HOME

Stern Logo EM 2008

Ein Herz ist groß genug

Die deutsch-türkische Journalistin Özlem Topcu denkt auf Deutsch, meistens zumindest. Das Thema Integration findet sie langweilig - erst recht im Zusammenhang mit Fußball. Auf stern.de schreibt sie, warum sie der Türkei die Daumen drückt - und warum das Halbfinale für die 1,7 Millionen Türken in Deutschland ein einfaches Spiel ist.

Zunächst einmal: Ich bin heute Abend für die Türkei. Müssen wir jetzt eine Integrationsdebatte daraus machen? Bitte nicht! Das ist langweilig und fehl am Platz. Zumindest im Zusammenhang mit Fußball.

Ich wünsche mir, dass die türkische Nationalmannschaft heute Abend Deutschland im Halbfinale schlägt. Auf dem Rasen. Und das hat wahrlich nichts mit Nationalität zu tun. Ganz im Gegenteil geht mir das nationalistische Gehabe einiger "Landsleute", ob mit Schwarz-Rot-Gold oder Halbmond, auf dem Fan-Trikot ganz schön auf die Nerven.

Keine zwei Herzen in der Brust

Dass ich den Türken die Daumen drücke, hat auch nichts mit mangelnden Eingliederungsanstrengungen meinerseits zu tun. Geboren und aufgewachsen bin ich in Flensburg! Ich habe hier studiert und arbeite in Deutschland. Ich denke auf Deutsch, meistens zumindest. Ich könnte mir auch nicht vorstellen, dauerhaft in der Türkei zu wohnen. So.

Und bitte: Es schlagen auch nicht zwei Herzen in meiner Brust! Es gibt bald keinen Autor mehr, der dieses Bild nicht bemüht hätte. Sollten zwei Herzen in meiner Brust schlagen, verlange ich sofort, in einem Anatomie-Museum ausgestellt zu werden! Warum kann man als Deutsch-Türke nicht ein Herz haben und dennoch den Türken die Daumen drücken?

Die Türken haben den Sieg verdient

Ich bin für die Türken, einfach, weil sie einen Sieg verdient hätten. Ich bin für die Türken, weil sie seit Beginn der EM keine Chance hatten - und diese genutzt haben. Sie haben sich mehr als einmal aus chancenlosen, auswegslosen Situationen herausgekämpft, niemals aufgegeben. Sich getraut, sich ein Herz gefasst, auch in der 120. Minute. Vielleicht aus Kampfgeist, vielleicht aus Dickköpfigkeit. "Jetzt werden wir eben mal nicht verlieren!", stand auf ihrer Stirn. Beeindruckend.

Mir gefällt es, dass Bayern-Star Hamit Altintop für die Türken spielt. Vielleicht aus pragmatischen Gründen, weil er in der Mannschaft von Fatih Terim die Chance bekommen hat, die ihm in einer deutschen Nationalmannschaft verwehrt gewesen wäre. Mir gefällt es auch, dass ein Kazim Kazim alias Colin Kazim Richards in der türkischen Nationalmannschaft spielt. Sein Vater stammt aus Antigua und Barbuda, seine Mutter aus Nord-Zypern. Das ist so international!

Mir gefällt, dass Yakin für die Schweiz spielt

Und mir gefällt es auch, dass ein türkischstämmiger Hakan Yakin für die Schweiz spielt. Bei dem Spiel Türkei-Schweiz beschlich mich nach dem ersten Tor durch Yakin ein sonderbares Gefühl. Ich dachte: Okay, wenn die Schweiz gewinnt, freuen sich wenigstens zwei Türken: Yakin und sein Mannschaftskollege Eren Derdiyok, auch schön. Aber es sollte anders kommen. Und vielleicht haben sich die beiden ja auch ein bisschen für die Türken gefreut.

Ich bin heute Abend für die Türkei, für den Underdog. Und glauben Sie mir, die Türken können leiden wie Hunde. Herrlich leidenschaftlich! Aber sie können sich ebenso leidenschaftlich freuen. Zum Beispiel über dieses Spiel, das sich so viele Türken in Deutschland schon immer gewünscht haben. Weil es sie in eine praktische Lage versetzt: Gewinnen die Türken, wird ein Feuerwerk ausbrechen. Gewinnen die Deutschen, haben etwa 1,7 Millionen Türken in Deutschland trotzdem eine Mannschaft, die sie im Finale anfeuern können.

Özlem Topcu

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wissenscommunity

Partner-Tools