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"Wenn Robbie das nur gewusst hätte"

Der Buchautor Ronald Reng hat Robert Enke über Jahre begleitet. Ein Gespräch über das Leben und den Tod seines depressiven Freundes.

Herr Reng, nach dem Selbstmord von Robert Enke haben Sie neun Monate recherchiert, unter anderem durften Sie Enkes Tagebücher als Quelle für Ihr Buch (Ronald Reng: Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben. Piper, 426 Seiten, 19,95 Euro) nutzen. Haben Sie am Ende das Rätsel gelöst, wie Robert Enke so großartige Leistungen als Torhüter zeigen konnte, obwohl er depressiv war?
Er war die meiste Zeit gesund, das ist die einfache Antwort. Nur zweimal in seinem Leben litt er an klinischen Depressionen, das erste Mal 2003 und dann wieder ab Juli, August 2009. Ansonsten war er der Mensch, den wir wahrgenommen haben: warmherzig, sensibel, auch im Sinne von verletzlich. Das Bild von ihm hat sich bei den Recherchen nicht verändert, wenngleich ich ihn in einer ganz neuen Tiefe kennenlernte. Ich wusste zum Beispiel nie, dass Robert Gedichte geschrieben hat. Auch wie eindrücklich er in den Tagebüchern seine Depressionen beschrieb, war ergreifend. Wie viele Depressive hat auch Robert sich in seinen schwarzen Stunden vorgeworfen, er könne ja nichts, in seinem Fall: Ich kann nichts als Fußball. Das hätte ich ihm gerne noch gesagt: Robert, du hattest ein Talent zu schreiben.

War Robert Enke, wenn er nicht krank war, ein glücklicher Mann?
Gerade dass er 2003 seine erste Depression überstand, gab ihm ein festeres inneres Gleichgewicht, so etwas wie eine grundsätzliche Zufriedenheit mit sich und dem Leben. Aber wie die meisten Profis befand er sich auch im ständigen Abwehrkampf, sich diesen Seelenfrieden nicht von dem permanenten Druck des Berufs nehmen zu lassen. Bei den Gesprächen für die Biografie wurde seiner Frau Teresa und mir erst so richtig bewusst, dass Robert im Urlaub immer aufblühte. Da sprach er plötzlich die fremde Frau im Flugzeug neben sich an. Da wirkte er wie erleichtert, dass der Druck endlich mal weg war.

Belastete ihn auch die Angst vor dem nächsten Fehlgriff, die so viele Torhüter umtreibt?
Er war gerade in seinen jungen Jahren ein Mann, der sich mit Selbstvorwürfen martern konnte. Sein erster Fehler als Profitorwart mit 18 zog ihn so runter, dass er eine Woche nicht in die Schule ging. Aus heutiger Sicht lässt sich da schon eine Anfälligkeit für Depressionen erkennen. Aber nach seiner Erkrankung 2003 hatte er definitiv eine neue Gelassenheit gewonnen. Er fand das Glück in kleinen Dingen. Ich erinnere mich an einen Abend auf Teneriffa, als wir bis nachts um eins in seinem Wohnzimmer Fußball spielten, um Torwarthandschuhe zu testen.

War das für Sie persönlich nicht heikel: Ein Freund bringt sich um, und Sie verbringen Monate damit, in sein Leben einzutauchen?
Meiner Gesundheit hat es sicher nicht gut getan. Am schlimmsten waren eigentlich die schönsten Momente: In Lissabon, Roberts geliebter Stadt, wo er drei tolle Jahre verbrachte, traf ich José Moreira, der damals bei Benfica so etwas wie Roberts kleiner Torwartbruder war. Moreira erzählte von der unbeschwerten Zeit damals, wir haben viel gelacht, und danach schrie mich die Schönheit der Stadt an: Warum kann Robert nicht mehr hier sein? Ich musste mich hinsetzen, ich weiß nicht, wie lange ich da saß und weinte. Irgendwann standen jedenfalls zwei Polizisten vor mir und riefen einen Krankenwagen. Ich bin dann einfach weggerannt. Ich schaffte es nicht zu erklären, was mit mir los war.

Die Biografie sei Enkes Wunsch gewesen, schreiben Sie.
Wir hatten seit 2003 darüber gesprochen. Robert bedeutete die Idee viel, einmal alles aufzuschreiben; einmal alles erzählen zu können. Denn er hatte ja einen unglaublichen Weg hinter sich, vom großen FC Barcelona verpflichtet, arbeitslos, das Comeback, mit 29 doch noch Nationalspieler. Der Tod seiner Tochter, die Depression. Mir hat der Gedanke in der Tat geholfen: Dies ist das Buch, das Robert wollte. Also kriegt er dieses Buch.

Es ist in einem ganz ruhigen Ton verfasst - viele Leser werden es als sehr bewegend empfinden. Aber fiel Ihnen dieser Ton nicht schwer?
Bewegende Ereignisse entfalten ihre Wirkung stärker, je zurückhaltender der Ton ist. Schwierig war - und ich hoffe, es ist mir gelungen -, die Konflikte in Roberts Karriere darzustellen, ohne dass daraus eine Anklage gegen die Trainer oder Mitspieler erwachsen würde, mit denen Robert gelegentlich Probleme hatte. Niemand von denen trägt eine Schuld an Roberts Tod. Wenn sich jemand wegen Depressionen umbringt, hat kein anderer Schuld.

Sie trafen auch Víctor Valdés, Torwart des FC Barcelona, Champions-League-Sieger und Enkes große Reizfigur. An dem Muskelprotz war er 2003 bei Barça gescheitert. Und diesem Valdés, so schildern Sie es, stiegen im Gespräch Tränen in die Augen. Weil er sich schuldig fühlte?
Nein, weil ihn Roberts Tod mitnahm. Die Zeit in Barcelona war Roberts großes Trauma. Letzten Endes mündete diese Zeit auch in die erste Depression. Víctor Valdés personifizierte für Robert sein Trauma: Der Junge hat sich den Platz in Barças Tor geschnappt, von dem ich träumte. Und ich erlebte nun, acht Jahre später, dass dieser Valdés völlig anders ist, als ihn Robert wahrnahm: eben kein cooler Torwartkrieger, sondern ein netter Mann, der offen über seine eigenen Selbstzweifel redete, der zugab, dass er Robert für einen besseren Torwart als sich selbst hielt. Da dachte ich: wenn das Robbie nur gewusst hätte. Warum haben die beiden nie richtig miteinander geredet? Sie waren sich ähnlicher, als sie dachten, und sahen sich nur als Rivalen. Selbst als er längst in Hannover und zufrieden war, konnte Robert diese Rivalität noch immer nicht abschütteln, er konnte nicht zugeben: "Der ¬Víctor ist ein Riesentorwart geworden." Ich habe sogar öfter Scherze mit ihm getrieben, ich wohne ja in Barcelona, und tat am Telefon so, als wäre ich der Sportdirektor des FC Barcelona. Ob er nicht zurückkommen wolle, wir würden einen Ersatz für Víctor Valdés suchen...

Sie haben ihn gequält!
Und schäme mich heute dafür. Damals war mir nicht klar, wie sehr er unter dem Valdés-Trauma litt. Ich dachte, ich mache einen klassischen Fußballerscherz. Barcelona war sein erstes großes Scheitern, damit zurechtzukommen fiel ihm schwer.

Wer Ihr Buch liest, begreift, dass es in diesem rauen Betrieb Profifußball doch Inseln der Menschlichkeit gibt. Dass aber das System des gegenseitigen Misstrauens diese Inseln immer wieder zerstört. Hat Enke das auch so empfunden?
Robert war ein Fußballprofi, der sich nach einem guten Zusammenleben in der Mannschaft sehnte. Aber als er in der Nationalelf mit René Adler um die Nummer eins kämpfte, fiel selbst er am Anfang in das Denkmuster zurück: "Das ist doch alles Konkurrenz hier. Man redet am besten nicht viel miteinander. Reserviert zu sein ist professionell." Und dann passierte etwas Wunderschönes: René Adler ließ Robert spüren, dass sie den Kampf um Deutschlands Nummer eins auch mit freundschaftlichem Respekt austragen könnten. Während das Land vom feurigen Duell Adler/Enke redete, formten die beiden unbemerkt eine Fußballfreundschaft. Beide hatten ganz bewusst entschieden: Sie wollten nicht diesen pseudostarken Typ markieren, nur weil das die Öffentlichkeit von einem Torwart erwartet. Adler hat unlängst gesagt: Manuel Neuer ist derzeit vor mir Deutschlands Nummer eins, und das ist okay so. Das wird ihm von vielen fälschlicherweise als Schwäche ausgelegt. Ich halte das für stärker als die Art vieler anderer Profis, die sich kaputtmachen, weil sie glauben, sie müssten stets den Souveränen spielen.

Souverän wirkte auch Robert Enke, als er 2006 zwei Tage nach dem Tod seiner kleinen Tochter wieder für Hannover im Tor stand. Warum machte er das?
Es war sein Versuch weiterzuleben. Nicht innehalten. Und geholfen hat ihm kurzfristig sicherlich, dass er als Torwart seit 20 Jahren genau das trainiert hatte: Gefühle wie Angst, Verunsicherung oder eben Verzweiflung zur Seite zu schieben. Letztendlich war der Fußball in dem Moment seine Hilfe: eine Ablenkung.

Seine Frau Teresa hatte diese Hilfe nicht. Wie haben die beiden versucht, mit dem Tod umzugehen?
Psychologen sagen: Verarbeiten kann man den Tod eines eigenen Kindes nie. Teresa und Robert haben sich der Aufgabe gestellt. Sie sagten sich: Wir wollen das nicht verdrängen. Sie hängten Fotos auf. Aber sie standen beispielsweise auch vor so vielen einfachen und gleichzeitig gnadenlosen Fragen wie: Was machen wir mit Laras Kinderstuhl? Räumt man ihn weg - aber lässt man sie auf diese Weise nicht noch einmal sterben? Rührt man also den Kinderstuhl nicht an? Dann erinnert er einen jeden Tag wieder an ihre Abwesenheit. Da wird von Eltern verlangt, einen Weg zu finden, wo es eigentlich keinen gibt.

Teresa ist die leise Heldin Ihres Buches, Roberts Ehefrau, deren Pressekonferenz nach Enkes Tod die Deutschen aufwühlte. Doch wenn man liest, wie sie in den Wochen davor um ihren Mann kämpfte: Du stehst jetzt auf, lass Licht ins Haus!, wie sie auf der Tribüne sitzt und vor Glück weint, weil er nach seinem Comeback gut gehalten hat, und dann kommt er abends nach Haus und ist wie abgelöscht - da erst begreift man, was sie leistete.
Der Kampf gegen die Depression ist für den Partner des Erkrankten unfassbar schwierig. Du lebst mit einem Menschen zusammen, den du liebst, der sich aber in ein Bündel verwandelt hat, der nichts mehr entscheiden kann, nicht mal, ob er Marmelade oder Käse zum Frühstück will, dem jeglicher Antrieb fehlt, dem du nichts mehr recht machen kannst, weil er alles nur noch schwarzsieht. Und das geht über Monate so, jeden Tag. Wie Teresa um Robert kämpfte - das ist unglaublich.

Teresa Enke wirkte auf viele Zuschauer sehr gefasst, sehr tough.
In Wahrheit hat sie vor allem ein Gedanke angetrieben, die Pressekonferenz zu halten: Sie wollte selbst über Robert reden und den Leuten in ihren Worten, mit ihrer Liebe für ihn erklären, was passiert war. Es war eine Art von Abschiednehmen. Eine letzte Liebeserklärung.

Seitdem ist sie kaum mehr öffentlich aufgetaucht. Interviews gibt sie nicht - weil es sie alles zu sehr belastete?
Teresa hat für sich bemerkt, dass es ihr besser geht, wenn sie ihre Ruhe hat. In der Biografie erzählt sie alles, was sie zu Robert zu sagen hat. Ein Grund für diese Offenheit war auch, dass sie danach öffentlich nichts mehr sagen muss, weil sie alles gesagt hat.

Aber sie ist eine öffentliche Person, wird, am Grab stehend, von Paparazzi abgelichtet, Bilder, die im Boulevard gedruckt werden.
Sie versucht damit zurechtzukommen. Sie will aber dem öffentlichen Interesse an ihrer Person keine Nahrung geben. "Robert war eine öffentliche Person", sagt sie, "ich war nur seine Frau." Sie will verhindern, auch aus Selbstschutz, dass sie unter dem Brennglas der Öffentlichkeit die Trauer bewältigen muss.

Und wie geht es ihr?
Wie gesagt, sie möchte ihr heutiges Leben, soweit es geht, privat halten - deshalb bitte ich um Verständnis, dass ich dazu auch nichts weiter sagen werde, als dass sie von Freunden aus ihrem Dorf umgeben ist, die ihr eigenes Leben hintenanstellen, um ihr zu helfen. Die schrecklichsten Ereignisse bringen oft die schönsten Seiten im Menschen hervor. Auch in der Welt des Fußballs hat sich gezeigt, dass es Leute gibt, die nicht einfach in ihren alten Trott zurückfallen. Per Mertesacker, Oliver Bierhoff oder Roberts früherer Mitspieler Hanno Balitsch haben Teresa nicht vergessen. Der Busfahrer und der Teambetreuer von Hannover 96 kamen mit dem Mannschaftsbus vorbei, damit Teresa auf Roberts Platz eine letzte Runde drehen konnte.

Nach Enkes Tod verlor seine alte Mannschaft sieben Mal in Folge...
Als sie endlich gewannen, rief Tommy Westphal, der Teambetreuer, noch aus der Kabine an: Teresa, wir denken auch an dich. Solche Menschen meine ich.

Wie hat sich sein Verein verhalten?
Die Zeit war sehr schwer für die Verantwortlichen, und man muss sehr viel Verständnis haben. Vorsichtig muss die Frage erlaubt sein, ob Hannover, als man die kleine, schwarz umrandete Nummer 1 wieder vom Trikot entfernte, nicht doch Teresa hätte anrufen können und fragen, was ihr das bedeutet.

Hat die deutsche Gesellschaft etwas aus Enkes Selbstmord gelernt?
Die Wahrnehmung von Depressionen sei eine andere geworden, erzählten mir Psychiater und Psychologen: Es falle Patienten nun leichter, zu ihnen zu kommen, sie verstecken sich nicht mehr. Viele Depressive haben durch den Fall Robert Enke erkannt, dass sie sich nicht schämen müssen: Depressionen sind keine Charakterschwäche, sondern eine Krankheit, für die niemand etwas kann.

Und der deutsche Fußball?
Ein Profifußballer hat von Natur aus Schwierigkeiten, mit Schwächen umzugehen - denn im Leistungssport geht es nun einmal darum, den Stärksten zu küren. Aber auch hier sehe ich den Ansatz eines Umdenkens: Vier Spieler aus Roberts Mönchengladbacher Anfangszeit mussten sich mit Psychopharmaka behandeln lassen, das war vor zehn Jahren, und alle glaubten, sie müssten es verschweigen. Nun redet Roberts bester Freund Marco Villa in der Biografie auch offen über seine eigenen psychischen Probleme, mit dem Druck des Spiels zurechtzukommen, er kämpft gegen Angstattacken. Nicht für jeden ist es das Beste, sich zu öffnen. Aber ein Fußballer wie Marco Villa weiß, heute wird er bei vielen auf Verständnis stoßen.

Nach Lektüre bleibt ein merkwürdig schwebendes Bild von Robert Enke zurück - dass er oft als Mittler gefragt war, aber selbst diesen Kampf mit sich führte, den keiner sah. War er als Sportler zu gut für das, was er seelisch aushalten konnte?
Die Frage stelle ich mir immer noch: Hätte er als Journalist oder Bäcker nicht an Depressionen gelitten? Niemand hat darauf eine Antwort. Ich weiß nur, dass Robert Enke in all den Jahren, als er frei von den Symptomen der Krankheit war, bewiesen hat, dass auch ein einfühlsamer, selbstkritischer Mensch ein großer Torwart sein kann. Selbst wenn er immer wieder um die innere Balance kämpfen muss. Und ich hoffe, ein Torwart wie René Adler wird dies weiter beweisen: Verständnisvoll zu sein ist keine Schwäche.

Rüdiger Barth/print

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