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Testspielmodus statt Leidenschaft

Beim 2:3 gegen England demonstriert die Elf von Joachim Löw einmal mehr, dass ihr der Hunger auf Siege in Freundschaftsspielen abhanden gekommen ist. Noch besteht zur Sorge kein Anlass, doch die Aura des Weltmeisters leidet. Auch im eigenen Land. 

Von Mathias Schneider, Berlin

Thomas Müller im Duell mit dem Engländer Dele Alli beim Länderspiel im Olympiastadion Berlin

Thomas Müller im Duell mit dem Engländer Dele Alli beim Länderspiel im Olympiastadion Berlin

Es ist dann vor allem eines gewesen: Ein ganz normales Länderspiel. Man muss das noch einmal ausdrücklich erwähnen in diesen Tagen der gefühlten Dauerbedrohung, die ja auch die jüngere Länderspielhistorie nachhaltig geprägt hat mit jenem so traumatischen Doppelspieltag im November. Die Terroranschläge rund um das Spiel beim EM-Gastgeber in Paris mündeten damals einige Tage später in eine Spielabsage in Hannover. Der Fußball, dieses so unbeschwerte Spiel, schien plötzlich fest in den Klauen dunkler Kräfte. Doch in Berlin strebten mehr als 70.000 still dem Olympiastadion entgegen. Als man gegen Mitternacht den Ort einer 2:3-Niederlage gegen England wieder verließ, schien jede Sorge, ob dieses Spiel am Ende nicht erneut in Angst und Schrecken versinken könne, eine ferne Erinnerung.

Die Briten tanzen Pogo

Aber ein echtes Fußballfest ist es dann leider auch nicht geworden, soviel gleich vorweg. Zumindest nicht für die Deutschen. Schien vor der Partie noch alles für einen feurigen Schlagabtausch zweier Fan-Lager gerichtet - Teile der deutschen Fangemeinde kehrten zur Unsitte zurück, die Nationalhymne des Gegner auszupfeifen - so tanzte später nur noch der heillos entfesselte britische Block Pogo. In der Nachspielzeit war nach 0:2-Rückstand gar noch der 3:2-Siegtreffer gefallen.

Es sollte ein Treffer sein, der nicht allein der Kaltherzigkeit des Spiels geschuldet war, sondern sich bereits in den 30 Minuten zuvor wie ein Gewitter aufbaute. Denn wie so oft in den vergangenen fast zwei Jahren seit den tollen Tagen von Brasilien spiegelte auch dieses Spiel perfekt den Gemütszustand des Weltmeisters wieder. Selbst eine 2:0-Führung, welche Löws Männer in einem ausgeglichenen Spiel etwas unverhofft in den Schoss fiel, vermochte kein rechtes Feuer zu entfachen. Auf den Rängen herrschte weiter andächtige Stille und unten auf dem Feld schalteten Khedira, Kroos, Müller, Özil und vor allem Reus wie so oft zuletzt in den Stand-By-Modus. Lediglich der wieder erstaunlich spritzige Gomez demonstrierte in vorderster Front nicht nur seines Treffers wegen, warum er sich als einziger Gewinner fühlen darf. Selbst eine dauerhafte Beförderung in die Stammelf scheint für den Mann, der ausgerechnet im Outback des Fußballs in Istanbul seine Karriere wiederbelebte, nicht mehr ausgeschlossen.

Die Etablierten spielten dagegen spätestens ab der 60. Minute ohne jede Dringlichkeit.

Die deutsche Elf zerfällt in zwei Teile

Räume, groß wie Canyons, taten sich plötzlich im Mittelfeld auf. Dazu gesellten sich haarsträubende Konzentrationsfehler durch den eigentlich starken Khedira oder Can, die eigentlich zwingend in weitere Treffer hätten münden müssen. In zwei Teile war die Elf plötzlich zerfallen. Bei der Aufarbeitung in der Mixed Zone waren sich Müller, Kroos, und Khedira dann auch einig, dass die eigene Schlampigkeit den Umschwung eingeleitet hatte. "Die Engländer haben den Sieg am Ende mehr gewollt als wir, wir sind nicht mehr gut gegen den Ball gestanden", resümierte Khedira. Kroos ("als Mannschaft zu wenig gemacht") und der diesmal gänzlich unsichtbare Müller ("nicht aus dem Testspielbetrieb herausgekommen") waren davor bereits zu ähnlichen Schlüssen gekommen.

Nun taugen Freundschaftsspiele generell nur bedingt zur Standortbestimmung. Am Ende stand eine Viererkette (Can, Rüdiger, Tah, Hector) auf dem Feld, die man getrost als Verlegenheitsriegel bezeichnen darf. Bei der WM werden im Zentrum wieder Boateng und Hummels die Geschäfte mit Autorität leiten. Zur Panik besteht deshalb zweieinhalb Monate vor Beginn der EM kein Anlass. Schon vor der Partie hatte Löw schließlich erklärt, das Ergebnis sei für ihn weniger relevant als die Erkenntnisse, die sich aus den 90 Minuten bezüglich der Tauglichkeit seines Personals ableiten lassen. Diese Erkenntnisse sind nach Teil eins des Doppelspieltages: Die Etablierten wollen noch nicht recht. Die Neuen tun sich auch deshalb schwer, die eigene Unsicherheit abzulegen.

Löw muss die Spannung erhöhen

Löw tut gut daran, langsam die Spannung innerhalb der Elf wieder zu erhöhen. Denn die europäische Konkurrenz hat die Verfolgung aufgenommen, so viel lässt sich vor der Partie am Dienstag gegen die nicht weniger gefährlichen Italiener am Dienstag schon konstatieren. Wo das alte saturierte England der Weltstars Terry, Lampard oder Rooney spätestens nach dem 2:2 für jeden Nichtangriffspakt empfänglich gewesen wäre, spielte diesmal eine junge und agile Elf wie ein Underdog, der sich und der Welt etwas beweisen will. Auch deshalb trat eine gewisse Grundmüdigkeit beim Weltmeister offen zu Tage. Noch weiß Europa um die Fähigkeit des Weltmeisters, sich dann zusammenzureißen, wenn es wirklich zählt. Aber die Aura der Unbesiegbarkeit schwindet.

Der Mythos des Weltmeisters leidet, auch im eigenen Land. Die Nationalmannschaft muss bald wieder einmal liefern. Und sei es nur, um jene zu befrieden, die kommen, um sie noch immer siegen zu sehen. Um dann enttäuscht abzuziehen.

Und doch steht am Ende als zentrale Botschaft: In Deutschland hat wieder ein Länderspiel stattgefunden - ohne besondere Vorkommnisse, wie das nach ereignisarmen Spielen rund ums Stadion gern heißt . Möge sich zumindest dieser Trend fortsetzen. Er ist am wichtigsten. 

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