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Noch nicht reif für den großen Traum

Schalke hat die große Chance vertan, bis auf fünf Punkte an die Bayern heranzukommen. Der jungen Mannschaft fehlt die Reife - und Coach Huub Stevens muss sich immer wieder als Zuchtmeister betätigen.

Von Tim Schulze

  Wie konnte das nur passieren? Schalkes Verteidiger Kyriakos Papadopoulos (l.) klatscht hämisch Beifall, als er mit Gelb-Rot vom Platz fliegt.

Wie konnte das nur passieren? Schalkes Verteidiger Kyriakos Papadopoulos (l.) klatscht hämisch Beifall, als er mit Gelb-Rot vom Platz fliegt.

  • Tim Schulze

Huub Stevens war in Rage. Der Schalke-Coach stauchte die ausgewechselten Lewis Holtby und Jefferson Farfan gehörig zusammen und schickte sie in die Kabine. Die beiden Schalker Offensivkräfte hatten zuvor im Spiel gegen Leverkusen eine schwache Leistung gezeigt, dann aber den Fehler gemacht, sich allzu lässig ohne wärmende Klamotten auf der Bank niederzulassen. Das war dem Trainer offensichtlich zu viel - und so entlud sich ein gewaltiges Donnerwetter. Wenige Augenblicke später würdigte der Coach Kyriakos Papadopoulos keines Blickes, als der nach seiner gelb-roten-Karten vom Platz schlich. Es war aber nicht nur der Zorn über Holtby, Farfan und Papadopoulos, der Stevens die Laune vermieste, er haderte mit der Leistung der gesamten Mannschaft: "Man hätte auch neun Leute vom Platz nehmen können", sagte er, als alles vorbei war.

Die Wut von Stevens ist verständlich. Sein Team hätte mit einem Sieg den Abstand auf die Bayern auf fünf Punkte verkürzen können, weil die Münchner zuvor in Nürnberg nur ein 1:1 erreicht hatten. Doch statt die große Chance zu nutzen, ließ sein Team alles vermissen, was es in den vergangenen Wochen ausgezeichnet hatte. Gegen gut organisierte und perfekt umschaltende Leverkusener kam Schalke nur zu einer (!) Torchance über die gesamten 90 Minuten. Der negative Höhepunkt war die gelb-rote Karte für Innenverteidiger Kyriakos Papadopoulos, der in der 82. Minute für sein zweites, rüdes Foul am brillanten André Schürrle vom Platz flog. Da war die Stimmung der Königsblauen endgültig im Keller. "Wir haben das unheimlich schlecht gemacht heute und absolut verdient verloren. Das ist bitter", sagte Schalke-Abwehrspieler Benedikt Höwedes enttäuscht.

Zurück auf dem harten Boden der Realität

Die Gastgeber zeigten, wie man Fußball spielt. Leverkusen stand in der Defensive sicher, provozierte beim Gegner viele Fehler und spielte schnell in die Spitze. Durch ein spektakuläres Tor von André Schürrle aus 25 Metern in den Winkel (45. Minute) und den achten Saisontreffer von Stefan Kießling (67.) hat sich Leverkusen in der Verfolgergruppe um Schalke, Frankfurt und Dortmund festgesetzt.

Die Königsblauen sind weiterhin Zweiter, doch der Abstand auf den Tabellenführer beträgt jetzt wieder acht Punkte. Dabei hat mancher im Verein und unter den Fans hochfliegende Träume. Das Stichwort heißt: auf Augenhöhe sein mit den Bayern und Dortmund. In der Champions League haben die Königsblauen bislang geglänzt. Auswärtssiege gegen Arsenal London und Olympiakos Piräus und zwei Unentschieden im eigenen Stadion gegen Montpellier und – nach einem 0:2-Rückstand – auch im Rückspiel gegen Arsenal gaben dazu Anlass. Schalke führt die Tabelle in der Gruppe B an und kann am kommenden Mittwoch mit einem Sieg zu Hause gegen Piräus vorzeitig das Achtelfinale erreichen.

In der Bundesliga sind es viele starke Leistungen mit dem Höhepunkte des Derbysiegs in Dortmund, die die Schalker Seele beglückten. Auf der anderen Seite stehen Leistungseinbrüche wie jetzt gegen Leverkusen oder unkluges, taktisches Verhalten wie bei der Niederlage in Hoffenheim vor zwei Wochen. Sie holen den Club und sein Umfeld regelmäßig auf den harten Boden der Realität zurück.

Die Leistungen der jungen Spieler sind zu schwankend

Auch der kantige Trainer aus Holland wirkte bisweilen so, als wenn er sich von den eindrucksvollen Leistungen seiner Mannschaft mitreißen ließ. Doch das täuscht. Stevens wird nicht müde, davor zu warnen, die Ansprüche zu hoch zu schrauben. Dafür hat Schalke zu viele junge und unerfahrene Spieler. Da wäre zum Beispiel Lewis Holtby: Stevens weiß, dass ein begabter Spieler wie der 22-Jährige noch nicht so weit ist, um eine Mannschaft als Spielmacher kontinuierlich auf hohem Niveau durch eine ganze Saison zu führen. Draxler (19 Jahre alt), Matip (21), Papadopoulos (20), Torwart Unnerstall (22), Höger (23) und Moritz (22) komplettieren diese Garde junger Spieler. Und Benedikt Höwedes und Roman Neustädter sind mit 24 Jahren Lenzen keine blutigen Anfänger, aber auch keine alten Haudegen so wie die Stars Huntelaar, Farfan oder Jones.

Selbstverständlich bedeuten solche Warnungen vor zu hohen Ansprüchen auch immer einen Selbstschutz – der Coach baut vor, für den Fall, dass sein Team tatsächlich abrauscht. Das ist im Moment jedoch nicht zu befürchten. Aber gerade mit Leverkusen ist den Schalkern ein weiterer Konkurrent um die Champions-League-Plätze erwachsen. Die zu erreichen ist das wichtigste Ziel. Von der Meisterschaft brauchen sie auf Schalke nicht zu träumen. Wahrscheinlich hat Stevens genau das den beiden nachlässigen Spielern Holtby und Farfan mit dröhnender Stimme gesagt, als er sie in die Kabine schickte.

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