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Bluthunde auf Titel-Jagd

Der FC Bayern hat durch den 2:0-Erfolg über Juventus Turin das Tor zum Champions-League-Halbfinale weit aufgestoßen. Das Spiel der Münchner war dreckiger und kämpferischer als sonst. Gut so!

Von Klaus Bellstedt, München

  Der Treffer, der das Tor zum Halbfinale aufgestoßen hat: Die Bayern bejubeln das 2:0 durch Thomas Müller (M.)

Der Treffer, der das Tor zum Halbfinale aufgestoßen hat: Die Bayern bejubeln das 2:0 durch Thomas Müller (M.)

  • Klaus Bellstedt

Mit der Stimmung in der Münchner Allianz-Arena ist das immer so eine Sache: Selbst vor großen Spielen kann man oben auf der Tribüne schon mal leicht wegnicken. So leise ist es dann. Aber dieses Mal waren alle hellwach. Abgesehen von den Juve-Fans erhob sich das verwöhnte Bayern-Publikum bereits vor dem Anpfiff und klatschte munter im Takt. Wohl gemerkt: ohne lästig-dröhnende Musikbegleitung. Ja, die kribbelnd-knisternde Atmosphäre im Stadion weckte wirklich großen Hunger auf eine große Partie. Javier Martinez war auch heiß gelaufen.

Einer der besten Bayern-Spieler der vergangenen Monate konnte wegen einer Sperre in diesem Viertelfinal-Hinspiel zwar nicht mitwirken, aber sein erwartungsvoller Blick und seine ganze Gestik oben auf der Haupttribüne hatten deutlich kämpferische Züge. Seine Mitspieler unten auf dem Rasen konnten ihn zwar nicht sehen. Martinez aber war das egal. Immer wieder ballte er kurz vor dem Anpfiff (und überhaupt während der gesamten 93 Minuten) die Faust in Richtung seiner Kollegen und trieb sie an. Der Baske sprang in seiner dicken Winterjacke auch gerne mal von seinem Platz auf. Gefühlt mindestens 20 Mal. Dabei riss er sich dann die Kapuze mit dem obligatorischen Fellkragen vom Kopf. Martinez war gewissermaßen das Verbindungsglied zwischen der euphorisierten Anhängerschaft und den Profis. Mit Herzblut waren sie alle dabei.

Bittere Diagnose für Kroos

Es passte alles zusammen an diesem bitterkalten April-Abend von München; vom Start weg. Es waren ja nicht einmal 30 Sekunden gespielt, da hatte David Alaba einen leicht abgefälschten Schuss ins rechte untere Eck zur Führung für die Bayern gewissermaßen ins Tor geschaufelt. Schon träumten die ganz Mutigen unter den knapp 69.000 Zuschauern bereits von der nächsten Gala. Unfassbare neun Treffer gelangen dem Bundesliga-Souverän am vergangenen Wochenende gegen den HSV. Aber dass Juventus Turin und der Hamburger SV in etwa so viel gemeinsam haben wie ein fabrikneuer Ferrari mit einem alten vergammelten VW-Käfer konnte man schnell erkennen. Denn die Italiener hatten trotz des frühen Rückstands zunächst die größeren Spielanteile. Auch technisch war das hübsch anzusehen. Aber auch das zeichnete die Bayern an diesem Abend aus: Sie bissen sich zurück.

Über den Kampf zum Spiel - diese abgegriffene Fußballplattitüde traf auf die Mannschaft von Trainer Jupp Heynckes voll zu. Das lag auch an einem Schockmoment. Denn schon nach gut einer Viertelstunde musste Toni Kroos verletzt vom Platz. Danach rückten die anderen noch ein Stücken mehr zusammen. Daniel van Buyten verriet das hinterher. Man sah von oben sofort, dass es sich um etwas Gravierenderes handeln würde. Die Diagnose für Kroos klang dann auch niederschmetternd: doppelter Muskelbündelriss im Adduktorenbereich. Der Mittelfeldstratege fehlt den Münchnern mindestens sechs Wochen. Die Saison ist für Kroos praktisch gelaufen.

Kein Weg war zu weit

Ein Star geht, der nächste kommt. Die Qualität der Bankspieler, das ist so ein weiterer Punkt, warum man beim Verlassen des Stadions kurz vor Mitternacht plötzlich an Wembley denken musste. Jenen Ort, an dem im Mai das Endspiel der Champions League stattfinden wird. Der Gewinn der Königsklasse, es ist ja das ultimative Sehnsuchtsziel der Bayern in dieser Saison.

Arjen Robben kam für Kroos. Und mit dem Niederländer wurde vieles besser. Noch besser. Die Bayern verschoben nun deutlich höher und hingen ihren Gegenspielen wie Bluthunde auf der Jagd nach der Beute am Hals. Pressing nennen das Fußballer. Jenes Pressing war der Schlüssel zu einer insgesamt doch überraschend einseitigen Partie. Denn immer wieder kamen die Münchner nach Balleroberungen in der gegnerischen Hälfte zu Strafraumsituationen. Viele Chancen wurden vergeben, eine durch Thomas Müller in der 63. Minute dann doch noch genutzt. Das Tor war nicht perfekt herausgespielt. Beim 2:0 war auch ein bisschen Zufall dabei. Aber auch hier zählte schließlich der Wille. Sie wollten unbedingt diesen zweiten Treffer. Sie opferten sich auf. Jeder für den anderen. Kein Weg war zu weit. Zu keinem Zeitpunkt dieser kurzweiligen Champions-League-Partie.

Schweinsteigers Gefühlswelt

Sinnbildlich für die Gesamtleistung des roten Kollektivs stand die Leistung von Mario Mandzukic. Eigentlich ja ein gelernter Stürmer, gegen Juventus Turin auf dem Platz aber eher als fliegender Staubsauger unterwegs. Mandzukic war wirklich überall zu finden. Und: Er war sich nicht zu fein, auch noch die zehnte Grätsche anzusetzen. Übrigens genauso wie Bastian Schweinsteiger, Luiz Gustavo, Thomas Müller, ja selbst Franck Ribéry, der es allerdings mit einem idiotischen Foul an Arturo Vidal kurz vor Schluss arg übertrieb. Der FC Bayern verschaffte sich mit dem 2:0 auch deshalb eine perfekte Ausgangslage für das Rückspiel in acht Tagen, weil das Spiel gegen den Ball so beeindruckend war. Und gerade nicht, weil die Münchner - wie so oft in der Bundesliga - alles kurz und klein kombinierten. Das war die vielleicht wichtigste Erkenntnis des Abends.

Jupp Heynckes war hinterher bei seiner Analyse für seine Verhältnisse fast schon euphorisch. Er lobte vor allem: sich selbst. "Wir hatten uns gut vorbereitet, das hat man von der taktischen Ausrichtung klar erkennen können. Ich habe Juventus bis zum Gehtnichtmehr studiert", so der Coach, der dann aber doch noch seine Spieler in den Himmel hob: "Die Mannschaft hat sehr selbstsicher und fußballerisch überragend gespielt. Natürlich muss in solchen Spielen auch die kämpferische Note vorhanden sein", sagte Heynckes weiter. Ähnlich klang es aus dem Mund von Klub-Boss Karl-Heinz Rummenigge: "Es war ein großartiges Spiel. Man kann hochzufrieden sein. Es war wahrscheinlich das beste Champions-League-Spiel von uns in dieser Saison." Nur der Vize-Kapitän mahnte in seiner ihm gewohnt knurrigen, aber stets authentischen Art: "Mein Gefühl sagt mir, wir hätten ein Tor mehr machen müssen. Wir hatten gute Möglichkeiten, bei denen wir vielleicht das dritte Tor hätten machen müssen. Aber man muss sagen, wir haben zu null gespielt, die Abwehr war sehr, sehr gut." Das waren Bastian Schweinsteigers Worte zur Geisterstunde.

Die erlebte Javier Martinez schon nicht mehr im Stadion. Der Spanier verließ seinen Platz ein paar Minuten vor dem Abpfiff. Ein breites Lachen strahlte dabei über sein Gesicht. Im astreinen Deutsch brammelte er so etwas Ähnliches wie: "War doch ein schöner Abend", vor sich hin. Der Traum vom Champions-League-Triumph lebt weiter. Für ihn. Für alle Bayern.

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