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Wiese, das Bauernopfer

Um den schwächelnden Tim Wiese vor noch mehr Kritik zu schützen, hat Hoffenheim einen neuen Torwart verpflichtet. Klingt erstmal ganz nett und menschlich. Ist aber geheuchelt.

EIn Kommentar von Klaus Bellstedt

  Tim Wiese konnte in Hoffenheim nie an seine Leistungen aus Bremer Zeiten anknüpfen

Tim Wiese konnte in Hoffenheim nie an seine Leistungen aus Bremer Zeiten anknüpfen

Es ist eigentlich unfassbar, was gerade bei der TSG Hoffenheim passiert. Und doch passt es nur allzu gut in das Erscheinungsbild des Clubs, der, einst hochgezüchtet von Dietmar Hopps Millionen, dem Abstieg aus der ersten Liga entgegentaumelt. Auf Platz 17 ist der Verein mittlerweile abgestürzt. Tim Wiese, im Sommer noch unter der Führung des ehemaligen Trainers und Managers Markus Babbel geholt worden, wird - so wie es jetzt aussieht - nicht mehr dabei mithelfen, den Absturz zu verhindern. Der ehemalige Nationaltorwart ist endgültig aussortiert worden. Er wird nicht mehr gebraucht. Ausradiert, weggewischt, das war's für Wiese. Selbst vom Training ist er derzeit freigestellt. Offizielle Begründung der Verantwortlichen: Durch die Verpflichtung des brasilianischen Torwarts Heurelho Gomes wolle man Wiese schützen. Lachhaft!

Die Aussagen von Trainer Marco Kurz und Manager Andreas Müller vom Donnerstag sind heuchlerisch.

"Tim ist in der jetzigen Situation chancenlos. Egal, was er macht, er hat keine Möglichkeit, vernünftig bewertet zu werden."

"Mit dem Druck, mit dem er in jedes Spiel geht, um fehlerfrei zu sein, das ist unmenschlich. Das kann er nicht leisten. Deshalb müssen wir nach unserer Verantwortung handeln."

"Er ist keine Maschine. Sorgfalt ist ein tolles Thema. Wir sollten sorgfältiger sein mit den guten Menschen und nicht immer draufknüppeln."

Da kommen einem fast die Tränen.

Zugegeben, Kurz und Müller haben mit der Verpflichtung von Tim Wiese nichts zu tun. Aber, dass sich die beiden jetzt hinstellen und so tun, als sei das alles zu viel für einen gestandenen Fußballprofi, der 296 Bundesligaspiele auf dem Buckel hat und für Werder knapp 60 Mal im Europapokal im Einsatz war, ist ein starkes Stück.

Natürlich: Tim Wiese befindet sich in einem Leistungsloch. Schon länger. Der 31-Jährige zeigt vor allem bei Flanken immer wieder Schwächen. Bei der ersten Rückrunden-Niederlage am vergangenen Samstag in Frankfurt (1:2) patzte Wiese, der sein Kapitänsamt längst aufgeben musste und von Babbel zwischenzeitlich schon mal aus dem Tor genommen wurde, erneut beim zweiten Gegentor. Medien und Fans hatten sich im Kraichgau schnell auf Wiese eingeschossen. Noch heute trauern beide Gruppen der ehemaligen Nummer Eins, Tom Starke, nach. Wiese hatte im Umfeld des Clubs nie eine echte Chance. Dass er in Hoffenheim mit einer ziemlich leblosen und charakterlich oft zweifelhaften Truppe zusammen Fußballspielen sollte und dabei von einer desolaten Abwehr oft gnadenlos im Stich gelassen wurde? Nee nee, kein Thema. Wiese war und ist der Schuldige. Das sportliche Bauernopfer. Nicht mehr nur fürs Umfeld, sondern jetzt auch vom Verein.

Den Rücken stärken, sich an die Fähigkeiten des Spielers erinnern und sich klar gegen alle Einflüsse von außen abzugrenzen: Das wäre der richtige Weg gewesen, um mit Tim Wiese, einem nach wie vor exzellenten aber eben auch sensiblen Torwart, umzugehen. Stattdessen wurde Artenschutz ausgerufen. Auch ein anderer, ehrlicherer Weg wäre denkbar gewesen: Sie hätten Wiese in Hoffenheim sagen können, dass er sich in der Winterpause einen neuen Verein suchen soll, weil er für die TSG zu schlecht ist. Das wäre zwar hart gewesen, aber offen. Zumal man doch schon jetzt ahnt: Der Cut ist unumgänglich. So aber geht die Demütigung für Tim Wiese weiter. Man kann nur hoffen, dass seine Karriere durch die Duckmäuser in Hoffenheim nicht völlig zerstört wird.

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