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Kommentar

Die Diskussion um Mario Götze ist einfach lächerlich

Seit Tagen wird über die vermeintliche Sackgasse geredet, in der Mario Götze sich befinden soll. Die Debatte ist nicht nur an den Haaren herbeigezogen - sie zeigt auch deutlich, wie langweilig die Bundesliga geworden ist.

Ein Kommentar von Tim Sohr

Mario Götze

Kann es selbst nicht mehr hören: Mario Götze ist mal wieder Thema am medialen Stammtisch

Diesmal hat es im Fußball-Talk "Sky90" seinen Anfang genommen. Dort packten als "Experten" getarnte Ex-Fußballer wie Christioph Metzelder und Stefan Effenberg das Thema Götze mal wieder auf die Agenda. "Es ist eine unglaublich schwierige Situation für ", hob Effenberg an. "So ein Spieler braucht das absolute Vertrauen vom Trainer. Das fehlt, das sieht man." Metzelder ergänzte: "In dem System gibt es aktuell keine Position, die perfekt auf das passt, was er spielen kann."

Typen wie Metzelder und Effenberg können sehr überzeugend vorgeben, den Durchblick zu haben. Also griffen viele Medien die Pseudo-Diskussion wieder auf und schrieben flugs zum x-ten Mal in die Karriere-Sackgasse. So werde angeblich gemunkelt, dass BVB-Trainer Thomas Tuchel ihn im Sommer gar nicht wirklich wollte. Deshalb habe er den 24-Jährigen auch schon in fünf Spielen komplett auf der Bank schmoren lassen. Dass Götze verletzt aus München zum BVB zurückkehrte und deshalb in der Hinrunde immer wieder zurückgeworfen wurde, spielt in den ausgelutschten "Analysen" keine Rolle.

Mario Götze: Die Argumente wiederholen sich

Seit Götzes umstrittenem Wechsel zu den Bayern im Jahr 2013 wird immer wieder der gleiche Quatsch über ihn erzählt. Dabei wiederholen sich auch die Argumente: Er sei unglücklich, unfit und es mangele ihm an Durchsetzungsvermögen; und schon sein damaliger Bayern-Trainer Pep Guardiola hätte angeblich lieber als Götze geholt.

Abgesehen davon, dass der Transfer nach München und die Kommunikation drumherum seinerzeit nicht der intelligenteste Karriere-Move war, sind Götzes Probleme aber ganz andere als die besagten. Vielmehr hat ihm seine Verletzungsanfälligkeit in den ungünstigsten Momenten immer wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht. Selbst das beste Talent ist eben nur so gut wie es sein Körper zulässt. Und Götze wurde in den vergangenen Jahren eben von Knieproblemen, Rippenbrüchen, Muskelfaserissen oder Muskelbündelrissen zurückgeworfen.

Außerdem trifft ihn der Fluch des WM-Siegtorschützen mit voller Wucht. BVB-Boss Hans-Joachim Watzke deutete vor einigen Tagen im Kicker-TV-Talk an, dass man in Deutschland schon Götzes Vorgängern (Helmut Rahn, Gerd Müller, Andreas Brehme - Anm. d. Red.) das Leben als Legende eher schwer gemacht habe. Insofern mutet es ganz erstaunlich an, wie Götze, der immer noch erst 24 Jahre alt ist, die Diskussion um seine Person immer wieder wegsteckt - vor allem, weil sie nur noch lächerlich ist.

Ganz selten formuliert er dann doch mal so etwas wie einen Hilferuf, zuletzt vor ein paar Wochen im Interview mit dem "Kicker", als er fragte: "Kann man mich nicht einfach so nehmen, wie ich bin?" Nicht immer, wenn er spiele oder reinkomme, könne er das entscheidende Tor machen wie im WM-Finale. Im Umkehrschluss könnten Fans oder Experten also umso dankbarer sein, dass er es ausgerechnet im Endspiel von Rio konnte. Solche Momente machen die wirklich großen Spieler schließlich aus.

Aber die Dampfplauderer sind nicht dankbar. Stattdessen reden sie sich weiter den Mund fusselig über "das größte deutsche Fußball-Talent der letzten Jahre". Selbst ehemalige Spieler, die es besser wissen müssten, können es nicht lassen. "Das Ganze ist nach wie vor eine tragische Geschichte", haute Sport1-Talker Thomas Helmer gerade erst so richtig laut auf die verbale Pauke. "Man hatte ja gehofft, dass es nach seinem Wechsel vom FC Bayern für ihn bergauf geht. Aber stattdessen geht es schleichend immer weiter bergab."

Warum lassen sie ihn nicht seinen Weg finden?

Dabei macht die Diskussion um Götze vor allem auch deutlich, dass es zurzeit um die grundsätzliche Attraktivität der Bundesliga nicht gut bestellt ist. Die Saison ist bisher arm an Höhepunkten, das Rennen um die wichtigen Plätze verläuft behäbig - und vor allem gibt es kaum kontroverse Themen oder schlagzeilenträchtiges Spektakel. Also muss mal wieder Götze herhalten, weil alle glauben, eine Meinung zum WM-Helden haben zu müssen. Mit aller Rücksichtslosigkeit werden sie ihn weiter in die schwafeln. Es ist nur noch ermüdend. Warum lassen sie ihn nicht einfach in Ruhe seinen Weg finden?

BVB-Boss Hans-Joachim Watzke stellt sich seit Tagen öffentlich vor seinen Spieler. "Ich bin ganz sicher, dass noch einige Leute Abbitte bei Götze leisten müssen", legte er in der "Fußball Bild" gerade noch einmal nach. Es wäre Götze zu wünschen, dass dies eher früher als später passiert. Schließlich ist die Diskussion um ihn in ihrer Einfältigkeit schon für den neutralen Beobachter kaum noch auszuhalten.


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