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12. März 2010, 06:38 Uhr

Frostige Zeiten

Noch nie war das Klima für DFB-Präsident Theo Zwanziger so schlecht wie nach dem Schiedsrichter-Skandal um Manfred Amerell und Michael Kempter. Das Krisenmanagement im mächtigsten Sportverbands der Welt hat versagt. Doch auf der Präsidiumssitzung hat der Boss heute nichts zu befürchten. Von Frank Hellmann, Frankfurt

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Die grotesk anmutende Schiedsrichteraffäre hat auch Theo Zwanzigers Position erschüttert© Torsten Silz/DDP

Ein schlichtes kleines Metallschild zeugt von der Bevorzugung. "Präsident" steht auf dem Parkplatz ganz rechts vor der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise 6. Wessen Gefährt hier steht, der hat es nur noch wenige Schritte bis zur vollautomatischen Drehtür. Ist es ein gutes Zeichen in diesen Tagen, dass die silbrig glänzende Limousine von Theo Zwanziger, ein schnittiges Modell mit Stern, von der Anwesenheit des obersten Dienstherrn zeugt?

Zwanziger, 64, in jungen Jahren Steuerinspektor und Spielmacher vom VfL Altendiez, ist also bei der Arbeit. Aber er will nichts mehr sagen, jetzt wirklich nicht mehr. Zumindest nicht öffentlich. Das gab es eigentlich noch nie, seitdem der Jurist am 8. September 2006 zum alleinigen Präsidenten des mächtigsten Sportverbandes der Welt aufstieg. Wenn der eloquente wie redselige Zwanziger, Träger des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse und Würdenträger verschiedener Gruppierungen wegen seines wortreichen Einsatzes gegen Rassismus, Diskriminierung oder Homophobie, schweigt, dann ist das ein untrügliches Zeichen, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Amerell: Leider Gottes ist es real
Der Skandal im Sperrbezirk, eine grotesk anmutende Schiedsrichteraffäre zwischen einem 63-jährigen Schiedsrichtersprecher (Manfred Amerell), der sich als bisexuell geoutet hat, und einem 27-jährigen Fifa-Referee (Michael Kempter), der leugnet, homosexuell sein, obwohl sein jahrelanger E-Mailverkehr nur diesen Schluss zulässt, hat eben auch Zwanzigers Position in den Grundfesten erschüttert. Weil das Krisenmanagement in weiten Teilen versagte, weil die Kommunikationspolitik allein deshalb zweifelhaft war, da sich sowohl die Hauptdarsteller Kempter (mit DFB-Unterstützung) als auch Amerell (ohne DFB-Unterstützung) darin befleißigten, intimste Details ihren obskuren Liebes- oder Freundesbeziehung öffentlich zu machen. Plötzlich konnte die Öffentlichkeit erfahren, welche Farbe die Unterwäsche eines der größten deutschen Schiedsrichtertalente hat. Ein schlechter Film? "Wenn jemand ein Drehbuch über das schreibt", sagt Amerell, "würde der Filmproduzent sagen: Schmeißt es in die Tonne. Das ist nicht real. Leider Gottes ist es real."

Und so ist auch Überflieger Zwanziger auf der Erde zurück. Zum ersten Male ist öffentlich die Ablösung dieses DFB-Präsidenten gefordert worden, obwohl er den Verband doch weltoffen ins 21. Jahrhundert führen wollte. Und sich dabei überschätzte? Schon länger heißt es, dass der zweifache Vater nach außen wie ein verständnisvoller Moderator auftritt, nach innen aber eher wie ein Inquisitor wirkt. Er hat den großen Fehler begangen, viel zu lange der Kempter-Seite zu vertrauen, ohne Amerell richtig anzuhören, der von der "größten menschlichen Enttäuschung seines Lebens" spricht und dem DFB-Boss tatsächlich vorwirft, "über Leichen zu gehen." Starker Tobak.

Starke Machtbasis
Aber interessiert das 19 Fußballfunktionäre, die sich am Freitag ab 11 Uhr in einem Sitzungssaal im ersten Stock der DFB-Zentrale versammeln? Im Frankfurter Stadtwald ist auch in diesen Tagen von Frühling keine Spur, einige Schneereste trotzen hartnäckig der Märzsonne, es will irgendwie keine gemütliche Stimmung aufkommen. Das soll zum Binnenklima passen. Doch Zwanziger hat sich im eigenen Hause einen Mittelbau geschaffen, der ihm bei der turnusgemäßen Präsidiumssitzung zwar genau zuhören wird, ihn aber nie und nimmer aus dem Amt hieven würde. Mittlerweile sickert durch, dass sogar der eigentlich von Zwanziger avisierte außerordentliche Bundestag am 30. April platzen könnte, weil die Liga-Vertreter dagegen seien. Und so wird Zwanziger auch keine Vertrauensfrage stellen müssen.

Außerdem scheint es niemand wirklich zu wollen, dass das Spitzenamt des deutschen Fußballs neu besetzt wird. Zwanziger könnte also durchaus gestärkt aus dem Sitzungsmarathon hervorgehen. Zumal er auch von Franz Beckenbauer Zuspruch erhielt. Zwanziger sei ein guter und starker Präsident, erklärte der "Kaiser" bei der Laureus-Gala in Abu Dhabi. Sollte es dennoch zu einem Führungswechsel kommen, habe er selbst keine Ambitionen, den Posten zu übernehmen

Nur wegducken reicht nicht
Dann hätte Zwanziger die Krise so gemeistert, wie es sein Vorgänger Gerhard Mayer-Vorfelder zu tun pflegte, wenn sich eine Skandal-Lawine löste: einen Schritt zur Seite treten, wenn das Unheil ins Tal rauscht, dann schnell die alte Position wieder einnahmen. Was "MV" perfektionierte, kann "ZW" schon lange. Aber sich in stürmischen Zeiten einfach wegzuducken, wird auf lange Sicht nicht reichen.

Wenn Volker Roth, der allmächtige Vorsitzende des Schiedsrichterausschusses, am 17. Dezember vergangenen Jahres vom persönlich nach Salzgitter gereisten Kempter von den Vorwürfen gegen Amerell erfährt, kann es nicht sein, dass der laut Satzungsordnung zuständige Vizepräsident Rainer Koch gar nicht und Zwanziger erst am 15. Januar dieses Jahres informiert wird. "Sicherlich hätte bei einer umgehenden Weiterleitung des Falles an den DFB-Präsidenten eine schnellere Klärung einsetzen können", schrieb selbst der DFB in einer Pressemitteilung am 16. Februar. Doch außer Kochs freiwilligen Rücktritt geschah nichts - der seit 1995 im Amt befindliche Roth ("Ich bin mir keiner Schuld bewusst") sieht offenbar bis heute keinen Anlass für eine Demission - am Freitag wird er nicht in Frankfurt sein. Doch der 68-Jährige wird sein Amt so oder so verlieren; spätestens im Oktober beim DFB-Bundestag in Essen.

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Manfred Amerell vor Gericht: gewisse Praktiken an der Spitze von 80.000 Schiedsrichtern© Andreas Gebert/DPA

Sein Nachfolger wird der 22 Jahre jüngere, ehemalige Fifa-Pfeifenmann Herbert Fandel. Seine am Freitag vorgelegten 20 DIN-A-4-Seiten stehen symbolisch für die Hoffnung auf Transparenz, Toleranz und Offenheit unter der Gilde der Pfeifenmänner - es sind die Leitlinien für die Neustrukturierung des deutschen Schiedsrichterwesen, die als Beschlussvorlage den Präsidiumsmitgliedern zugegangen sind. Roth hatte seinen Laden zwar im Griff, aber auch wie einen "Geheimorden" geführt, so kritisierte es DFL-Präsident Reinhard Rauball. Die DFL möchte gar nicht diesen Part vom DFB übernehmen, aber Einsicht in wichtige Entscheidungsprozesse und Auswahlkriterien erhalten. Deshalb gehörte der von Fandel geleiteten Arbeitsgruppe neben DFB-Abteilungsleiter Lutz-Michael Fröhlich auch der bei der DFL-Angestellte und frühere Fifa-Unparteiische Hellmut Krug an - übrigens ein Intimfeind Roths. "Für die Leute von außen und auch die Schiedsrichter selbst muss vieles durchsichtiger werden", erklärt Fandel. Der Konzertpianist aus Kyllburg plant, das rigide Benotungssystem abzuschaffen und durch Stärke-Schwäche-Profile zu ersetzen, es soll Machtkonzentration verhindert werden - gerade bei der Sichtung, Bewertung und Beförderung. "Unser System", sagt Fandel, "basiert auf Neutralität und Unabhängigkeit."

Im "System Amerell" entschied der Hotelier aus Augsburg im Grunde mitunter im Alleingang über den Aufstieg junger Schiedsrichter - und brachte so auch den Sauldorfer Kempter groß heraus. Dass der Protegé Amerells dafür sexuelle Gefälligkeiten leistete, ahnte ja niemand. Obwohl Zwanziger später von "klassischen Männerstrukturen und einem "Schweigekartell, in dem Befehl und Gehorsam herrschen", sprach, konnte auch er von gewissen Praktiken an der Spitze von 80.000 deutschen Unparteiischen nichts wissen. Sonst hätte der Präsident sich am 4. Juli vergangenen Jahres wohl auch nicht die Kompassnadel des Schwulen Netzwerk NRW ans Revers heften könnte. In der Begründung für diese Auszeichnung wurde unter anderem erwähnt, dass Zwanziger schwul-lesbische Fußball-Fanclubs unterstütze und Flugblätter gegen die Diskriminierung von Schwulen und Lesben verteilen lasse. Das waren noch die Zeiten, als Zwanziger mit seiner Limousine unbeschwert durchs Land fuhr.

Von Frank Hellmann, Frankfurt
 
 
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