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Uefa "intensiviert Ermittlungen"

Es würde den europäischen Fußball erschüttern: Wurde das Uefa-Cup-Halbfinale 2008 St. Petersburg vs. Bayern München gegen Millionenzahlungen verschoben? stern.de erfuhr, dass die Uefa intensiv ermittelt - und zitiert aus abgehörten Gesprächen von Mafia-Bossen.

Von Wigbert Löer und Christian Bergmann

Sie wirkt wie erfunden, diese Geschichte, die von der Russenmafia und 50 Millionen Schmiergeld erzählt und von einem Halbfinale des Uefa-Cups, das verschoben worden sein soll. Sie erzählt vom deutschen Rekordmeister FC Bayern München, der jenes Spiel überraschend hoch verloren hat und dafür kassiert haben soll.

Doch die Disziplinarkommission des europäischen Fußballverbandes UEFA, der die Europapokal-Wettbewerbe ausrichtet, nimmt die Geschichte ernst. Nach Informationen von stern.de ermittelt die Uefa seit zwei Jahren, ob das Halbfinal-Rückspiel Zenit Sankt Petersburg gegen Bayern München am 1. Mai 2008 verschoben worden war. Man geht dem ungeheuerlichen Verdacht nach, dass sich Funktionäre oder Spieler des FC Bayern haben kaufen lassen

Am 30. April 2010, vor wenigen Wochen, traf sich ein hoher Uefa-Mitarbeiter in Madrid mit Vertretern der dortigen Staatsanwaltschaft. In dieser Woche werden Uefa-Leute von der Zentrale in Nyon am Genfer See aus erneut in die spanische Hauptstadt reisen. Die Staatsanwaltschaft Madrid spielt bei den Recherchen zur vermeintlichen Spielmanipulation eine wichtige Rolle. "Unsere Ermittlungen haben sich deutlich intensiviert", sagte ein Mitglied der Uefa-Disziplinarkommission gegenüber stern.de.

Vier Gegentreffer für Oliver Kahn

Der Frühling 2008: Beim FC Bayern spielt Oliver Kahn seine letzte Saison, auf der Trainerbank sitzt Ottmar Hitzfeld, in der Abwehr stehen Lucio, Demichelis und die deutschen Nationalspieler Lahm und Jansen. Der Verein unterhält eine schlagkräftige Truppe, die die deutsche Meisterschaft und den DFB-Pokal gewinnen wird. Im Hinspiel des Uefa-Cup-Halbfinales hat sie zuhause nur ein 1:1 erreicht, kein besonders gutes Ergebnis, allerdings spielt Zenit auch einen schnellen, durchschlagskräftigen Fußball. Im Rückspiel treten die Russen ohne ihren Superstar Andrej Arshavin an. Der FC Bayern geht überraschend mit 0:4 unter. Die Chance aufs Endspiel ist vertan, es wird der letzte Auftritt des Torhüters Kahn auf der internationalen Bühne gewesen sein - mit vier Gegentoren. Trainer Hitzfeld bezeichnet die Leistung der Seinen als "katastrophal". So kann Fußball sein. Aber der FC Bayern - käuflich? Während die halbe Welt zuschaut?

In jenen Tagen 2008 hören Ermittler der Staatsanwaltschaft Madrid Telefonate von russischen Mafiabossen ab. Die Männer um Gennadi Petrow dirigieren in St. Petersburg die Verbrecher-Organisation Tambowskaja, die in Deutschland, Holland, Schweden, Malta, Großbritannien, Griechenland, Israel und in der Schweiz aktiv gewesen sein soll. Petrow und seine Mitarbeiter halten sich zu dieser Zeit auf Mallorca auf. Sie scheinen sich sicher zu fühlen.

"Man hat Bayern München 50 Millionen bezahlt"

stern.de und der spanischen Zeitung "ABC" liegen Unterlagen der spanischen Staatsanwaltschaft vor, darunter ein Diagramm, das die Spiele und die abgehörten Gespräche verknüpft. Dort ist unter anderem vermerkt: "13/5/08, 13:41:52 Uhr. Inhalt des Gesprächs: Man hat Bayern München 50 Millionen bezahlt". Die Währung ist nicht genannt. In Rubel betrüge die Summe nach heutigem Stand rund 1,3 Millionen Euro, aber die Russen operieren international, gewöhnlich in Euro oder Dollar.

Auch das Protokoll des Gesprächs liegt stern.de vor. Darin unterhält sich der Mafiaboss Gennadi Petrow, hier als Guennadi bezeichnet, mit einem Kollegen namens Misha Myrich:

"Misha: Sie haben sie bezahlt, Mann.
Guennadi: Ich weiß es nicht. (lacht) Ha, ha, ha.
Misha: Weißt Du, wie viel sie Bayern gegeben haben sollen? 50 haben sie Bayern gegeben.
Guennadi: Bayern haben sie bezahlt 50?
Micha: Ja, 50.
Guennadi: Ja, kann sein. Und, andererseits, wie auch sonst? Anders kann man nicht gewinnen.
Misha: Die waren gelähmt. Die sind nicht mal gelaufen."

Ein Bayern-Sprecher: "Ermittlungen nicht bekannt"

Am 13. Juni 2008 nahm die spanische Polizei bei Razzien 18 Personen fest. In Gennadi Petrows Villa in dem mallorquinischen Städtchen Cálvia soll auch ein Tresor mit Bargeld, Diamanten und einem Gemälde des Malers Salvador Dalí beschlagnahmt worden sein. Der Tresor war angeblich in einem Wassertank versteckt. Die spanische Polizei sagte nach dem Zugriff, "die weltweit bedeutendste kriminelle Struktur russischer Herkunft" sei "völlig vernichtet worden".

Im Oktober 2008 äußerte sich der FC Bayern zu den bekannt gewordenen Ermittlungen. Dem FC Bayern München sei der Verdacht nicht bekannt. "Wir werden versuchen, jegliche etwaige Information zu diesem Vorgang zu erhalten." Die Staatsanwaltschaft München war damals von den spanischen Kollegen um Rechtshilfe ersucht worden, sah aber keine konkreten Anhaltspunkte für ein Ermittlungsverfahren.

Dass die Disziplinarkommission der Uefa seitdem stetig weiter ermittelt hat und ihre Nachforschungen nun, zwei Jahre nach dem Match, gar intensiviert, sei dem Klub, so Bayern-Mediendirektor Markus Hörwick vergangenen Samstag, "nicht bekannt". Hörwick gegenüber stern.de: "Das Ganze ist kein Thema mehr." Auch die Uefa dementierte offiziell.

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