Der Traum ist aus

28. Juni 2012, 22:32 Uhr

Der Siegeszug ist vorbei. Nach einer bitteren 1:2-Niederlage gegen Italien im EM-Halbfinale muss die Löw-Truppe weiter auf einen Titel warten. Auch der Bundestrainer trägt eine Mitschuld am Aus. Von Klaus Bellstedt, Warschau

Fußball, EM, Deutschland, Italien, Halbfinale

Die Enttäuschung ist überwältigend: Marco Reus sitzt nach dem Abpfiff auf dem Rasen und schlägt die Hände vors Gesicht©

Der Maulwurf blieb dieses Mal unter der Erde. Die mit Spannung erwartete Aufstellung von Joachim Löw für dieses Halbfinale gegen Italien wurde, so wie es sein soll, erst gut eine Stunde vor Spielbeginn von der Uefa an die Öffentlichkeit gegeben. Der Bundestrainer blieb seiner Linie treu, überraschte alle und nahm erneut Wechsel vor. Für André Schürrle rotierte Lukas Podolski zurück ins Team, Toni Kroos ersetzte überraschend Marco Reus auf rechts und vorne spielte Mario Gomez für Miro Klose.

Löw hat in diesen EM-Tagen mal gesagt, dass er sich in Sachen Aufstellung durchaus auch von seinem Bauchgefühl leiten lasse. Was soll man sagen? Die innere Stimme täuschte den deutschen Coach dieses Mal – ausgerechnet im Halbfinale. Gerade die Hereinnahme von Toni Kroos erwies sich als Fehlgriff. Der Bayern-Profi rochierte viel mit Mesut Özil, aber er sollte in erster Linie den "Architekten" der Italiener, Andrea Pirlo, aus dem Spiel nehmen. Das gelang Kroos viel zu selten. Die Passmaschine brauchte zwar ein bisschen, aber mit zunehmender Spieldauer glänzte Pirlo als Initiator fast jeden Angriffs. Für die beiden Gegentore von Mario Balotelli (20./36.) konnte Kroos aber nichts.

Individuelle Fehler Mats Hummels und Philipp Lahm

Individuelle Fehler von Mats Hummels und Philipp Lahm brachten Deutschland auf die Verliererstraße. Schon nach dem 0:1 war die DFB-Auswahl geschockt. Davor war man im Grunde das bessere Team. Jetzt lagen die Spieler von Joachim Löw erstmals in diesem Turnier in Rückstand. Und sie fanden weiter kein Rezept. Auch weil das Zusammenspiel zwischen Özil und Gomez nicht klappte. Und weil Lukas Podolski überhaupt keine Bindung zum Spiel fand. Löw korrigierte seinen Fehler und nahm zur Pause sowohl Gomez als auch Podolski vom Platz.

Mit Reus und Klose hatte Deutschland zwar weiter viel Ballbesitz, aber die abgezockten Italiener verschleppten geschickt das Tempo, erstickten so das gegnerische Angriffsspiel und lauerten selbst auf Umschaltgelegenheiten. Normalerweise sind in solchen Situationen die Führungsspieler gefordert. Aber die Nationalmannschaft hatte in Warschau keinen. Bastian Schweinsteiger wirkte erneut nicht richtig fit, es gingen keine Impulse von ihm aus. Auch Sami Khedira spielte längst nicht so dominant wie in den Partien zuvor. An ihrer Seite ging Mesut Özil immer mehr mit unter. Auch das war ein Grund für die Niederlage. Der Elfmeter kurz vor dem Abpfiff, den Özil sicher verwandelte, hatte keine Bedeutung mehr.

Individuelle Fehler, ein einfallsloses Mittelfeld und die Risikofreude bei der Aufstellung von Joachim Löw waren schließlich verantwortlich für das Ausscheiden der Nationalmannschaft bei der EM. Die 1:2-Niederlage war vor allem auch ein Scheitern an sich selbst. Wer hätte das gedacht!

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