Protagonisten unverbindlicher und nichtssagender äußern als die windigsten Politiker. Da gibt es tatsächlich nur noch "ein' Rudi Völler". Seine Kritiker sollten die Moralkeule also ein bisschen vorsichtiger schwingen: Wenn sie sogar Völler den Mund verbieten, dann hat bald keiner mehr eine Meinung.

Rudi Völler und seine bemerkenswerte Streitkultur

Es geht dabei gar nicht darum, ob Rudi besonders oft im Recht ist. Die Liga braucht einfach dringend solche Protagonisten, die nicht jedes Wort abwägen, bevor sie sich äußern - aber sie müssen das auch dürfen. Rudi Völler rastet regelmäßig aus, weil er aus einer Zeit kommt, in der das noch erlaubt war. Das Bemerkenswerte an seiner Streitkultur: Anschließend ist immer ganz schnell alles wieder gut. Dann wird versöhnlich gezwinkert, beschwichtigend die Hand auf den Unterarm des Opfers gelegt und durch den Bart genuschelt: "Weißt ja, wie ich das gemeint habe." Man zofft sich, man verträgt sich - so geradeaus läuft das bei Rudi Völler.

Außerdem gibt ihm seine sportliche Vita Recht: Völler war als Spieler Weltmeister und Vereinsheld sowohl bei Werder Bremen als auch beim AS Rom, und er führte als Teamchef eine weitestgehend talentfreie deutsche Nationalmannschaft ins WM-Finale 2002. Wenn so einer nicht auch mal ein bisschen Kasalla im Legat'schen Sinne machen darf - wer dann?

Weil Völler ein Gerechtigkeitsfanatiker ist, hat er längst bemerkt, dass bei ihm mit zweierlei Maß gemessen wird. Der ausgebuffte "Sky"-Moderator Sebastian Hellmann ließ im Interview nach dem Skandalspiel nicht locker, weil er wusste: Irgendwann wird der Rudi schon an die Decke gehen. Denn nicht nur viele Fans, sondern auch die Medien lieben Völler für seine lockere Zunge. Sie bauen auf den grauen Wolf als letzten erregbaren Gesprächspartner zwischen all den jungen Hunden, die sie in ihren Interviews nicht zum Bellen bringen. Sie reizen ihn, bis er zubeißt - und wollen hinterher trotzdem sein Kumpel sein, weil man mit so einem Typen viel lieber ein Bier trinkt als mit den ganzen Langweilern. Wie blaffte Völler den nachhakenden Hellmann so schön an: "Nicht wenn das Mikro aus ist sagen: Du hast ja recht, Rudi." So läuft das Geschäft, könnte man sagen. Aber das nimmt ein Rudi Völler nicht kampflos hin.

"Nicht so aufpumpen, die Nummer"? Doch, unbedingt!

"Das muss man doch jetzt nicht so aufpumpen, die Nummer", sagte Rudi gegen Ende des Interviews, in dem er die Nummer nochmal so richtig schön aufgepumpt hatte. Aber das ist nicht ganz richtig, Rudi: Wenn die Bundesliga in absehbarer Zeit nicht den Langeweile-Tod sterben will, dann muss man solche Nummern sehr wohl aufpumpen. Und dazu brauchen wir Dich, Rudi! Also reg Dich bitte unbedingt weiter so schön auf!

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