Herr Löw, so wird's gemacht!

29. Juli 2013, 18:07 Uhr

Die deutschen Fußball-Frauen haben der Herren-Nationalmannschaft etwas voraus: Sie gewinnen Titel. Was Bundestrainer Joachim Löw und seine Truppe von den Frauen lernen können. Von Klaus Bellstedt

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Bundestrainer Silvia Neid und Lena Lotzen freuen sich über den EM-Titel©

Und wieder ein Titel. Die fast schon unheimliche Erfolgsserie des deutschen Frauenfußballs geht weiter. In Schweden hat die Mannschaft zum achten Mal insgesamt und zum sechsten Mal in Folge den EM-Titel gewonnen. 2003 und 2007 setzte sich das Team von Bundestrainerin Silvia Neid auch die WM-Krone auf. Abrupt unterbrochen wurde das Titelhamstern lediglich bei der Heim-WM 2011 beim überraschenden Viertelfinal-Aus gegen Japan. Unterm Strich steht: Keine Frauen-Fußballnation ist so erfolgreich wie die deutsche.

Das trifft zwar historisch gesehen auch auf die deutschen Herren zu, aber deren letzter Titel liegt eben schon eine gefühlte Ewigkeit zurück. 1996 in England. Europameister. Golden Goal. Oliver Bierhoff, Sie wissen schon. Der Trainer hieß damals Berti Vogts, nur falls das jemand vergessen haben sollte. Unweigerlich führt uns das zu Joachim Löw. Der wird sich jetzt, nach dem 1:0-Erfolg der Girls über Norwegen, (mal wieder) eine paar Tage anhören müssen, dass ja wohl bitteschön auch seine Truppe endlich mal Zählbares von einem Turnier mit nach Hause bringen darf, soll, muss. Das ist der normale Reflex. Und auch wenn der Vergleich natürlich hinkt, es gibt ein paar Dinge, die Silvia Neid und ihre Mannschaft der A-Nationalmannschaft voraushaben. Und über die Joachim Löw vielleicht doch mal nachdenken sollte.

Klare Hierarchie im Frauen-Team

Anders als bei den Männern gibt es bei den Frauen eine unumstrittene Führungspersönlichkeit im Team: Nadine Angerer. Die "Mutter der Kompanie" (Angerer über Angerer) hielt im Finale zwei Elfmeter und avancierte so zur Matchwinnerin. Aber es sind vor allem auch ihre Qualitäten abseits des Platzes, die sie so unverzichtbar und wertvoll machen.

Angerer ist eine mit Ecken und Kanten. Sie genoss auch in Schweden bei der EM in ihrer Rolle als Ratgeberin und Rebellin wieder eine absolute Ausnahmestellung. Als Älteste des Kaders führte die langjährige Bundesligaspielerin von Turbine Potsdam und dem 1. FFC Frankfurt das stark verjüngte Team zum Erfolg. Angerer war es, die nach der Vorrunden-Niederlage gegen Norwegen, die Mannschaft zu einer Aussprache bat und klare Worte fand. Die Spielerinnen schauen zu ihr auf, man hört ihr zu. Ihr Wort hat Gewicht. Die Spitze der Hierarchie ist bei der deutschen Frauen-Nationalmannschaft klar definiert. Bei den Männern ist das etwas anders.

Lahm ohne Aura

Dort ist die Mannschaft der Star. Alles ist immer schön harmonisch. Keiner bricht aus. "Dieses Denken ist gefährlich", hat der ehemalige DFB-Sportdirektor Matthias Sammer vor der EM in Polen und der Ukraine mal warnend gesagt. Eine große Gefahr sei es, so Sammer, wenn die Nachwuchsarbeit keine Typen mit Ecken und Kanten mehr hervorbringe: "Nur mit stromlinienförmigen Spielern ist kein Erfolg möglich. Es muss auch Anführer geben. Ohne Struktur und Hierarchie in einer Mannschaft ist alles nichts."

Nun gibt es zwar auch bei Löw Führungsspieler, aber eben anders. Philipp Lahm ist ein Kapitän ohne große Aura und Sami Khedira noch lange nicht soweit. Bleibt Bastian Schweinsteiger. Der kann führen. Bevorzugt aber auch eher den leisen Stil. Und: Er muss tausendprozentig fit sein, um auf dem Platz der Leader zu sein. Wenn er das nicht ist, wie beim Halbfinal-K.o. gegen Italien, löst sich die Mannschaft in ihre Bestandteile auf. Ein erster Schritt wäre es, Schweinsteiger vor der WM in Brasilien zum alleinigen Kapitän zu machen. Auch weil sein Einfluss auf dem Platz viel größer ist, als der von Lahm. Mehr Macht für den einzigen echten Anführer bei Löw. Das wäre schon was.

Lernen von Champions

Und noch etwas anderes machen die Frauen besser als die Männer, macht Silvia Neid besser als Joachim Löw. Die Bundestrainerin wagt es immer häufiger, nicht mehr bloß auf die eigenen Stärken zu bauen. Stattdessen orientiert sie sich bei der Aufstellung schon mal am Gegner. Löw tut das eher selten. Im Viertelfinale gegen Italien nominierte sie zum Beispiel die lauf- und defensivstarke Simone Laudehr im defensiven Mittelfeld aus Furcht vor der "starken rechten Seite der Italienerinnen". Ein Schachzug, der aufging.

Die deutschen Fußball-Frauen kann man ein bisschen mit den Spaniern vergleichen. Die Übermannschaft der vergangenen Jahre im Männerbereich ist nicht mehr ganz so dominierend in Europa. Und doch stehen sie am Ende meist ganz oben. Die Rekord-Europameisterinnen von Schweden besitzen das Sieger-Gen. So wie Casillas, Xavi, Iniesta und Co. Diese Spieler wissen, wie man in Alles-oder-Nichts-Spielen auftreten muss - und dann auch liefert. Im Hinblick auf die WM in Brasilien bleibt das Joachim Löws größter Herausforderung: seiner Mannschaft dieses Gen ebenfalls einzupflanzen.

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