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Quo vadis, Fußball-Deutschland?

Und jetzt? Weiter wie zuvor? Kann man so eine klare Niederlage gegen Italien einfach wegstecken? Muss man etwas ändern, das System vielleicht, den Bundestrainer gar?

Von Wigbert Löer, Warschau

  Die Luft ist raus - zumindest vorerst. Der Blick geht dennoch dezent optimistisch nach vorne

Die Luft ist raus - zumindest vorerst. Der Blick geht dennoch dezent optimistisch nach vorne

Zumindest auf die letzte Frage lautet die Antwort: Nein. Man muss den Bundestrainer nicht ändern, weil er im Halbfinale möglicherweise falsch aufgestellt hat. Weil Gomez und Podolski ungefährlich blieben. Und weil es sich als Fehler herausstellte, Marco Reus bei dieser Europameisterschaft erst drei Spiele lang komplett zu ignorieren und ihn dann, nachdem er aus dem Nichts kommend ein starkes Spiel gegen Griechenland gemacht und damit seinen Wert nachgewiesen hatte, erneut auf die Bank zu setzen. Reus’ Dribblings, überhaupt der Mut, in den Zweikampf zu gehen, hätten Deutschland bereits in Hälfte eins gut getan.

Joachim Löw und sein schönes Spiel, von dem er immer schwärmt, sind für diese Nationalmannschaft auch künftig die beste Option. Denn der Bundestrainer hat die Spieler zur Verfügung, die er für ein technisch anspruchsvolles Offensivspiel mit unmittelbarem Gegenpressing à la Barcelona braucht.

Konkurrenz für Podolski

In Polen und der Ukraine waren es ja vor allem Akteure der nicht alten, aber älteren "Generation 2004", die wenig helfen konnten. Per Mertesacker verlor seinen Platz an Mats Hummels, wenn man die Leistungen der beiden Innenverteidiger während der letzten zwei Jahre anschaut längst nicht nur aufgrund von Verletzungspech. Bastian Schweinsteiger scheiterte in der Tat vor allem daran, dass er seit Monaten nicht schmerzfrei trainieren und nicht schmerzfrei spielen kann. Lukas Podolski hat bemerken müssen, dass die jahrelange Treue Löws, die ihn auch spielen ließ, wenn er im Verein nicht zum Einsatz kam, endlich ist. Er hat scharfe Konkurrenz bekommen, Schürrle, Reus, auch Julian Draxler. Sie alle können über links kommen – und viel flexibler in die Mitte ziehen.

Von den vier Oldies, die seit 2004 dabei sind und alle zwischen 80 und 100 Länderspiele gemacht haben, steht nach dieser EM nur Philipp Lahm halbwegs unversehrt da. Er hat weiterhin keine Konkurrenz zu befürchten, weder als Links- noch als Rechtsverteidiger.

Ein bisschen demütiger

Lahm und wohl auch Schweinsteiger – fast möchte man schreiben, müssen die Jüngeren anführen. Aber müssen sie das wirklich? Braucht dieser unerschrockene Sami Khedira jemanden, der vorweg geht? Da rennt er längst selbst. Auch Mesut Özil zeigte Abgeklärtheit und Selbstbewusstsein, als er nach einem insgesamt schwachen Turnier im Halbfinale den Elfmeter schoss. Manuel Neuer und Holger Badstuber – so erfahren schon, so etabliert. Mats Hummels führt bei Borussia Dortmund. Marco Reus hat gezeigt, dass eine zweijährige Achterbahnfahrt mit Borussia Mönchengladbach durchaus vorbereiten kann auf eine Europameisterschaft, auch wenn er sich da immer mal gegen Nürnberg oder Hoffenheim bewiesen hat, gegen Gegner also, denen der Bundestrainer hohes Niveau absprach.

Es geht weiter mit dieser Nationalelf, ob nun Klose oder Gomez stürmt. Der DFB, seine Trainer, seine Spieler und seine vielen Millionen Fans – sie alle haben gelernt, dass Fußball dann eben doch nicht immer nach Wahrscheinlichkeitsberechnungen abläuft. Diese Mannschaft, mit starken Spielern, einem guten Trainer, professionellem Umfeld – sie verlor ein Halbfinale gegen ein Team, deren Torwart im Zusammenhang mit Wettmafiosi genannt wurde und dem die Polizei einen Spieler aus dem Trainingslager holte.

Es wird viel von Demut gesprochen seit einiger Zeit im Profifußball. Deutschland geht wohl ein bisschen demütiger aus diesem Turnier, ein bisschen bescheidener auch. "Auf Augenhöhe mit Spanien" hatten sich so viele gewähnt. Zu Italien musste man aufschauen.

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