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Dieser Weg wird ein seichter sein

Seit gestern Abend steht fest: Die größte Herausforderung für den deutschen Fußballfan auf dem Weg zur EM werden die Übertragungen von RTL sein. Die Sendung war eine Zumutung.

Von Daniel Bakir

  Wandertour durchs Westfalenstadion: RTL-Moderator Florian König (l.) führt Jens Lehmann auf verschlungenen Pfaden durch die Dortmunder Arena

Wandertour durchs Westfalenstadion: RTL-Moderator Florian König (l.) führt Jens Lehmann auf verschlungenen Pfaden durch die Dortmunder Arena

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, mir von RTL nicht den Fußballabend verderben zu lassen. Dafür hatte ich mir für das Spiel gegen Schottland eine wirklich ausgeklügelte Taktik zurechtgelegt. Der Matchplan lautete: Schalte den Fernseher zu Spielbeginn ein, gehe in der Halbzeit auf Toilette, und schalte mit dem Schlusspfiff ab. Je weniger Drumherum du mitbekommst, desto besser. Aber wie das nun mal so ist beim Fußball - man kann nicht immer alles umsetzen, was man sich vorgenommen hat.

Dabei ging der erste Teil des Plans noch voll auf: Pünktlich zu Spielbeginn fand ich den ungewohnten Knopf auf der Fernbedienung, den ich sonst nie drücke. Wie viele Stunden Vorberichterstattung, wie viele reißerische Trailer und emotionale Einstimmung RTL auch gesendet haben mochte, ich hatte sie erfolgreich ignoriert.

Auch die Halbzeitpause verlief streng nach Schlachtplan - Details lasse ich an dieser Stelle aus. Doch dann geschah, was so vielen Sportlern im Gefühl des sicheren Sieges passiert. Ich wurde unkonzentriert, ja leichtsinnig. Vielleicht lag es daran, dass RTL das laufende Spiel nicht ein einziges Mal mit Werbung unterbrochen hatte - noch nicht einmal der durch Formel-1-Übertragungen bei RTL berühmt gewordene Splitscreen kam zum Einsatz! Vielleicht lag es auch daran, dass ich erfahren wollte, was dem unglücklichen Marco Reus zugestoßen war, der in der Nachspielzeit verletzt vom Feld humpelte. Jedenfalls vergaß ich auszuschalten.

Und ich zog mir die vollen anderthalb Stunden Nachberichterstattung rein. Beziehungsweise: Die vollen anderthalb Stunden Werbung, unterbrochen durch das, was sich RTL unter Nachberichterstattung vorstellt.

Spielanalyse Fehlanzeige

Moderator und Formel-1-Experte Florian König war offenbar so verwirrt, dass nach dem Abpfiff keine schwarz-weiß-karierte Flagge geschwenkt wurde und niemand mit Champagner herumspritzte, dass er einfach keine substanzielle Konversation mit Co-Moderator Jens Lehmann in Gang zu bringen vermochte. Vielleicht waren die beiden aber auch zu erschöpft vom vielen Herumrennen im Stadion, denn RTL hielt es offenbar für eine spritzige Idee, das Paar von möglichst vielen verschiedenen Standorten moderieren zu lassen.

Normalerweise folgt nach einem Länderspiel so etwas wie eine Analyse, man zeigt strittige Szenen oder solche, die taktische Dinge verdeutlichen. Die einzigen drei Spielszenen, die RTL dem Zuschauer noch einmal zumuten wollte, waren die Tore. Die nicht geahndete Notbremse von Höwedes aus der ersten Halbzeit wurde ebenso wenig gezeigt wie die schottische Chancenflut nach der Halbzeit. Man kann all die modernen Analysetools für Schnickschnack halten, man muss nicht mit Stiften auf Bildschirmen herummalen oder Spieler virtuell hin- und herschieben. Aber was RTL tat, war eine glatte Analyseverweigerung.

In einem der wenigen Momente, in denen Lehmann mal etwas erklären wollte - nämlich was Außenverteidigerdebütant Rudy vor dem Gegentor falsch gemacht hatte -, wurde das passende Bild nicht eingespielt. Kurz darauf lief es dann ohne Hinweise auf Rudys Laufweg.

Espressotrinken mit Jogi

Als Florian König dann wirklich nicht mehr wusste, was man zu diesem seltsamen Sport namens Fußball noch sagen könnte, klammerte er sich daran, dass der Bundestrainer gleich im Studio sein werde, was er denn auch wie ein Mantra mehrfach wiederholte. Dazu zeigte RTL gefühlte zehn Minuten, wie Jogi auf dem Flur vor dem Studio verkabelt wurde. Das hätte man auch wunderbar in der Werbepause erledigen können, doch damit niemand wegschaltete, sollte Löw unbedingt zunächst Platz nehmen.

Nachdem König seine drängendste Frage losgeworden war - nämlich ob der Bundestrainer um die Uhrzeit noch Espresso trinke (RTL hatte ihm einen spendiert und wollte wohl für die kommenden Begegnungen wissen, ob sich die Mehrkosten gelohnt hatten) - gab er auch schon in die Werbung, die länger dauerte als der Rest des Löw-Interviews.

Auch einige der Reporterfragen passten in die seicht-anbiedernde Stimmung, die RTL beschwor. Christoph Kramer sollte etwas über Thomas Müller sagen, weil den ja alle so lustig finden. Kramer fiel dazu nichts ein, deswegen fragte der Reporter ihn einfach nochmal. Manuel Neuer sollte etwas zu Jens Lehmann sagen. Neuer wünschte Lehmann viel Glück bei seinem Job bei RTL. Lukas Podolski kam sogar ins Studio, um etwas über seine polnische Familie zu erzählen, weil Polen der nächste Gegner der Deutschen ist. Zum Ausklang und damit Florian König besser schlafen konnte, durfte dieser dann noch einmal erzählen, dass am Nachmittag bereits ein Super-Formel-1-Rennen gelaufen war. Und weil das zufällig auch auf RTL zu sehen gewesen war, feierte sich der Sender dafür nochmal mit ein paar Bildern.

Selbst Co-Moderator und Ex-Nationaltorwart Jens Lehmann war sich am Ende der Sendung nicht mehr so sicher, wo er hier hereingeraten war, nahm die Sache aber mit Humor. Nachdem ihn der Sendeplan gemeinsam mit Florian König wieder raus aus dem Studio und runter auf den leeren Rasen gescheucht hatte, bemerkte Lehmann, er werde beim nächsten Mal Wanderschuhe anziehen. So viel habe er selbst in seiner aktiven Zeit nicht vom Westfalenstadion gesehen.

Es droht eine Tour der Leiden zu werden. Denn gewandert wird bei RTL bis zur Europameisterschaft leider noch in neun weiteren Quali-Spielen. Fest steht: Dieser Weg wird ein seichter sein.

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