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Mehr als pure Feindschaft

Dagegen ist Schalke gegen Dortmund Kleinkram: Wenn im Niedersachsen-Derby Hannover und Braunschweig aufeinander treffen, spielt jahrhundertealter Hass mit. Fußball wird da leider zur Nebensache.

Von Klaus Bellstedt

Fans von Eintracht Braunschweig zünden Bengalos. Solche Bilder wird es vermutlich auch am Freitagabend beim Niedersachsen-Derby in Hannover geben.

Fans von Eintracht Braunschweig zünden Bengalos. Solche Bilder wird es vermutlich auch am Freitagabend beim Niedersachsen-Derby in Hannover geben.

Es ist das gefährlichste Spiel der Saison: Wenn am Freitagabend (ab 20.30 Uhr im stern.de-Liveticker) im Niedersachsen-Derby Hannover 96 und Eintracht Braunschweig den 12. Bundesliga-Spieltag eröffnen, dann geht es um mehr als drei Punkte. Leider. Die Partie hat in der Region eine derartige Brisanz, dass der Fußball in den vergangenen Tagen fast vollends in den Hintergrund getreten ist.

Die extreme Abneigung zwischen den beiden Städten, die nur etwa 60 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt liegen, ist auch historisch bedingt. Besonders Schlaue wollen herausgefunden haben, dass die Rivalität gar auf das Jahr 1692 zurückgeht, als die Vorherrschaft der braunschweigischen Welfenfürsten schwand und ihre Vettern in Hannover zu Kurfürsten aufstiegen. Endgültig zerschnitten wurde das Tischtuch zwischen den beiden Städten dann in der Neuzeit: 1946 bei der Gründung Niedersachsens, als Hannover Landeshauptstadt wurde - und Braunschweig nichts. Die Fußballfeindschaft ging wohl auch damit einher.

Weil es das Duell zwischen 96 und der Eintracht in der Bundesliga seit 37 Jahren nicht mehr gegeben hat, erhält das Flutlicht-Spiel zusätzliche Brisanz. Bei den Fans hat sich einiges aufgestaut. Aber was heißt schon Fans? Die werden am Freitagabend nicht das Problem sein. Vielmehr geht es um die Idioten, um Chaoten, Ultras und Hooligans.

Randale-Touristen im Anmarsch

Seit Wochen fiebern diese so genannten Problem-Fans auf das Derby hin, um es als Bühne ihrer befremdlichen Selbstdarstellung zu missbrauchen. Auf beiden Seiten gibt es eine große Anzahl gewaltbereiter und gewaltsuchender Anhänger, wie es im Polizei-Deutsch heißt. Zusammen 850 Hooligans der Kategorie B und C sind bei den Behörden registriert. Wie ernst die Situation zumindest von der Polizei genommen wird, zeigen die Aussagen des Einsatzleiters in Hannover. Experten hätten gewarnt, "dass Schalke gegen Dortmund dagegen Kleinkram sein soll", berichtete Guido von Cyrson vor ein paar Tagen. Beim Ruhrgebietsklassiker waren zuletzt Leuchtraketen von BVB-Hooligans in den Schalke-Fanblock geschossen worden.

Und dann gibt es noch ein weiteres Problem. "Angst bereiten mir mehr die zugereisten Gewalttäter", sagte Eintracht-Präsident Sebastian Ebel und warnte vor "Randale-Tourismus". Von Cyrson bestätigte dies: "Richtig ist, dass sich gewaltbereite Anhänger Unterstützung holen." Der Polizist sprach von einer "erklecklichen Mobilisierung von Problem-Fans". Unmissverständlich erklärte der Einsatzleiter: "Ich will niemandem die Hoffnung auf ein friedliches Derby nehmen, aber es besteht ein besonderes Risiko." Selbst aus dem Ausland haben sich Fußballchaoten angesagt.

Die Polizei hat im Vorfeld ihre Hausaufgaben gemacht - und sich dabei klugerweise die beiden rivalisierenden Clubs mit ins Boot geholt. Aber ob das reicht? 96 hat das Sicherheitspersonal rund um das eigene Stadion von 580 auf 700 aufgestockt, und die Eintracht schickt eigene Ordner mit. Zur Deeskalationstaktik gehört auch, dass beim Derby - im Gegensatz zu anderen Bundesligaspielen in Hannover - nur alkoholfreies Bier ausgeschenkt wird. Tickets wurden erst gar nicht im freien Verkauf angeboten. Abgesehen von den 4000 Karten für die Gäste sind nur maximal zwei Tickets an 96-Mitglieder verkauft worden. Dadurch erwartet Hannovers Sicherheitsbeauftragter Jürgen Niggemeier ganz wenige Braunschweiger außerhalb des Fanblocks, der zudem durch Pufferzonen abgetrennt ist. "Fan-Trennung ist ein wichtiger Punkt", erklärte Niggemeier, "gerade bei diesem Spiel."

Unerträgliche Provokationen

Im Vorfeld ist bis jetzt alles ruhig geblieben. Aber die Provokationen, die seit Tagen zwischen beiden Lagern ausgetauscht werden, sind schon unerträglich genug. In der Nacht auf Donnerstag irrte ein bemaltes Schwein mit 96-Schal um den Hals durch Hannover und wäre beinahe von einem Auto überfahren worden. Schönen Gruß aus Braunschweig. Die unbekannten Täter hatten mit schwarzer Farbe das 96-Logo auf die linke Seite des Tiers gepinselt, auf der rechten Seite war die Ziffer Eins zu lesen. Der Verdacht liegt nahe, dass die Urheber damit auf den Todestag von Robert Enke anspielen wollen, der sich am Sonntag zum vierten Mal jährt. Enke hatte als Torhüter stets die Rückennummer 1 getragen. Unfassbar. Da fehlen einem die Worte. Aber auch die "Fans" der "Roten" haben mit einer geschmacklosen Aktion in Braunschweig provoziert. Die Polizei sammelte an mehreren Ortsschildern gelbe Grabkreuze ein, auf denen mit blauer Farbe "B.T.S.V." (Braunschweiger Turn- und Sportverein) geschrieben stand.

"Diejenigen, die meinen, den Fußball missbrauchen zu müssen, werden die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen." Dieser Satz stammt von Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius. Er fiel vor wenigen Tagen. Das hörte sich schon hart an. Und doch wünscht man sich als Freund des Fußballsports genau das. Leider.

mit DPA

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