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Bierhoffs "Kamingespräch" empört Zentralrat der Juden

Im bizarren Streit zwischen dem Zentralrat der Juden und dem DFB liegt jedes Wort auf der Waage - etwa "Kamingespräch". stern.de hat erkundet, worum es in Wahrheit geht.

Von Volker Königkrämer

  Miroslav Klose, Oliver Bierhoff, Philipp Lahm und Lukas Podolski gedenken der Opfer im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz

Miroslav Klose, Oliver Bierhoff, Philipp Lahm und Lukas Podolski gedenken der Opfer im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz

Ein bizarrer Streit sorgt für Misstöne bei der Anreise der deutschen Fußballnationalmannschaft in ihr EM-Quartier in Danzig. Die Kombattanten: Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden, und der DFB. Genauer gesagt: Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff. Es geht um den Holocaust und darum, wie ein Fußballverband und seine Nationalmannschaft im EM-Gastgeberland Polen ein würdevolles Zeichen des Gedenkens setzten kann.

Am Freitag hatte eine DFB-Delegation unter der Führung von Präsident Wolfgang Niersbach die Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz besucht. Mit dabei waren Bundestrainer Joachim Löw, Manager Bierhoff und die Nationalspieler Philipp Lahm, Miroslav Klose und Lukas Podolski. Der Verband hatte sich für eine dezente Form des Erinnerns entschieden, weil man keine "PR-Aktion" aus dem Besuch habe machen wollen. Das Medienecho war positiv. Viele Kommentatoren würdigten das Gedenken der Nationalspieler als vorbildliche Geste und wichtiges Signal.

Nicht so Dieter Graumann. Am Sonntag kritisierte der Präsident des Zentralrats der Juden den DFB scharf und warf insbesondere Bierhoff "kolossale Gefühllosigkeit und Geschmacklosigkeit" vor. Graumann sprach von einer verpassten Chance. Insbesondere die Tatsache, dass nur drei Nationalspieler an der Veranstaltung teilgenommen hatten, stieß ihm sauer auf. "Wenn die komplette Nationalmannschaft gekommen wäre, hätte man damit Hunderttausende junger Menschen erreicht, mehr als mit tausend Gedenkreden."

Stein des Anstoßes: ein Interview von Oliver Bierhoff

Am Montag konkretisierte der Zentralratspräsident seine Aussagen. Ihm sei es keineswegs darum gegangen, den Auftritt von Lahm und seinen Mannschaftskollegen in Auschwitz zu diskreditieren. Im Gegenteil: "Das war in der Tat ein sehr würdevoller und vorbildlicher Moment", so Graumann zu stern.de. "Noch nachhaltiger wäre es aber sicherlich gewesen, wenn die ganze Mannschaft dabei gewesen wäre."

Was ihn jedoch verwundert, ist die Darstellung des DFB über die Entstehungsgeschichte der Auschwitz-Visite. Insbesondere ein Interview von Oliver Bierhoff in der "Berliner Zeitung" unmittelbar am Tag vor der Gedenkveranstaltung habe er als "schnodderig und respektlos" empfunden. Darin kritisiert Bierhoff, dass Graumann im März mit seiner Forderung nach einem offiziellen DFB-Gedenken zu einem Zeitpunkt vorgeprescht sei, als beim Verband die Meinungsbildung noch nicht abgeschlossen gewesen sei. "Ich hätte es begrüßt, wenn er zuerst Wolfgang Niersbach oder mich darauf angesprochen hätte, anstatt direkt an die Öffentlichkeit zu gehen. Jetzt kann es so wirken, als seien wir dahin geführt worden", so Bierhoff.

"Kamingespräch" - bloß ungeschickt oder geschmacklos?

Dieser Passage widerspricht Graumann vehement. Denn: "Ich habe sehr wohl den DFB zuvor direkt angesprochen." Erst nach Veröffentlichung dieses Interviews, darauf legt Graumann Wert, habe er mit seiner Kritik nicht mehr hinter dem Berg gehalten und insbesondere eine frühere Formulierung von Bierhoff kritisiert, in der der Nationalmannschaftsmanager behauptet hatte, dass man die Holocaust-Problematik selbstverständlich bei der EM-Planung im Auge habe. "Es kann ein Kamingespräch sein oder ein Vortrag", hatte Bierhoff im März gesagt.

Diese Formulierung kann Graumann nur schwer ertragen: "Weiß er denn nicht, wie sehr uns mit einem solchen Wort verletzt, vor dem Hintergrund, dass in Auschwitz unsere Menschen durch den Kamin gejagt worden sind?"

Graumanns Fazit: "Weder er noch der DFB haben sich jemals dafür entschuldigt. Stattdessen hat Bierhoff aber sogar noch unmittelbar am Tag vor dem begrüßenswerten Besuch in Auschwitz unsensibel und uneinsichtig nachgetreten und so den ansonsten gelungenen und gut gemeinten Besuch verschattet. Das hat uns sehr verletzt - und neues Vertrauen muss jetzt erst wieder mühsam aufgebaut werden."

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