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Ultras? Nein danke!

Glaubt man den Parolen der Ultras, dann steht es sehr schlecht um den deutschen Fußball und seine Fankultur. Doch die breite Masse ist zunehmend genervt. Der Fanszene droht die Spaltung.

Von Joel Stubert

  "Fankultur gestorben", steht auf einem Plakat der Werder-Ultras. Dieser Meinung sind nicht alle Fans.

"Fankultur gestorben", steht auf einem Plakat der Werder-Ultras. Dieser Meinung sind nicht alle Fans.

  • Joel Stubert

Die Vereinshymne des FC Schalke 04 ist ein fröhliches Schunkelliedchen. An einer Stelle heißt es: "1000 Freunde, die zusammensteh'n, dann wird der FC Schalke niemals untergeh'n". Vor dem sportlichen Untergang stehen die "Knappen" zwar noch nicht ganz, von großer königsblauer Freundschaft in der Kurve war im Pokalspiel am Dienstagabend gegen Mainz aber auch nicht viel zu spüren. Noch schlimmer war die Situation wenige Tage zuvor. Die "Ultras Gelsenkirchen" hatten im letzten Bundesligaspiel des Jahres gegen den SC Freiburg mal wieder Proteste angekündigt. Sie schwiegen wie schon in den vergangenen Wochen die ersten zwölf Minuten und zwölf Sekunden, um gegen das kürzlich verabschiedete und aus ihrer Sicht höchst umstrittene DFL-Sicherheitspapier zu protestieren.

Unterbrochen wurde ihr Schweigen nur durch lautstarke "Peters raus!"-Rufe gegen das Vorstandsmitglied des Vereins, das am Entwurf des Sicherheitskonzepts beteiligt war. Darauf reagierte die breite Masse im Stadion jedoch anders als bisher. Statt ruhiger Hinnahme, ergriffen die restlichen Fans Partei. Für Peters, aber vor allem: gegen die Ultras ihres eigenen Klubs. "Ultras raus!", hallte es durch die Veltins-Arena.

Wenige Kilometer weiter in Düsseldorf hatte es kurz zuvor ein ähnliches Szenario gegeben. Dort sangen die Fans demonstrativ vom Anpfiff weg - die Ultras blieben dagegen stumm. Als die zwölf Minuten und zwölf Sekunden des Schweigens beendet waren, skandierten die Fortuna-Ultras: "Wir sind die Fans, die ihr nicht wollt" und verließen wie geplant ihren Block. Statt auch hier mit ruhigem Schweigen zu reagieren, pfiffen die restlichen Fans die Ultras ihres Klubs aus.

Die Quittung für die Ultras

Zwei Beispiele, die belegen: Es geht ein Riss durch die Fanszene der Bundesliga. Denn auch in Mainz oder Bremen kam es zum offenen Konflikt zwischen dem fanatischsten Teil des Publikums und der Fan-Mehrheit. Viele Stadiongänger sind mittlerweile genervt vom Auftreten der Ultra-Szene, die für sich in Anspruch nimmt, Hüter der Fankultur zu sein. Das sieht die Mehrheit der Fans anders.

Stellvertretend äußerte sich Userin "Dolores" im Forum der Kreiszeitung Syke in einer Diskussion unter Werder-Fans zu den letzten Ereignissen in den Fankurven. Wie sie gewinnen immer mehr Zuschauer den Eindruck, dass es den Ultras "um ihre ganz eigenen Interessen geht und sie weder soziale Kultur kennen noch Fans sind, denen es um unseren SV Werder geht. Die Quittung haben sie gegen Nürnberg völlig zu recht von der breiten Masse bekommen - endlich!" Die Bremer Zuschauer hatten bereits nach wenigen Minuten ihr Schweigen gebrochen und dafür Pfiffe der eigenen Ultras erhalten.

Die Fanszene ist gespalten

Die Nicht-Ultras weisen in Diskussionen gern darauf hin, dass es auch schon vor Aufkommen der Ultra-Bewegung Ende der neunziger Jahre Fangesänge und Unterstützung in den Kurven gab. Nur eben ohne bengalische Feuer und ohne gesangliche Dauerbeschallung unabhängig vom Spielstand. Und sie betonen die Atmosphäre in englischen Stadien, die zwar nicht mehr ganz so gut ist wie ihr Ruf, aber dennoch auch ohne Pyrotechnik und nervige Songmarathons den Stadionbesuch zum Erlebnis macht.

Betrachtet man die starre Meinung der Ultra-Szene, dann deutet derzeit vieles auf eine Spaltung der Fankurven hin. Ein Albtraum für Vereine und die Fanszene selbst. "Die Spaltung ist fatal als Signal für außen, weil sich während der '12:12'-Aktion gezeigt hat, wie die Fans zusammenstehen können", sagte Alex Schulz, Sprecher der übergreifenden Vereinigung von "ProFans" und Teil der Mainzer Fanszene. Es werde ganz schwierig, diese Trennung wieder rückgängig zu machen, "weil viel kaputtgegangen ist. Es sind Gräben aufgerissen worden. Das wird Monate dauern, das alles zu heilen." Für Schulz sei das letzte Bundesligaspiel des Jahres der "schlimmste Tag seiner Laufbahn" gewesen. "Die Fans haben sich untereinander gestritten."

Offener Brief von Borussia Dortmund

Anfangs teilte die gesamte Fanszene noch die Schweigeproteste der Ultras. Vielerorts blieben die Arenen die ersten zwölf Minuten und zwölf Sekunden eines Spieles ruhig. Doch nach der Fortsetzung des Protests auch nach dem Beschluss des Sicherheitskonzepts wurde am vergangenen Wochenende aus stiller Teilnahme eine offene Ablehnung. Die große mediale Präsenz der Inhalte des Konzepts könnte bei der zunächst schweigenden Masse durchaus die Sinnhaftigkeit des massiven Protests in Frage gestellt haben.

Eine verfahrene Situation, die den Vereinen Angst macht. Sie fürchten die Spaltung ihrer eigenen Fanblöcke und damit auch eine Entfernung vom eigenen Klub. Borussia Dortmund reagierte kurz vor dem POkal-Achtelfinale gegen Hannover mit einem offenen Brief an seine Fans. "Wir bitten Euch alle, keine Gräben innerhalb der Fan­Gemeinschaft und zwischen uns und Euch entstehen zu lassen." Unterzeichnet ist das Schreiben von Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, Sportdirektor Michael Zorc, Trainer Jürgen Klopp auch von Mannschaftskapitän Sebastian Kehl. Die Einigkeit der BVB-Familie soll das symbolisieren. Dem Team sei es nicht leichtgefallen, unter diesen Bedingungen Fußball zu spielen, meinten die BVB-Verantwortlichen weiter und erbaten die Unterstützung der Zuschauer. "Euch, die BVB­Fans, möchten wir deshalb bitten, uns morgen Abend wieder zu unterstützen." Die Fanbetreuer riefen ferner via Facebook dazu auf, toleranter mit Meinungen umzugehen. Ein Eklat wie beim Reviernachbarn Schalke 04 soll unbedingt vermieden werden.

Nicht alle Klubs gehen so demütig mit ihren Fans um wie Borussia Dortmund. Manch anderer Verein zeigt sich stattdessen vom trotzigen Verhalten der selbsternannten Bewahrer der Fußballkultur zunehmend genervt. Mainz-Präsident Harald Strutz, der als stellvertretender Vorsitzender der DFL an der Ausarbeitung des Sicherheitskonzepts beteiligt war, äußerte sich entschlossen: "Wir dürfen uns von dieser Minderheit nicht in die Enge treiben lassen. Das geht so nicht weiter. Diese Fans sollen zu Hause bleiben!" Das waren offene und mutige Worte. Und Worte, die der breiten Anhängerschaft in den Stadien aus der Seele sprechen.

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