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Entscheidung vertagt

Das Topspiel der Bundesliga zwischen dem BVB und dem FC Bayern München blieb ohne Treffer. Es war eine durchaus ansehnliche Partie. Doch etwas Entscheidendes fehlte den Mannschaften.

Von Mathias Schneider, Dortmund

BVB-Spieler Mats Hummels (r.) und FC-Bayern-Stürmer Thomas Müller kämpfen um den Ball

BVB-Spieler Mats Hummels (r.) und FC-Bayern-Stürmer Thomas Müller kämpfen um den Ball

Seine Dortmunder haben zwischen der 60. und 85. Minute dann tatsächlich ein bisschen leiden müssen, wie Thomas Tuchel vor dem Spiel vermutet hatte. Bei Tuchel, ein Freund der Metaphorik, stülpt sich ja eine höhere Bedeutungsebene über den Fußball seiner Mannschaft. Bisweilen hört sich das dann schon mal an, als sei so ein Fußballspiel nicht weniger als das Destillat eines ganzen Lebens.

Vor allem, wenn es gegen die Bayern geht.

Bereit zum Leiden müsse seine Elf sein, der Druck durch die Münchner Ballzirkulation werde enorm, hatte Tuchel gewarnt. Und weil Tuchel auch den Bayern vor der Partie zumindest temporäre Leidensphasen in Aussicht stellte, ist kritisch zu hinterfragen, warum die neue deutsche Fußballlehre, so reich an sinnvollen und weniger sinnvollen Überhöhungen in Zeiten des Pressings-Gegenpressings, noch nicht das Leiden-Gegenleiden entdeckt hat.

Bayern trieben ihre Gegner tief in deren Hälfte

Am Ende ist es dann aber doch ein ganz gewöhnliches Fußballspiel gewesen, ein durchaus ansehnliches, vor allem in den ersten sechzig Minuten. Hin und her wogte die Partie. Wie unter Guardiola Brauch, trieben die Bayern ihre Gegner vom Anpfiff weg tief in deren Hälfte. Weil Dortmund jedoch über eine Menge feiner Füßchen verfügt, die sich aus engen Situationen zu befreien verstehen, strebten die Westfalen im Rücken der hoch verteidigenden Gäste ein ums andere Mal relativ unbedrängt dem Tor des Jahrtausendkeepers Neuer zu.

Erst als ihnen im zweiten Abschnitt die Kräfte schwanden, schoben die Bayern ihre Gastgeber mit ihren Kombinationen immer tiefer vor das eigene Tor, es muss dieser Moment gewesen sein, an den Tuchel am Vortag gedacht hatte, als er von diesen Bayern wie vor einem elfköpfigen Monster warnte. "In der Form und Schärfe ist es schwer, sich den Druckphasen der Bayern komplett zu entziehen", konstatierte er nach der Partie aufgeräumt, wohlwissend, dass der Gast dem finalen Punch im zweiten Abschnitt deutlich näher war.

Tuchel dickte BVB-Viererkette mit Durm an

Wie zu erwarten war, hatten Tuchel und Guardiola sich auch an der Taktiktafel eine Schlacht geliefert. Man schätzt sich seit geraumer Zeit, Tuchel steht bei Guardiola im Rang eines Top-Top-Top-Trainers. Guardiola stellt für den Trainer Tuchel dagegen einen großen Inspirator dar. Fußball, das ist bei beiden auch immer ein Kampf von Systemen, gepaart mit mancher Kriegslist. Also dickte Tuchel seine Viererkette mit Weltmeister Durm noch zusätzlich an. Durm sollte Marcel Schmelzer auf der linken Seite unterstützen, um bloß die Räume eng zu halten. Man kann den Versuch als durchaus gelungen werten.

Bei den Bayern tummelte sich dagegen Xabi Alonso in letzter Linie einer Abwehrreihe, die nach dem Ausfall der Hünen Boateng und Badstuber auf Bonsai-Format zusammen geschrumpft ist. Sie können auch deshalb in München leben mit dem Punkt gegen eine Elf, die derzeit wohl zu den besten zehn in Europa gehört.

BVB hätte mutiger sein müssen

Und doch muss auf beiden Seiten das unbestimmte Gefühl zurück bleiben, auch eine Chance verpasst zu haben. Sollten den Dortmundern am Ende zwei Punkte zum Titel fehlen, werden sie sich zu Recht fragen, ob sie vor allem in der zweiten Hälfte nicht mutiger die Entscheidung auf eigenem Feld hätten suchen sollten, statt tief in der eigenen Hälfte das Heil in einer massierten Deckung zu suchen. Sie spielten auf Ankommen, wirklich herausgefordert haben sie die Münchner nicht mehr.

Die Bayern ihrerseits scheint der kühle Minimalismus vergangener Tage etwas abhanden gekommen zu sein. Douglas Costa strebte in der ersten Hälfte allein auf Dortmunds Bürki zu. Ohne Erfolg. Der Chilene Arturo Vidal traf die Latte. Man greift nicht zu hoch, wenn man beide Szenen als ersten vergebenen Matchball im Kampf um den Titel einstuft. Am Ende mochten dann auch die Münchner nicht mehr in einen Konter laufen. Kalkül trat auch bei ihnen an die Stelle heißblütiger Offensive.

Bayern-Spieler Joshua Kimmich glänzte

Gibt es so etwas wie Sieger, so sind sie auf Münchner Seite am ehesten dort zu suchen, wo jene ihren Dienst tun, die eigentlich gar nicht auf dem Feld stehen sollten – in der Viererkette. Den jungen Joshua Kimmich bot Guardiola dort wie zuletzt immer auf. Tatsächlich war Kimmich auch unter Druck als gelernter Mittelfeldspieler mit einem akkuraten Passspiel gesegnet, das auch unter Stress keine Ausfallerscheinungen zeigt.

"Er hat absolut alles", erklärte Guardiola deshalb und klang schon fast wie der Trainer von Manchester City, der er bald sein wird, als er schloss: "Großes Kompliment an Bayern für diese Verpflichtung."

In Dortmund verleihen Männer wie der lange verletzte Durm oder auch der Stürmer Ramos dem Kader eine Tiefe, die er in dieser Form wohl noch nie besaß. Es sind solche Weisheiten, an denen man sich nach einem kühlen Abend erwärmen musste, mochte man nicht erkenntnisbefreit die Heimreise antreten.

Treffen BVB und FC Bayern im Pokalfinale aufeinander?

Denn die nackten Fakten sind noch immer die gleichen: Die Bayern bleiben fünf Punkte vor Dortmund, zu wenig, um sich zurück zu lehnen, zu viel, um von einem wirklich spannungsgeladenen Duell zu sprechen. Also: Entscheidung vertagt. In naher Zukunft werden sich die beiden Widersacher wieder aus der Ferne bekriegen. Viel deutet darauf hin, dass sie sich am Ende der Saison im Pokalfinale von Berlin dann noch einmal wiedersehen.

Einen Sieger wird es dann geben. Es fehlt schließlich noch das ganz große Theater: Leiden auf höchstem Niveau.

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