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Bayern wollen kein Titel-"Gesülze"

Nie zuvor war ein Team so früh Herbstmeister. Doch nach dem Trauma der vergangenen Saison reagieren die Bayern empfindlich auf vorzeitige Titel-Glückwünsche - sie trauen dem Erfolg noch nicht.

Von Tim Schulze

  Harte Arbeit im Regen: Mit geballter Faust freut sich Thomas Müller mit dem Torschützen Anatoly Timoshchuk und Rafinha über das 2:0 gegen Freiburg.

Harte Arbeit im Regen: Mit geballter Faust freut sich Thomas Müller mit dem Torschützen Anatoly Timoshchuk und Rafinha über das 2:0 gegen Freiburg.

  • Tim Schulze

Thomas Müller wird nach den Spielen des FC Bayern oft zu den Interviews geschickt, weil er meist eloquent und bissig die passenden Worte findet. Diesmal wirkte der Nationalspieler richtig grimmig, wie er so da stand im Regen nach dem Sieg gegen den SC Freiburg, der den Bayern einen neuen Rekord einbrachte: Nie zuvor war eine Mannschaft schon nach dem 14. Spieltag Herbstmeister, noch nie waren die Bayern erfolgreicher zu diesem Zeitpunkt einer Saison.

Trotzdem war Müller nicht zufrieden. Über 70 Minuten hatten die Bayern nach der roten Karte für Freiburgs Innenverteidiger Fallou Diagne gegen zehn Freiburger gespielt. Fußballerischer Glanz stellte sich aber nicht ein. Müller hatte sein Team früh durch einen Strafstoß in Führung gebracht, erst in der 79. Minute gelang Anatoly Tymoshchuk das 2:0. Die Gastgeber wehrten sich mit Haut und Haaren und viel Einsatz gegen einen Gegner, der an diesem Abend ein Pflichtprogram absolvierte. "Über das Wie kann man diskutieren", merkte Müller an.

Das Trauma der vergangenen Saison sitzt tief

Die mäßige Leistung gegen Freiburg ändert aber nichts an der Bilanz der Bayern, die für die Konkurrenz furchteinflößend ist. Mit 37 Punkten führen die Münchner die Tabelle an, ganze fünf Tore haben sie kassiert, 40 geschossen. Zum Vergleich: Der neue Tabellenzweite, Bayer Leverkusen, hat 27 Punkte auf dem Konto, 27 Tore geschossen, und 19 kassiert – mehr Dominanz geht kaum.

Gleich im Anschluss an das Spiel schickte die Deutsche Presseagentur eine Meldung heraus, nach der die Bayern jetzt zu 82 Prozent Deutscher Meister sind: "Denn in 14 der vorangegangenen 17 Fälle (82,35 Prozent) holten die Bayern als Hinrunden-Spitzenreiter auch den Meistertitel; es wäre dann das Championat Nummer 23." Auf solche Zahlenspielereien reagieren die Münchner allerdings gereizt. "Wir haben auch im letzten Jahr im Trainingslager in Katar eine Woche das Gesülze gehört. Zu einer Saison gehört auch eine Hinrunde", sagte Müller zu diesem Thema.

Zu tief sitzt bei den Münchnern offensichtlich das Trauma der vergangenen Spielzeit, als die Bayern nach einer ähnlichen Phase der Dominanz einbrachen. Borussia Dortmund zog durch eine furiose Rückrunde am Rivalen vorbei und triumphierte. Eine Reaktion auf dieses Trauma ist, dass nicht nur Müller, sondern auch die Bosse abwechselnd mahnende Worte finden. Zu Beginn der Saison haute Mathias Sammer verbal auf den Putz, zuletzt fand Karl-Heinz Rummenigge nach dem mühevollen 1:1 in der Champions League gegen Valencia kritische Worte. Bloß nicht abheben, lautet das Motto. Vor knapp einem Jahr in Katar waren die Jubelarien in der Heimat den Bayern offensichtlich zu Kopf gestiegen. Darauf wollen sie nicht wieder hereinfallen.

Die Konkurrenz ist zu schwach

Es bleibt zu diesem Zeitpunkt nur eine interessante Frage: Wer soll die unglaubliche Dominanz der Bayern stoppen? Die Antwort lautet: Nur sie selbst. Doch bislang haben schwächere Auftritte wie in der Champipons League gegen Bate Borisov oder unglückliche wie bei der Niederlage gegen Bayer Leverkusen keine Rückschläge bedeutet. Im Club ist es, wenn man vom üblichen Mosern des Ehrenpräsidenten Franz Beckenbauers absieht, bemerkenswert ruhig. Das Zusammenspiel zwischen Trainer Jupp Heynckes und Sportdirektor Matthias Sammer funktioniert (nach außen) reibungslos. Heynckes lässt konsequent und erfolgreich rotieren. Nur ein Franck Ribéry, der die vielleicht beste Saison seiner Karriere spielt, fehlte den Bayern merklich, wenn er mal ausgefallen ist. Aber sonst?

Die Konkurrenz ist bisher zu schwach, um ernsthaft Druck zu machen. Bayer Leverkusen steht das erste Mal seit 13 Jahren zu diesem Zeitpunkt der Spielzeit wieder auf dem zweiten Tabellenplatz. Doch kann Bayer ein ernsthafter Konkurrent sein? Eher nicht! Der Sieg der Leverkusener vor wenigen Wochen in der Allianz Arena war zwei kuriosen Toren zu verdanken. Schalke ist zuletzt eingebrochen, in Gelsenkirchen konzentrieren sie sich zu Recht auf einen Champions-League-Platz. Und der amtierende Meister gibt immer wieder Punkte ab. Gegen Düsseldorf ließ Jürgen Klopp ebenfalls rotieren und prompt verschenkte Dortmund erneut wichtige Punkte.

Am Samstag steht das Spitzenduell zwischen Bayern und Dortmund an. Gewinnen die Bayern, dürften in der Wahrscheinlichkeitsrechnung ein paar Prozente hinzukommen. Wenn nicht, wird es vielleicht doch noch spannend im Titelkampf.

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