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Gnadenlos abhängig

Wohl noch nie hat ein Verein einem einzelnen Akteur in vergleichbarer Demut den Teppich ausgerollt wie der HSV für Rafael van der Vaart. Er allein trägt das Schicksal des Clubs in seinen Händen.

Von Mathias Schneider

  Er weiß um seine Bedeutung: HSV-Star Rafael van der Vaart

Er weiß um seine Bedeutung: HSV-Star Rafael van der Vaart

  • Mathias Schneider

Der Mann, der sie alle retten soll, trägt einen dunkelblauen Pullover mit V-Ausschnitt, die kurzen Haare kräuseln sich, als er den Raum zur Pressekonferenz in der Hamburger Imtech-Arena betritt. Das Training ist noch nicht lange beendet, man wird sich gleich mit Rafael van der Vaart hinsetzen, um von ihm zu erfahren, warum er sich ausgerechnet diesem hoffnungslos verunsicherten Hamburger SV wieder angeschlossen hat, aber davor muss jetzt erst einmal ein Foto für die Aktion "Jubiläums-Anleihe" geschossen werden.

Weil das Geld mittlerweile arg knapp geworden ist in einem Klub, der angeblich kein Geld hat, werden nun eben für den Bau des 12,5 Millionen Euro teuren HSV-Campus direkt am Stadion die Fans angepumpt. 27 Millionen Euro, allein horrende 13 für van der Vaart, belasten den Etat dann doch über Gebühr, auch wenn der Milliardär Klaus-Michael Kühne mächtig nachgeholfen hat.

Ein Team ohne Struktur

Die Mitglieder sollen nun für die neuen Bauten blechen, die Schuldverschreibungen werden in Beträgen von 125, 404 oder gleich 1.887 Euro ausgegeben. Doch ganz so einfach zu verkaufen ist das Ganze derzeit nicht, denn der HSV macht in dieser Saison genau dort weiter, wo er in der vergangenen aufgehört hat - ganz unten. Also haben sie schnell noch ein paar Plakate bedruckt mit van der Vaarts Konterfei. Er allein bedient in diesen Tagen die Phantasie von einem Morgen ohne Abstiegssorgen. Er ist jetzt ihre Ein-Mann-Marketingmaschine. Nur ihm traut der Fan rund um Hamburg noch über den Weg.

Der Fußball lebt ja bekanntermaßen gut von den Träumen seiner Anhänger: Mit dem nächsten Transfer wird alles besser, nur dieser Glaube lindert den Schmerz all der Niederlagen. Doch selten hat ein Verein einem einzelnen Akteur in vergleichbarer Demut den Teppich ausgerollt. Heilsbringer, Messias, keines der abgeschmackten Superlative greift diesmal zu hoch. Van der Vaart allein soll dieser heillos verbauten, völlig verunsicherten und noch dazu viel zu teuren Mannschaft eine Struktur verleihen.

Van der Vaart genießt die Bedeutung

Nun sitzt er, mittlerweile 29, an einem dunklen Tisch in einer der Stadionlogen, friedlich ruht der Rasen unter ihm. Am Samstag wird er gegen den deutschen Meister Borussia Dortmund sein Heimdebüt geben. Alle Augen richten sich dann auf ihn.

Angst scheinen ihm die überbordenden Erwartungen nicht zu machen. Es sei ja auch toll, die ganzen Lobeshymnen einzuheimsen, wenn die Siege einmal kommen, sagt er langsam. "Ich bin in einer Situation in meiner Karriere, wo ich auch eine Mannschaft führen will."

Er klingt nicht, als ob ihn der ganze Rummel belasten würde, eher scheint er die Bedeutung zu genießen nach vier Jahren bei Real Madrid und Tottenham Hotspurs, die ihn oftmals zwischen Bank und Platz pendeln ließen.

Er klingt wie ein Sportdirektor

Er hat sich bewusst für die Fußball-Provinz entschieden, zu groß war die Gefahr, im Londoner Konglomerat an Spitzenklubs in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Dann lieber local heroe. In Hamburg ist van der Vaarts Einfluss beträchtlich, gerade jetzt, wo ihn alle verehren, als habe es sein Fernweh vor vier Jahren nie gegeben. Er allein besitzt derzeit die Deutungshoheit in einem Klub, dessen Trainer und Sportdirektor bereits jeden Kredit in der Öffentlichkeit verspielt haben.

Van der Vaart weiß um seine Bedeutung. Geschickt setzt er die eigene Popularität ein und baut sich so schon jetzt Allianzen, die ihn irgendwann einmal selbst schützen sollen. "Wir ziehen das zusammen durch", antwortet er auf die Frage, ob der Trainer Fink nicht schon stark in der Schusslinie geraten sei. "Der Trainerstab arbeitet unglaublich hart. Sehr gut." Er klingt wie ein Sportdirektor.

Stimmung wie auf dem Friedhof

Es könnte trotz der Niederlage in Frankfurt alles so schön sein, alles auf Null sozusagen, wenn nur zur Heimspielpremiere des Niederländers am Samstag nicht ausgerechnet Dortmund vorbei schaute. Der Meister kommt dieser Tage gewissermaßen als Anti-Hamburg daher. Eine Ansammlung junger Wölfe läuft da aufs Feld, über Jahre im Rudel erprobt, vor Selbstbewusstsein strotzend, voller Lust am jagen.

Rafael van der Vaart sagt, es habe bei seiner Ankunft in der Mannschaft eine Stimmung wie auf dem Friedhof geherrscht. Er will seinen Kollegen gut zureden, aber so richtig klingt er nicht, als wüsste er schon, wofür dieser HSV einmal stehen könnte.

Er will es sich in Hamburg einrichten, am liebsten über die Karriere hinaus. Hier gilt er etwas, hier wird er geliebt, nicht die schlechteste Basis. Er sucht gerade einen Fußballverein für seinen Sohn, irgendwo in der Nähe von Eppendorf. Er schätze das Leben in der Stadt, heute anders als damals, als er noch von der ganz großen Karriere träumte. Die große Kariere, sie ist mit dem Wechsel nach Hamburg offizielle beendet.

Jetzt also Abstiegskampf. "Wir müssen erst einmal da unten rauskommen", sagt Rafael van der Vaart. Er weiß, dass sein Ruf auf dem Spiel steht, wenn es schief geht. Ein ganzer Verein hat sein Schicksal mit ihm verknüpft.

Endgültig.

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