12. November 2009, 14:36 Uhr

Profis bis zur Selbstaufgabe

Der tragische Freitod von Robert Enke hat den Fokus auf ein selten behandeltes Thema gelenkt: Depressionen und Versagensängste im Spitzensport. Die Topstars des internationalen Sports stehen ständig im Rampenlicht, für manche wird der Druck unerträglich. Von Nico Stankewitz und Tim Schulze

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Robert Enke im Trikot der Nationalmannschaft: knallharte Auslese durchlaufen©

Depressionen sind eine Krankheit und behandelbar. Sie ist beinahe eine Volkskrankheit, betroffen sind Menschen aller sozialen Schichten und Berufsgruppen. Im Leistungssport kommt ein kompliziertes psychologisches Phänomen dazu: der öffentliche Druck. Ausnahmeathleten, die täglich im Blickpunkt stehen und bei denen jede Bewegung beobachtet wird, müssen mit der Berühmtheit und dem Geld, das sie verdienen, den Preis bezahlen für gravierende Einschnitte im Privatleben und die immer möglichen "Versager"-Schlagzeilen des Boulevards.

"Fußball-Profis bewegen sich in einem Umfeld, in dem nur absolute Hochleistung zählt, und sie haben hohen Druck, dass sie ihren Arbeitsplatz verlieren, wenn sie nicht mehr ans Limit gehen. Man muss immer Gewinner sein, nur so kann man sich legitimieren", sagt der Sportpsychologe des VfL Bochums, Thomas Graw.

Im absoluten Spitzensport sind Depressionen zwar ein Tabuthema, aber wahrscheinlich auch seltener als im Bevölkerungsdurchschnitt. Der Grund dafür ist einfach: Um in die Fußball-Bundesliga zu gelangen, muss ein Sportler einen so knallharten Ausleseprozess durchlaufen, dass die Mehrzahl der sensiblen, nachdenklichen oder gar "labilen" Sportler schon vorher durch das Raster fällt. Jeder Profi kennt Spieler mit ähnlichem oder sogar größerem Talent, die den Weg nicht geschafft haben, weil sie nicht hart und nicht konsequent genug waren. "Es herrscht ein knallharter Sozialdarwinismus schon im Jugendbereich", sagt Graw.

Damit gehen natürlich auch Gewöhnungs- und Abstumpfungsprozesse in Bezug auf den öffentlichen Druck einher. Wer nicht gerne im Rampenlicht steht, wer Probleme mit öffentlichem Druck, Zuschauern und Medienvertretern hat, wird nur im absoluten Ausnahmefall Bundesliga-Profi.

Der Fall Deisler
Sebastian Deisler war ein solch krasser Ausnahmefall. Hier geriet die Themenkette Druck-Öffentlichkeit-Depressionen erstmals an die breite Öffentlichkeit. Der filigrane Techniker aus Lörrach war spielerisch so gut, dass er einen Beruf annahm, für den er mental nicht geeignet war. Das Wunderkind, mit dem sich die größten Hoffnungen für den deutschen Fußball verbanden, wurde im Grunde von den euphorischen Medien in die Depression getrieben - er selber wollte nur spielen, am liebsten mit Freunden unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Sebastian Deisler zog die Notbremse und beendete mit 27 Jahren das Missverständnis "Profikarriere". Skisprung-Olympiasieger Sven Hannawald entschied sich auf dem Höhepunkt seines sportlichen Ruhms 2005 für das Ende seiner Karriere, als er merkte, dass er gegen den Druck nicht mehr ankämpfen konnte: "Die Depression war ein Alarmsignal meines Körpers, dass ich etwas ändern muss", sagte Hannawald.

Bei Robert Enke sind solche Probleme nicht überliefert. Im Gegensatz zu Deisler (mit dem ihn eine gemeinsame Vergangenheit in Mönchengladbach verband) hatte der Nationaltorwart scheinbar keine Probleme mit der Öffentlichkeit. Er begegnete Journalisten und Fans gleichermaßen offen und sympathisch. Hier hat es wohl eher eine unheilvolle Verquickung von sportlichem Druck, einer Krankheitsgeschichte und privater Tragik gegeben, die zu dieser endgültigsten aller Konsequenzen führte.

Besondere Drucksituation für Spitzensportler
Zweifellos gibt es besondere Drucksituationen im Spitzensport. Das gilt natürlich insbesondere für Torhüter, die aufgrund ihrer Position immer eine Sonderrolle im Team einnehmen. Der italienische Nationalkeeper Gianluigi Buffon bekannte in seiner Biografie, vor der EM 2004 unter dem starken Druck gelitten und psychologische Hilfe in Anspruch genommen zu haben.

Andererseits hat die Sportpsychologie seit den neunziger Jahren Einzug in den Spitzensport gehalten. Im absoluten Leistungsbereich ist die regelmäßige oder punktuelle Arbeit mit Fachleuten inzwischen Normalität, um Versagensängste und Druck abzufedern. Hinzu kommen in vielen Vereinen Fachleute als Medienberater oder Pressesprecher. Den Sportlern wird also geholfen, mit ihrer speziellen Situation umzugehen. Allerdings hinken gerade im Fußball noch viel Clubs dieser Entwicklung hinterher. "Das Potential für eine Leistungssteigerung in Sachen Psyche ist im Fußball noch nicht erkannt worden", sagt Graw und fordert deshalb eine breite, öffentliche Diskussion.

Nach Robert Enkes Tod stellt sich nun aber die Frage, ob genug getan wird, um den Sportlern die Schwierigkeiten abzunehmen, die das Profidasein mit sich bringen. Jörg Schmadtke, Manager von Enkes Club Hannover 96, geht die Frage offensiv an: "Wir haben eine Aufgabe gestellt bekommen von Robert, über die sollten wir nachdenken. Wir müssen uns mit der Thematik befassen, was die Betreuung junger Menschen angeht", sagte Schmadtke weiter.

Fluchtweg Alkohol
Wer es trotzdem nicht schafft, mit seiner herausgehobenen Position umzugehen, und der ungeheuren Verantwortung im Fokus der Öffentlichkeit gerecht zu werden, sucht sich hilflos andere Auswege. Ein nahe liegendes Ventil ist die Flucht in die Drogensucht. Nicht wenigen Profis, vor allem im britischen Fußball, dient Alkohol als Ventil, bestens dokumentiert etwa in den Biographien der beiden englischen Fußball-Idole Tony Adams und Paul Gascoigne. Beide klammerten sich auf der Flucht vor ihrer Berühmtheit und dem Druck der Öffentlichkeit an die Flasche. Meistertrainer Christoph Daum und Argentiniens Idol Diego Maradona griffen wie auch die Radstars Tom Boonen und Marco Pantani zu Kokain, um das Selbstwertgefühl zu stärken, und die Versagensängste zu mildern.

Von vielen anderen Sportstars, wie auch von anderen Größen aus dem Showgeschäft, ist ähnliches bekannt, die "Öffentlichkeit", sprich die Medien, fordern einen erheblichen Tribut von diesen Gladiatoren der Neuzeit, die einen hohen Preis bezahlen für ihr scheinbar sorgenfreies Dasein.

 
 
KOMMENTARE (10 von 12)
 
manurobby (14.11.2009, 12:20 Uhr)
traurig aber wahr
Es ist wirklich traurig, dass jemand in einem ja ach so toleranten und modernen Land wie Deutschland seine Krankheit geheimhalten muss, aus Angst davor, dann ein schlechterer Mensch zu sein. Traurig aber leider wahr. Armes Deutschland.
Ich wünsche Frau Enke und Ihrer Tochter viel Kraft für die kommende schwere Zeit!
puter70 (13.11.2009, 19:27 Uhr)
War keine Hilfe möglich?
Robert Enkes Tod ist natürlich eine Tragödie, die jeden mitfühlenden Menschen berührt. Trotzdem empfinde ich
die öffentliche Massentrauer übertrieben,
auch die Medien tragen einen großen Teil dazu bei.- Für mich ist schwer vorstellbar, dass keine Anzeichen seiner Krankheit
in seinem beruflichen Umfeld, weder bei den jeweiligen Vereinsführungen noch bei seinen Mitspielern, erkannt wurden. Es wäre besser und hilfreicher gewesen, diesem deppressiven, armen Menschen rechtzeitig durch diejenigen zu helfen, die täglich mit ihm zu tun hatten.
Dulsinea (13.11.2009, 16:07 Uhr)
Robert Enke
Ich leide auch unter dieser Krankheit,und hab schon einmal versucht mir das Leben zu nehmen.Bin aber im Krankenhaus wieder aufgewacht.Heut bin ich froh darüber,und lasse mir helfen.Und ich hoffe das Deutschland jetzt endlich aufwacht,und uns nicht mehr als Deppen ansieht.Ich denke an Robert,und wünsch ihn den Frieden den er sich gewünscht hat.
jeanclaude (13.11.2009, 15:38 Uhr)
einen solchen bericht habe ich erwartet/befürchtet
jetzt wird ein berufstand stigmatisiert,der in gefühlten zwei generationen,mit sicherheit nicht zu den suicidmässigen berufen gehört.

einfach nur beschämend wie die presse diesen absoluten einzelfall bis zum geht nicht mehr ausschlachtet:-(
silver-quattro3.0 (13.11.2009, 14:16 Uhr)
@HaraldDehmer + @tombert

Diese beiden Beiträge kann man nur vollinhaltlich unterschreiben.

Ergänzen sollte man noch, daß nicht Leistungsdruck an sich Auslöser von Depressionen ist ,sondern das eigene Ego welches einem vorschreibt sich dem Leistungsdruck zu unterwerfen, wissend daß man diesem aus Gründen der Körperlichkeit oder der Psyche nicht standhalten kannn. Und genau da ist der Moment innezuhalten, sich zu hinterfragen ob man sich dem Leistungsdruck unterwerfen, oder eine weniger erdrückende Tätigkeit ausüben will.

Wer diesen Moment verpasst, verkauft seinen inneren Frieden der zum Leben genauso gehört, wie die das tägliche Brot und letztendlich Versagensängste auslösen die zu Depressionen führen.

Den Damen und Herren von der Presse sei gesagt, duch diesen Wahnsinnshype wird ein völlig falsches Signal an Leute gesendet die gefährdet sind. Bring Dich um, dann bist du ein Hero ! Das kann aber nicht sein.
chatahootchee (13.11.2009, 14:03 Uhr)
SCHEINHEILIGER 'STERN.DE'
Die Journalisten leben doch davon, Stimmung zu machen. Ich warte immer noch auf einen selbstkritischen Kommentar der Damen und Herren von 'stern.de'.
Im uebrigen, nichts hinzuzufuegen, HaraldDehmer. Leider.
Malt (13.11.2009, 13:54 Uhr)
Na...
...dabin ich mal gespannt, wie die Sportberichterstattung auf STERN online in Zukunft ausschaut, wenn die Bayern z.B. endgültig aus der CL fliegen oder mal wieder ein Bundesligaverein gegen einen Dritt oder Viertligisten verliert... Beispiele? Hier nur eines http://www.stern.de/sport/fussball/dfb-pokal-sensation-hamburger-elfmeter-trottel-1510749.html
tombert (13.11.2009, 13:23 Uhr)
Auch der stern...
springt auf einen phrasendreschenden Zug auf, der das Problem völlig verdreht!
Die Krankheit Depression hat nichts mit Druck im Sport, Beruf oder Öffentlichkeit zu tun. Sie kann jeden befallen, egal ob Spitzensportler in der Öffentlichkeit, oder (Entschuldigung) den kleinen, schnarchenden Beamten in der Schreibstube. Insofern ist diese ganze Diskussion überflüssig.
Es geht nicht darum, etwas im Umgang der Medien, Fans usw. mit den Stars zu ändern, es geht einzig darum, darüber aufzuklären, was Depression als Krankheit wirklich bedeutet, und wie man mit solchen Menschen umgeht.
Man sollte auch nicht abgehalfterte Stars wie Gascoigne und Co. , die ihren Frust mit Alkohol und anderen Drogen betäuben, als depressionskrank bezeichnen, das sind diese Typen nämlich nicht.
Der einzige echte Fall im Fussball, der bekannt wurde, ist Sebastian Deisler!
Darüber hinaus gibt es zig-tausende "normale" Menschen, die diese Krankheit haben. Nach denen fragt aber keiner!

.link (13.11.2009, 12:57 Uhr)
@HaraldDehmer
inwiefern "die medien" nur noch die nächste große geschichte oder spektakuläre schlagzeile suchen, wurde auch sehr schön am "beispiel babbel" deutlich.
während in den zeitungen seit wochen über einen möglichen abschied spekuliert wird/wurde, gab es für einen solchen schnitt keinerlei anzeichen - weder im management, noch bei der mannschaft, noch bei den fans.
hauptsache man kann mit einem "ultimatum" titel. berichterstattung über die tatsachen oder die stimmung in einem verein ist das schon lange nicht mehr.
joergely (13.11.2009, 12:55 Uhr)
HaraldDehmer
gäbe es zu einem Phrasenschwein noch ein Vorurteilsschwein, wären sie bettelarm!
Jeder Leistungssportler weiß, worauf er sich einlässt. In D. ist schließlich jeder Heini ein verkappter Bundestrainer oder Vereinstrainer. Wer damit psychisch nicht fertig wird, kann die Notbremse ziehen.
Den Medien jetzt vorzuwerfen, dass sie die Informationen liefern, die die Leser wollen und nicht nur dass, was Sie wollen ist wirklich infam!
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