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Unwucht in der Königsklasse

In der am Abend beginnenden Champions League hat sich eine Zweiklassengesellschaft etabliert. Klubs mit großen Namen und aus kleinen Ländern, wie Ajax Amsterdam oder die Glasgow Rangers, haben kaum eine Chance - weil sie zu wenig vom großen Kuchen abbekommen.

Von Florian Haupt

  Haben meist nur in der schottischen Liga Grund zu jubeln: Die Glasgow Rangers treten am Dienstag in der Champions League bei Manchester United an

Haben meist nur in der schottischen Liga Grund zu jubeln: Die Glasgow Rangers treten am Dienstag in der Champions League bei Manchester United an

Die Hooligans der Glasgow Rangers verbreiten noch Angst und Schrecken, das schon. Vor dem heutigen Champions-League-Auftakt befindet sich die Greater Manchester Police in höchstem Alarmzustand, kehren die Rangers doch zum Spiel bei United in die Stadt zurück, die ihre Fans vor zwei Jahren anlässlich des Uefa-Cup-Finales gegen Zenit Sankt Petersburg so nachhaltig verwüsteten wie zuvor nur die deutschen Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg. So zumindest hat es jüngst der untersuchende Richter ausgedrückt. Damit sich dergleichen nicht wiederholt, müssen sich Rangers-Anhänger heute ihre Tickets im benachbarten Wigan abholen, von wo aus sie dann geschlossen nach Old Trafford transportiert werden.

In sportlicher Hinsicht dagegen muss auf englischer Seite niemand mit einem unangenehmen Abend rechnen. Zu Besuch kommt eines der schlechtesten Teams der Champions League. Voriges Jahr verloren die Rangers alle drei Heimspiele bei einer Tordifferenz von 2:10. Es sagt viel aus über die Qualität des schottischen Fußballs, dass diese Mannschaft trotzdem wieder die nationale Meisterschaft gewann - und dass Rangers-Abwehrchef David Weir am Saisonende zum besten Spieler der Liga gewählt wurde. Weir ist 40 Jahre alt. Renommierte Namen wie einst Paul Gascoigne, Brian Laudrup oder Jörg Albertz wird man beim schottischen Rekordmeister vergeblich suchen. Ihren besten Stürmer Kris Boyd mussten die hoch verschuldeten Rangers zum englischen Zweitligisten Middlesbrough ziehen lassen.

Europäische Traditionsklubs mit Problemen

Nebenan beim ewigen Rivalen Celtic sieht es nicht besser aus, dort heißen die Hoffnungsträger jetzt zum Beispiel Beram Kayal und kommen aus Tel Aviv. Der Vizemeister musste anders als die Rangers in die Champions-League-Qualifikation, wo er nicht einmal die erste Runde überstand. Abgestiegen in die Europaliga gab es dann ein 0:4 beim FC Utrecht und das Aus noch vor Beginn der Gruppenphase.

Die Glasgower Klubs bezahlen derzeit für einen jahrelangen Drahtseilakt zwischen Ansprüchen und Realität. Gemäß Tradition und Anhang zählen sie zu den großen Klubs Europas, de facto sind sie mit Umsätzen von maximal 70 Mio. Euro nicht besser ausgerüstet als ein Mittelklasse-Bundesligaverein. Natürlich wurden Fehler gemacht, die Jugendarbeit vernachlässigt, falsch eingekauft, aber letztlich ist das Problem ganz einfach zu benennen. In Schottland wohnen nur fünf Millionen Menschen. Das heißt: Die Zielgruppe für Fernsehanstalten und Sponsoren ist klein. Zu klein. Die komplette Liga erhält pro Saison rund 15 Mio. Euro an Fernsehgeld - das ist in etwa so viel, wie der Tabellen-13. der Bundesliga allein bekommt. Und nicht einmal ein Drittel dessen, was man einem englischen Premier-League-Klub ausbezahlt.

In ihrem Absturz sind Celtic und die Rangers, beides ehemalige Europapokalsieger, die eklatantesten Beispiele einer Mehrklassengesellschaft im europäischen Fußball, die auch dieses Jahr in der Champions League wieder zu begutachten sein wird. Vielleicht liefert die neue Saison am Anfang mal eine Überraschung. Aber wenn es dann ernst wird, dürfte weder Benfica Lissabon - zwei Europapokale und mit 218 000 Mitgliedern größter Fußballklub der Welt - mit von der Partie sein noch Ajax Amsterdam: sechs Europapokale und ehrwürdiger Pionier des europäischen Offensivfußballs.

Von anderen früheren Titelträgern wie Steaua Bukarest oder Roter Stern Belgrad gar nicht erst zu reden. Dafür: Barcelona, Real Madrid, die Mailänder Klubs, der FC Bayern, die Engländer. Wie jedes Jahr. Im europäischen Fußball unserer Zeit herrscht das Geburtsprivileg. Es ist alles eine Frage, aus welchem Binnenmarkt man kommt.

Barcelona macht das meiste Geld

In der Football Money League, einer jährlichen Rangliste der umsatzstärksten Fußballvereine, okkupieren Barcelona und die anderen Favoriten die Top Ten. Dahinter folgen weitere Klubs aus den großen fünf Märkten England, Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich. Erst auf Platz 30 ist mit Fenerbahce Istanbul ein Verein aus einem anderen Land notiert. Während in der Europaliga zumindest Oligarchenklubs aus Russland und der Ukraine noch mithalten können, müssen Champions-League-Siege wie der des FC Porto 2004 inzwischen als Jahrhundertsensationen gelten (Trainer José Mourinho ist nicht umsonst "the special one").

Auch Ajax' letzter Triumph von 1995 wäre unter heutigen Umständen nicht mehr möglich - es war das letzte Jahr vor dem Bosman-Urteil. Inzwischen scouten die großen Klubs alles, was nach Talent aussieht, schon in Jugendjahren. Davids, Seedorf, Kluivert: Sie hätten wohl damals schon früh nicht mehr in Holland gespielt. Wenn die Fußballer des MSK Zilina morgen auf den FC Chelsea treffen, spielt auch ein geschätzter Marktwert von rund 4 Mio. Euro gegen einen von 360 Mio. Euro. Der Fußball verliert bei solchen Begegnungen zu oft seinen größten Reiz: Man weiß eben doch vorher, wie es ausgeht (und falls es mal anders kommt, gibt es ja noch fünf weitere Gruppenspiele).

An der Monotonie hat auch die halbherzige Reform der Uefa vor der vergangenen Saison nichts geändert. Zwar bietet sie den Zilinas dieses Kontinents einen etwas einfacheren Zugang zur Eliteliga. Doch das nützt denen relativ wenig, solange sie dort nicht konkurrenzfähig sind - und es auch nie werden können. Allein schon, weil sich auch in der Champions League die Verteilung der Prämien nach der Größe des heimischen Fernsehmarkts richtet. Ein deutscher Klub darf aus der Vorrunde daher 10 bis 15 Mio. Euro mehr einkalkulieren als etwa ein rumänischer.

Der Ruf nach Chancengleichheit

Meinte es Uefa-Präsident Michel Platini ernst mit seiner Robin-Hood-Rhetorik, gäbe es ohnehin nur eine folgerichtige Antwort auf die Turbokommerzialisierung: einen gemeinsamen Markt im europäischen Fußball. Oder sportlich ausgedrückt: eine echte Europaliga. Nur sie würde Benfica, Ajax oder den Rangers wieder eine gleiche Chance geben. Arsène Wenger, Trainer des FC Arsenal, spricht sich schon lange dafür aus - wenn auch mit anderem Motiv: Ihn stört, dass große Klubs schon im Achtelfinale ausscheiden können. Realistisch gesehen ist das allerdings ein sehr fernes Szenario - bislang verhindert nationaler Kleingeist selbst kleinere Zusammenschlüsse wie etwa den der Ligen Belgiens und der Niederlande. Oder die Aufnahme der Rangers und Celtics in die englische Premier League.

Doch nichts im Sport ist langweiliger als Chancenungleichheit, und wenn die dann auch noch zu Qualitätsverlust führt, wird es selbst den fußballverrückten Schotten irgendwann zu fad. Es ist noch nicht allzu lange her, da war es fast unmöglich, Tickets für ein Fußballspiel in Glasgow zu bekommen. Vorige Saison klagte Celtic plötzlich über einen Zuschauerschwund von fast einem Drittel. Und bei den Rangers blieben sogar in der Champions League Tausende Plätze leer. Die Fans wussten, wie es ausgehen wird.

Diesen Artikel haben wir für Sie in der Financial Times Deutschland gefunden.

FTD

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