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Alle feiern Joshua Kimmich - selbst der Mann, den er verdrängte

Joshua Kimmich hat gerade mal eine Bundesligasaison gespielt - und erst sein zweites Länderspiel. Dennoch gilt er vielen nach der Partie gegen Nordirland als Nachfolger von Philipp Lahm in der Nationalelf. Zu Recht.

"Genau die richtige Entscheidung": Joshua Kimmich gegen Nordirland in seinem zweiten Länderspiel

"Genau die richtige Entscheidung": Joshua Kimmich gegen Nordirland in seinem zweiten Länderspiel

Es war wie eine Befreiung. Nachdem die deutsche Nationalelf in den ersten beiden Spielen gegen die Ukraine und Polen in der Offensive kaum stattfand oder ein kraftloses Tiki Taka bot, war es gegen ganz anders. Die Mannschaft von Joachim Löw kombinierte nicht nur, sondern kam zu zahlreichen Torchancen. Es gab viel mehr Flanken, Pässe in die Spitze und Abschlüsse (von der mangelnden Chancenverwertung wollen wir hier schweigen).

Einer der Gründe für den Aufschwung: Löw brachte Bayern-Talent auf der rechten Außenverteidiger-Position für den limitierten Benedikt Höwedes - und es war großartig wie der 21-Jährige mit der größten Selbstverständlichkeit seine Rolle ausfüllte. Er trat auf, als hätte er nie etwas anderes getan, als für Deutschland bei großen Tunieren zu spielen. Endlich hat die deutsche Elf rechts hinten wieder einen Spieler mit Technik, Tempo und geschicktem Zweikampfverhalten. Endlich ist da wieder ein Talent, das das Potential hat, ein würdiger Nachfolger des großen Philipp Lahm zu werden: "Joshua hat klasse gespielt. Es war genau die richtige Entscheidung vom Coach, ihn zu bringen.“ Sogar der ausgebootete Benedikt Höwedes lobte den Konkurrenten. Es sagt viel über den Stellenwert Kimmichs im Team, wenn sich sogar der Konkurrent so äußert.

Sammer wollte Joshua Kimmich lieber in Rio sehen

Zum Glück hat Löw nicht auf die Empfehlung von Bayern-Manager Matthias Sammer gehört. Dem wäre es lieber gewesen, Kimmich mit der U21-Mannschaft zu den Oympischen Spielen nach Rio de Janeiro zu schicken. Doch der Einsatz auf der großen Bühne Europameisterschaft kommt für Kimmich nicht zu früh. Guardiola setzte in der abgelaufenen Saison sofort auf das Talent, nachdem er in der Abwehr zahlreiche Ausfälle hatte. "Ich liebe diesen Jungen“, bekannte Guardiola. Und er traute ihm einiges zu, als er ihn in der Champions League als Innenverteidiger einsetzte. Dabei absolvierte Kimmich gerade mal sein erstes Jahr in der Bundesliga, nachdem er von RB Leipzig zu gewechselt war. Zuvor hatte er ein je Jahr in der zweiten und dritten Liga gekickt.

Der Weg von Kimmich beginnt in württembergischen Bösingen, wo er aufwuchs. Seine Eltern leben noch heute dort. Mit zwölf Jahren geht er zum VfB Stuttgart, später wechselt das Riesentalent zu , wird vom VfB zurückgekauft, um ihn gleich für 8, 5 Millionen Euro an die Bayern weiterzureichen. Der damalige VfB-Trainer Alexander Zorniger sagte dazu laut "SWR“: "Ich würde gerne jeden (beim VfB, Anm.d.Red.) erschlagen, der an diesem Deal beteiligt war." Doch gegen die Lockrufe aus München, die von persönlichen Gesprächen Sammers und Guardiolas mit den Eltern untermauert werden, hat der VfB keine Chance.

Härtetest steht noch bevor

Seitdem geht es für Kimmich steil bergauf. Vielleicht hat das auch mit seinem Charakter zu tun. Der Abiturient gilt als zurückhaltend. In München lebt Jo oder Josh, wie er meistens genannt wird,  mit seiner jüngeren Schwester in einer Wohngemeinschaft. Auf Facebook schrieb er nach seinem EM-Debüt: "Wow - immer noch Gänsehaut! Ein super Gefühl! Ich kann es noch gar nicht fassen, heute Teil dieser Mannschaft gewesen zu sein. Jetzt kurz genießen und dann geht es weiter!"

Kimmich wird in Zukunft noch mehr Nachweise seines Talents liefern müssen, wenn er alle überzeugen will. Der Härtetest in der steht erst bevor, sollte Deutschland im Viertelfinale mit Spanien oder Italien auf ein größeres Kaliber treffen als die zweitklassigen Nordiren. Doch es sieht so aus, dass er das locker schaffen wird.

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