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"Schmerzmittel sind kein Doping"

Tim Meyer ist seit sieben Jahren der Internist der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Im Interview spricht er über die medizinische Betreuung der Nationalspieler, den Fall Klasnic und den Umgang mit Schmerzmitteln im Leistungssport.

Nach der Blutuntersuchung der Nationalspieler zu Beginn des EM-Trainingslagers sagte Joachim Löw, der "Gesamtzustand der Mannschaft" sei gut. Kann man damit sagen, dass die drei Spieler, die noch aus dem Kader gestrichen werden, nicht aus physischen Gründen scheitern?

Die Ergebnisse der Labortests habe ich ausgewertet. Es gibt aus meiner Sicht niemanden, der wegen Problemen im internistisch-leistungsphysiologischen Bereich aussortiert werden müsste.

Seit sieben Jahren betreuen Sie die Nationalspieler. Haben Sie eine Veränderung der Akteure im Umgang mit Ihrem größten Kapital, dem Körper, festgestellt?

Das Arbeiten am eigenen Körper hat eindeutig zugenommen. Es gibt eine Menge Spieler, die mit Übungen an sich arbeiten, die mit Spezialisten im Verein oder außerhalb arbeiten.

Dabei sind Konflikte programmiert zwischen Nationalmannschaft und Vereinen, wenn den Spielern hier Hausaufgaben für zusätzliches Training mitgegeben werden. Wie sehen Sie das Konfliktpontenzial?

Ein Interessenkonflikt zwischen einem Verband und Vereinen ist aus meiner Sicht in manchen Bereichen normal, denn die Ziele sind nicht identisch. Auch ist ist man in den Vereinen nicht zwangsläufig in jedem Punkt einer Meinung mit uns, was ich ebenfalls normal finde. Wir gehen damit um, indem wir Offenheit pflegen. Ich übermittle unsere erhobenen Daten immer an die Mannschaftsärzte der Vereine oder deren Mitarbeiter. Es gibt bei uns nichts zu verbergen. Wir versuchen, die Spieler davon zu überzeugen, dass das, was wir hier machen, begründet ist. Wir machen keinen Hokuspokus. Das bedeutet nicht, dass nicht auch andere Wege nach Rom führen können.

Die UEFA hat eine unangemeldete Doping-Kontrolle bei jedem der 16 EM-Teams in der Turnier-Vorbereitung angekündigt. Erstmals sollen auch Bluttests durchgeführt werden. Waren die Kontrolleure schon da?

Nein, sie waren bei uns noch nicht. Wir begrüßen die Trainingskontrollen. Durch die Bluttests wird das Auffinden verbotener Substanzen wahrscheinlicher. Aber es wird nicht in dem Maße wahrscheinlicher, wie das viele gerne glauben wollen. Urin ist auch weiterhin das wichtigste Material, um Doping-Substanzen nachzuweisen. Es ist ein Fortschritt, dass man Bluttests durchführt, aber kein Quantensprung.

Der Fall Ivan Klasnic, dem eine Niere transplantiert wurde, hat ein Schlaglicht auf die Verwendung von Schmerzmitteln im Fußball geworfen. Wie geht man damit bei der Nationalmannschaft um?

Es geht wohl vorwiegend um vier Schmerzmittel, Acetylsalicylsäure (Aspirin), Diclofenac (Voltaren), Ibuprofen und Paracetamol. Wir verordnen sie zurückhaltend. Die ganze Bevölkerung nimmt bei Kopfschmerzen Aspirin. Wir sollten nicht bei Fußballern ein großes Problem sehen, wenn auch sie das sporadisch einnehmen. Eine unkritische Einnahme in größeren Mengen ist aber natürlich nicht zu befürworten. Ich bin dennoch entschieden dagegen, dass Schmerzmittel auf die Dopingliste gehören. Wenn das geschieht, muss es im Umkehrschluss die Möglichkeit geben, diese in medizinisch gerechtfertigten Situationen doch zu verordnen. Dann können wir das Personal der Nationalen Antidoping-Agentur (NADA) verfünffachen, weil allein Anträge auf Schmerzmittelgebrauch deren Tag fünfmal füllen würden. Das ist nicht praktikabel. Schmerzmittel sind kein Doping.

Was ist der Unterschied?

Meyer: "Schmerzmittel steigern nicht die Leistungsfähigkeit, sie stellen bestenfalls die schmerzbedingt reduzierte normale Leistungsfähigkeit her. Das darf man nicht in einen Topf schmeißen mit EPO. Wenn Sie sich perfekt gesund fühlen und nehmen EPO, werden Sie besser. Wenn Sie sich perfekt gesund fühlen und nehmen ein Schmerzmittel, sind Sie so leistungsfähig wie zuvor. Das ist ein entscheidender Unterschied.

Wie nierenschädigend sind denn eigentlich Schmerzmittel?

Den 'Fall Klasnic' kann ich nicht beurteilen, weil mir die Einzelheiten nicht bekannt sind. Aber das Potenzial der Schädigungen, das bei den oben genannten Medikamenten besteht, muss man realistisch bewerten. Es ist nicht so, dass jeder Zweite eine Nierenschädigung bekommt, weil er Schmerzmittel einnimmt. Mir liegen alle Nierenwerte der Nationalspieler vor, keiner hat ein Nierenproblem.

Hat die Sportmedizin in Deutschland an Ansehen verloren durch die Verwicklung der Freiburger Ärzte in den Doping-Skandal um das ehemalige deutsche Radsportteam T-Mobile?

Leider hat sie das wohl. Unser Fach ist etwas unter Druck geraten. Es sind offensichtlich von ärztlicher Seite nicht zu entschuldigende Dinge vorgefallen in der Radsportbetreuung. Wir müssen dem entgegenarbeiten, indem wir seriöse Medizin machen und beweisen, dass die Sportmedizin auch im Leistungssport in erster Linie die Gesunderhaltung der Athleten im Blick hat und nicht deren Leistungssteigerung.

Spüren Sie auch beim DFB eine größere Skepsis?

Meyer: "Skepsis kann ich nicht sagen. Die Sensibilität ist hoch, dem Thema gibt man Gewicht. Da steckt die verständliche Sorge dahinter, dass Dopingfälle das Image einer Sportart schädigen. Das Thema hat natürlich auch durch die mediale Aufmerksamkeit der letzten Monate an Bedeutung gewonnen.

DPA/DPA
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